Möglich, aber nicht zwingend: Lehrpläne und nachhaltige Entwicklung


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  Inhalt
  Nachhaltige Entwicklung in den Lehrplänen des Faches Erdkunde in der gymnasialen Oberstufe
  Nachhaltige Entwicklung in den sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Lehrplänen der gymnasialen Oberstufe
  Nachhaltige Entwicklung in den Rahmenplänen für die berufliche Bildung
  Resümee
  Literatur
   

Birgit Weber

Inwiefern hat die Forderung nach nachhaltiger Entwicklung unter Berücksichtigung der globalen, ökonomischen und ökologischen Dimensionen Eingang in Richtlinien und Lehrpläne des gesellschaftswissenschaftlichen Bereichs gefunden? Dieser Beitrag dokumentiert Curriculumanalysen der Verfasserin in den Fächern Erdkunde, Sozial- und Wirtschaftswissenschaft an Gymnasien der deutschen Bundesländer und den Rahmenvorgaben zur beruflichen Bildung.

Seit der Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 (Agenda 21 1992, Nr. 36.3) gilt Nachhaltigkeit als neues Leitprinzip der Umweltbildung. Durch das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung wird die bisherige Umweltbildung mit der Trias Umwelterhalt, Gerechtigkeit und Entwicklung erweitert um soziale, ethische und ökonomische Zielvorstellungen. Die Berücksichtigung der zeitlichen und räumlichen Dimensionen des Umweltverbrauchs, der durch die Einbeziehung der künftigen und gegenwärtigen Generationen ins menschliche Vorstellungsvermögen gezogen wird, erlaubt es bei aller Unvollkommenheit des Wissens über die ökologischen Grenzen theoretisch, die Handlungslücke zwischen dem gegenwärtigen Umweltverbrauch und einer nachhaltigen Umweltnutzung zu bestimmen. Das Leitbild nachhaltiger Entwicklung fordert entsprechend eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit heraus. Bildung für eine nachhaltige Entwicklung zielt auf folgende förderungswürdige Kompetenzen:

Im Rahmen der folgenden Dokumentation interessiert insbesondere, welche inhaltlichen Ansatzpunkte für eine nachhaltige Entwicklung in Lehrplänen des gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes vorhanden sind oder nachhaltige Entwicklung gar implizit verankert ist.

Nachhaltige Entwicklung in den Lehrplänen des Faches Erdkunde in der gymnasialen Oberstufe

Das Fach Erdkunde als interdisziplinäres Fach sucht von vorneherein gesellschaftswissenschaftliche als auch naturwissenschaftliche Bestandteile in eine multiperspektivische Betrachtung zu integrieren. Angesichts seines Raumbezuges sowie der damit verbundenen Affinität zu den natürlichen Lebensgrundlagen verwundert es kaum, dass Geografie zu den klassischen Fächern gehört, in denen Umweltbildung schon früh einen bedeutenden Stellenwert gefunden hat und dessen internationale Bezüge die globale Perspektive zwangsläufig integriert. Wie widmet sich nun ein solches integratives Fach der Umweltperspektive unter Berücksichtigung der nachhaltigen Entwicklung? Im Folgenden dokumentiere ich die Ergebnisse der Lehrplananalyse von Schlösser/Weber (1999: 176-179; 181-183):

In den meisten Lehrplänen des Faches Erdkunde in der gymnasialen Oberstufe werden Kenntnisse über natur-, wirtschafts- und sozialgeographische Prozesse, Strukturen und Probleme, Ursachen und Wirkungen gefordert. 

Es besteht kein Zweifel, dass im Fach Erdkunde ein erheblicher Spielraum und auch Herausforderung der Auseinandersetzung mit einer nachhaltigen Entwicklung besteht (1). Es stellt sich aber die Frage, inwiefern es in diesem für fächerübergreifendes Arbeiten so prädestinierten Fach tatsächlich gelingt, die interdisziplinären und komplexen Bezüge herauszuarbeiten. Dies soll an einigen Beispielen analysiert werden. 

Umweltökonomische Erkenntnisse fließen in kaum einen der Lehrpläne ein, auch wenn die Abwägung zwischen Ökonomie und Ökologie einen gewichtigen Schwerpunkt bei der Behandlung geoökologischer Fragestellungen bildet und obgleich die gymnasiale Oberstufe einen wissenschaftspropädeutischen Anspruch verfolgt. So bleiben die Lehrpläne nicht selten bei der Erkenntnis der Umweltprobleme einschließlich ihren physischen Verursachern stehen. Umweltpolitische Konzepte werden kaum diskutiert, häufig endet die Auseinandersetzung mit dem moralischen Appell an das einzelne Individuum. Die Auseioandersetzung mit internationalen Verflechtungen und den dort vorhandenen Disparitäten sowie die Frage eines globalen Umwelterhalts lässt internationale Zusammenarbeit nicht selten als conditio sine qua non erscheinen, ohne jedoch zu prüfen, auf welcher Regelungsebene welche Steuerungsinstrumente sinnvoll angesiedelt sein sollten. Wirtschaftliche Bezüge werden hergestellt, nicht jedoch erklärt. Angesichts der zahlreichen Aspekte, die in den Erdkundeunterricht eingehen sollen und dem verfügbaren zeitlichen Rahmen, kann dies jedoch kaum erstaunen. 

Nachhaltige Entwicklung in den sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Lehrplänen der gymnasialen Oberstufe

Nächster Untersuchungsgegenstand sind die sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Unterrichtsfächer der Gymnasien (siehe auch Weber 1999). Außer in Sachsen-Anhalt werden in allen Bundesländern globale Umweltgefährdungen oder auch die Notwendigkeit internationaler Umweltkooperation in den Lehrplänen - entweder der wirtschafts- oder der sozialwissenschaftlichen Unterrichtsfächer – berücksichtigt. Nachhaltige Entwicklung selbst wird allerdings nur in wenigen Lehrplänen ausdrücklich erwähnt.

Globale Umweltgefährdungen werden in fast allen Bundesländern berücksichtigt. Dabei handelt es sich in der Regel:

Internationale Umweltfragen und Ansätze zur Lösung des Nord-Süd-Konflikts unter Berücksichtigung ökologischer Fragen werden in einigen Bundesländern explizit eingefordert, jedoch außer einigen Ausnahmen kaum konkretisiert.

Es existiert kaum ein Lehrplan in den sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fächern der gymnasialen Oberstufe in allen Bundesländern, der nicht Raum böte für Problemstellungen einer nachhaltigen Entwicklung. Hilfestellung zur Auseinandersetzung mit den Themenstellung wird mit Ausnahme einiger weniger Bundesländer kaum gegeben.  Hilfestellungen zur Erschließung des Problems gehen über Stichwortbenennung, hinter denen sich vieles verbergen kann, kaum hinaus. So bleibt die Frage, was sich hinter der Erarbeitung von diffusen 'Verflechtungen', 'Zusammenhängen', 'Interdependenzen', 'Spannungsverhältnissen' und 'strukturellen Abhängigkeiten' etc. verbirgt. 

Nachhaltige Entwicklung in den Rahmenplänen für die berufliche Bildung 

Der dritte Gegenstand der Betrachtung sind die Rahmenvorgaben für die beruflichen Schulen (siehe auch Weber 1999b). Die Richtlinien und Lehrpläne für die berufliche Bildung harrten noch in den 80er Jahren der Weiterentwicklung angesichts der Anforderungen durch die Umweltbildung. Bis zu diesem Zeitpunkt lagen noch für viele Bereiche reine Stoffpläne vor, die an traditionellen Lehrbüchern ohne Berücksichtigung umweltökonomischer Erkenntnis orientiert waren. Neuere Anforderungen zur Entwicklung von Schlüsselqualifikationen fand man kaum. Inwiefern stellt sich diese Situation heute – nachdem die Kultusminister im Jahre 1991 eine Rahmenvereinbarung zur Berufsschule erließen – anders dar? Und welche Anforderungen hinsichtlich einer umwelt- und entwicklungsorientierten Bildung haben dort Eingang gefunden?

Nach den 1991 erlassenen Rahmenvereinbarungen verpflichteten die Kultusminister die Berufsschulen u.a. auf die Vermittlung einer Berufsfähigkeit, "die Fachkompetenz mit allgemeinen Fähigkeiten humaner und sozialer Art verbindet" und die Förderung der Fähgkeit und Bereitschaft, "bei der individuellen Lebensgestaltung und im öffentlichen Leben verantwortungsbewußt zu handeln". Deshalb soll die Berufsschule neben anderem "auf die mit der Berufsausübung und privater Lebensführung verbundenen Umweltbedrohungen und Unfallgefahren hinweisen und Möglichkeiten zu ihrer Vermeidung bzw. Verminderung aufzeigen". Darüber hinaus soll sie eingehen auf "Kernprobleme unserer Zeit" wie z.B. "Friedliches Zusammenleben von Menschen, Völkern und Kulturen" und die "Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen". 1998 implementierte die KMK trotz existierender Ausbildungsplatzmisere in darauf abgestellten Überlegungen zur Weiterentwicklung der Berufsbildung den Auftrag: "die allgemeine Bildung zu erweitern, ... (um) zur Erfüllung der Aufgaben im Beruf wie auch zur Mitgestaltung der Arbeitswelt und Gesellschaft in sozialer und ökologischer Verantwortung zu (befähigen)." Das Thema "Eine Welt/Dritte Welt" in Unterricht und Schule ist für die KMK (1997) expliziter Gegenstand der beruflichen Vollzeitschulen, aber: "Auch in den Berufsschulen ergeben sich vielfältige Bezüge zu Themenbereichen der 'Einen Welt/Dritten Welt'". Als zentrale Herausforderungen werden die wachsenden Ungleichgewichte zwischen arm und reich, Treibhauseffekt, Desertifikation, Migration und Bevölkerungswachstum genannt, die ein erhebliches Engagement zur Bewahrung der Umwelt und menschenwürdigen Lebensbedingungen verlangen.

Auf der Basis dieser Rahmenvorgaben können die Länder die Orientierungen einer umwelt- und entwicklungsorientierten Bildungsarbeit auch im Berufsschulunterricht – die sie in der Kultusministerkonferenz als Rahmenvorgaben mit erlassen haben – noch konkretisieren. 

Weitere Legitimationserfordernisse, Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung in die berufliche Bildung einzubetten, bestehen demnach nicht.  

Resümee

In vielen Bundesländern gehört die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen zu den Leitzielen des Geographieunterrichts. Dieser berücksichtigt die ökologischen Folgen des Wirtschaftens unter physisch-geographischer Perspektive. So kann er einen gewichtigen Beitrag zur Sensibilisierung für die Folgen leisten. Für eine gesellschaftswissenschaftliche Ursachen- und daraufhin begründete Strategiebestimmung gibt es in den Lehrplänen keine Anhaltspunkte. Die Auseinandersetzung mit Konflikten zwischen Ökonomie und Ökologie bleibt in der Regel bei der Darstellung der Probleme und ihrer Folgen stehen. Sie schließt weder die Berücksichtigung externer Effekte noch umweltpolitischer Strategien, geschweige denn eine ökologische und ökonomische Effizienzeinschätzung derselben ein.

Die Option zur ausgiebigeren Behandlung einer nachhaltigen Entwicklung auch unter globalen Aspekten ist zwar nicht in allen sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Lehrplänen verankert, es finden sich aber vielfältige Ansatzmöglichkeiten. Die Frage ist, was verankert werden soll, denn ausreichende Hilfestellung im Rahmen der Lehrpläne – etwa durch empfehlende Hinweise - gibt es mit Ausnahme von Nordrhein-Westfalen und begrenzt in Mecklenburg-Vorpommern nicht. Hilfestellungen zur Erschließung des Problems gehen über Stichwortbenennung, hinter denen sich vieles verbergen kann, kaum hinaus. So bleibt die Frage, was sich hinter der Erarbeitung von diffusen 'Verflechtungen', 'Zusammenhängen', 'Interdependenzen', 'Spannungsverhältnissen' und 'strukturellen Abhängigkeiten' etc. verbirgt. Nachhaltige Entwicklung in sozialwissenschaftlichen Lehrplänen ist vorrangig ein Feld der Politikwissenschaft. So kann erwartet werden, dass sich die Behandlung der nachhaltigen Entwicklung vorrangig der Analyse existierender Verträge und Vereinbarungen sowi! e ex istenten Interessenunterschieden widmet. Die Ursachen globaler Übernutzung, Möglichkeiten der Zielbestimmung in Abwägungskonflikten sowie – auch – ökonomische Lösungsstrategien und ihre Auswirkungen werden in den Lehrplänen nicht angesprochen. Ungefragt und unbeantwortet bleibt, ob es Sinn macht, im nationalen Alleingang Schutzmaßnahmen für globale Umweltgüter zu ergreifen oder ob es notwendig ist, auf internationale Kooperation zu warten, ob Protektionismus der Forcierung oder dem Schutz umweltverträglicher Produktion förderlich ist und inwiefern gutgemeinte Umweltaktionen das Gegenteil von dem bewirken, was sie anstreben? Insofern sind Zweifel berechtigt, ob nicht angesichts der Komplexität der Probleme mehr Orientierungslosigkeit hinterlassen wird als ohnehin schon existiert. Was von der Behandlung des Themas 'Nachhaltigkeit' angesichts der mangelnden Hilfestellungen übrig bleibt, könnte sich provokant wie folgt prognostizieren lassen:

In den Rahmenvorgaben für das berufliche Schulwesen lässt sich feststellen, dass die verlangten ökologischen Kompetenzen in den Rahmenvorgaben ein hohes Gewicht erlangen, sie aber hinsichtlich der Konkretisierung in den Lehrplänen schwächer werden bis hin zur Vernachlässigung. So scheint noch nicht einmal die systematische Konkretisierung der allgemein-abstrakten Ziele der Umweltbildung in den Lehrplänen abgeschlossen. Die KMK-Empfehlungen lassen zwar eine Vernetzung umwelt- und entwicklungsorientierter Fragen zu, unter Berücksichtigung des "Eine Welt"-Beschlusses gebieten sie sie gar, hinsichtlich ihrer Konkretisierung oder der Berücksichtigung des Stellenwertes dieser "Einen Welt" sind in den Rahmenlehrplänen und Richtlinien aber eher weiße Flecke zu konstatieren.

Es bleibt festzuhalten, die Lehrpläne lassen die Auseinandersetzung mit einer nachhaltigen Entwicklung in ihren vielfältigen Dimensionen zu, das ist die frohe Botschaft. Damit einhergeht die Möglichkeit, auch die Partizipationsmöglichkeit der Beteiligten zu fördern, da die Themenfelder nicht weiter determiniert sind. Es existieren zwar Möglichkeit der Integration nachhaltiger Entwicklung, die Anforderungen sind aber in der Regel nicht zwingend und weiterreichende Hilfestellungen fehlen meistens. Dies kann neben der Ignorierung wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Dominanz moralischen Einschränkungsappelle oder Verantwortungsverlagerungen auf die internationale Ebene führen, ohne die Wechselwirkungen mit Handlungen auf der nationalen  Ebene zu sehen ( Weber 1998/1997)


Anmerkungen

(1) Die Liste ließe sich fortsetzen: HH-EK (90: 4); MP-GO (95: 47); NI-EK (94: 4ff); NW-EK (98: 5ff); RP-GK (95: 11); SL-EK12 (90: 9); S-GO (92: 7); SA-GO (94: 6); SH-EK (86: 1); T-GO (93: 4).

(2) Dies sind Stichworte in BW-GK 94; BA-WR 92; B-WL 93; BR-WW 93; HB-P 92; H-GK 95; M-SK 98; M-AWT 98; NI-WL 84; NI-GK 94; NW-SW 98; RP-SK 95; SL-P 95; SH-WP 90; T-SK 96.

(3) Folgende globalen Probleme werden angesprochen: Klimaveränderungen: BW-GK 94; BR-AL 91; BR-PB 91, HB-P 92; M-AWT 98; NI-GK 94; NW-SW 98; SH-WP 90; Regenwald und biogenetische Vielfalt: BR-PB 91; SL-P 91; M-AWT 98; NW-SW 98; Ozonloch: BR-PB 91; M-AWT 98, NW-SW 98; Mülltourismus: M-AWT 98; NW-SW 98; SL-P 95; Gefährdung von Böden und Wasser: M-AWT 98; NW-SW 98; Zerstörung von Ökosystemen: H-GK 95; SH-WP 90; Umweltvergiftung: BR-PB 91.

(4) Hierauf wird rekurriert in: HB-P 92; M-AWT 98; NI-GK 94; RP-SK 95; SL-P 91; SH-WP 90.

(5) In vielen Bundesländern befinden sich gegenwärtig die Richtlinien, Rahmen- und Lehrpläne in  Überarbeitung z.B. Bremen, Hamburg, Saarland, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Thüringen.


Literatur

Hier wird darauf verzichtet, alle untersuchten Curricula (Rahmenvorgaben, Richtlinien und Lehrpläne, Beschlüsse der KMK) aufzulisten. Die Anfangsbuchstaben geben das Bundesland erkennbar wieder, es folgt eine Abkürzung für das Fach sowie das Erscheinungsjahr des Lehrplans. Verwiesen sei auf (Schlösser / Weber 1999, Weber 1999a, Weber 1999b). 

Agenda 21: Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro. (Hrsg. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit), Bonn

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KeyWords: berufliche Bildung, Gymnasium, wirtschaftswissenschaftliche Unterrichtsfächer


 

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