Nachhaltige Hochschule oder Hochschule der Nachhaltigkeit (1)
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Udo Simonis
I.
Zu dem mir gestellten Thema kamen mir zwei Dinge in den Sinn und zwei Sachen in die Hand: Das "Millennium" und der "Meilenstein in der Nachhaltigkeitsdebatte" sowie die erste Ausgabe einer "Wochenzeitung" im Jahr 2000 und der Bericht der "Weltkommission über Umwelt und Entwicklung" von 1987.
In der sog. Millennium-Ausgabe der Wochenzeitung (Die Woche) hatte man einem Dutzend namhafter Wissenschaftler drei Fragen gestellt:
- Was hätten Sie gern vor 300 Jahren erforscht?
- Was machen Sie zur Zeit?
- Woran würden Sie gern in 300 Jahren arbeiten?
Die zeitliche Dimension der Fragen, die Fokussierung auf die Forschung - das könnte indikativ sein für mein Thema, so dachte ich. Und die Antworten sind es auch - allerdings auf höchst unterschiedliche Weise, und vermutlich für jeden von uns unterschiedlich anregend und akzeptabel. Drei davon habe ich für Sie aufbereitet:
Paul Crutzen (66)
(Chemie-Nobelpreisträger, erforschte die Entstehung des Ozonlochs; Max-Planck-Institut für Atmosphärenchemie in Mainz)
- Mit dem heutigen Wissen um die Bedrohung des Planeten durch das Treibhausgas Kohlendioxid hätte ich die Solarzelle erfinden müssen - und damit vereitelt, dass Watson auf die Idee mit der Dampfmaschine kommen konnte.
- Mein Interesse gilt jetzt vor allem dem Treibhauseffekt. Wir versuchen, den momentan noch geringen Einfluss der Entwicklungsländer auf das Klima zu berechnen und messen Schadstoff-Emissionen aus Indien und Ostasien.
- Der Meeresspiegel wird bis zum Jahr 2100 um mindestens einen halben Meter ansteigen. Spätestens dann ist es für mich an der Zeit, in meinen ursprünglich erlernten Beruf als Deichbauingenieur zurückzukehren. Sollte es uns in 300 Jahren gelungen sein, riesige Kollektoranlagen in der Sahara für die Erzeugung von Strom und Wasserstoff zu bauen, dann müsste ich wohl als absichernde Maßnahme ein Konzept für den Weltfrieden erfinden.
Carl Djerassi (76)
(Entwickler der Anti-Baby-Pille; Stanford University in San Francisco)
- Ich hätte Sauerstoff entdecken wollen. Nur das Wissen um die Beschaffenheit der Elementarteilchen hat das Zeitalter der Alchemie beendet. Die Anti-Baby-Pille zu entwickeln wäre vor 300 Jahren moralisch unvorstellbar gewesen, zum Glück für die Kirche war es auch technisch ausgeschlossen.
- Derzeit verfasse ich Novellen und Bühnenstücke, um ein Bewusstein für die gesellschaftlichen Folgen der Reproduktionsforschung zu erzeugen. Die Schauspiel-Trilogie "Unbefleckt" wird demnächst auch in Deutschland zu sehen sein.
- Ich würde mich darum bemühen, dass die Wissenschaft ihrer sozialen Verantwortung besser gerecht wird. Es müsste Komitees geben mit den klügsten Köpfen der Gesellschaft: Politikern, Wissenschaftlern, Soziologen, Ökonomen. Sie sollten diskutieren, welche Reproduktionstechniken angesichts der Bevölkerungsentwicklung die sinnvollsten für ihre Region sind. Dann könnten Forscher die besten technischen Lösungen erfinden.
Helga Rübsamen-Waigmann (50)
(Entdeckerin mehrerer Stämme des Aids-Virus; Bayer AG in Wuppertal)
- Wenn sich damals eine Frau überhaupt mit dem Studium der Natur hätte beschäftigen können, ohne als Hexe verbrannt zu werden, hätte ich herauszufinden versucht, wie Infektionskrankheiten zu beherrschen sind. Ich wäre allerdings wohl kläglich gescheitert, weil die Methoden fehlten, um Mikroorganismen sichtbar zu machen und nachzuweisen.
- Ich und mein Team arbeiten an neuen Medikamenten gegen Viren, die Herpes, Leberzirrhose und -krebs auslösen. Außerdem arbeiten wir an der Gentherapie. Wir wollen die jahrmillionenalte Fähigkeit von Viren nutzen, um Gene zur Behandlung von Krankheiten in Körperzellen einzuschleusen.
- Ich würde mich mit der Frage beschäftigen, wie sich am Computer erzeugte Intelligenz und Ersatz-Nervenzellen sinnvoll mit dem Hirn vernetzen lassen. Die Entstehung von Gefühlen wäre sicher schon erforscht. Heiratswillige vergleichen dann ihre neuronalen Netze und wissen, welche Verbindungen funktionieren können und welche nicht. Ob man dann auch versteht, was Menschen glücklich macht?
Die Fragen waren einheitlich, die Antworten aber höchst unterschiedlich und stark vom fachspezifischen Hintergrund, ein wenig auch von der Vorstellungskraft der Befragten geprägt.
Wie steht's mit dem zweiten Dokument? Ich habe den Bericht der Weltkommisssion über Umwelt und Entwicklung (Brundtland-Bericht) von 1987 noch einmal, wieder einmal, in die Hand genommen und stellte erstaunt fest, dass sich darin nichts Originäres zu unserem Thema findet:
Im 1. Kapitel über die "Common Concerns" werden die bedrohte Zukunft und die Notwendigkeit der nachhaltigen Entwicklung (sustainable development) beschrieben und die Verantwortung der internationalen Wirtschaft beschworen.
Im 2. Kapitel über die "Common Challenges" werden das Bevölkerungsproblem, die Nahrungssicherung, die Zerstörung der Ökosysteme, die Energieversorgung und die Auswirkungen der Industriewirtschaft behandelt. Dass die Wissenschaft aber Teil des Problems, die Hochschulen mit Schuld sein könnten an diesen Problemen, das kommt nicht zur Sprache.
Auch im 3. Kapitel über die "Common Endeavours" ist darüber nichts Näheres zu finden. Zwar werden das Management der "Commons", der globalen Umweltgüter, Frieden, Sicherheit und Entwicklung betont, doch die Vorschläge und Forderungen nach institutionellen und rechtlichen Veränderungen lassen das Bildungssystem im Allgemeinen und die Hochschule im Besonderen außen vor.
Und doch ist der Brundtland-Bericht der entscheidende Meilenstein in der Nachhaltigkeitsdebatte - und es ist auch genau dieser Bericht, der uns heute hier zusammengeführt hat. Er hat nämlich, besser als alles, was zuvor gesagt und geschrieben war - und besser auch als manches, was danach kam - die fundamentalen Defizite der gesellschaftlichen Organisation, des ökonomischen und politischen Systems aufgezeigt: die Negation, die Verdrängung, die Verharmlosung der ökologischen und der (neuen) sozialen Frage. Der Brundtland-Bericht definierte den Begriff de nachhaltigen Entwicklung (sustainable develpment) und zeigte dabei auf:
- Das konventionelle, material- und energieintensive Wirtschaftswachstum ist nicht zukunftsfähig.
- Die Natur ist nicht nur Lieferantin quantitativ begrenzter Ressourcen; sie ist auch Aufnahmemedium für produzierte Schadstoffe - und aus ihrer begrenzten Aufnahmekapazität ergeben sich die neuen Grenzen des Wachstums.
- Die soziale Frage unter den jetzt lebenden Generationen ist keineswegs gelöst; das Nord-Süd-Gefälle nimmt weiter zu, nicht ab.
- Und dann die fulminante vierte Schlussfolgerung: Wir, die jetzt lebenden Generationen sind "Diktatoren" gegenüber jenen, die nach uns kommen, jedenfalls keine Demokraten; die neue soziale Frage ist die der Gerechtigkeit zwischen den Generationen, zwischen Gegenwart und Zukunft.
Eine der Definitionen von nachhaltiger Entwicklung (oder wie ich es übersetzt habe: zukunftsfähiger Entwicklung), die sich im Brundtland-Bericht findet, ist Ihnen allen bekannt, eine zweite aber möglicherweise nicht. Die erste bringt die Botschaft, das Leitbild, die zweite die Handlungsanweisung, die strategischen Elemente. Immerhin, hier sind Anknüpfungspunkte zu unserem Thema zu finden: die Nutzung der Ressourcen, die Struktur der Investitionen, die Orientierung des technischen Fortschritts, die institutionellen Strukturen ändern - da könnte wohl auch die Hochschule als Lehr- und Forschungsinstitution mit gemeint sein.
Die Interpretation des Konzepts der Nachhaltigkeit hat dann unterschiedliche Formen erfahren, eine enge, viele breitere Interpretationen. Der vermeintliche Konsens auf das "Dreisäulen-Modell" bzw. das "Nachhaltigkeits-Dreieck" wird nicht von allen geteilt. Besonders Ökologen, aber auch Philosophen der "Deep Ecology", sehen im Dreisäulen-Modell einen politischen Kompromiss, der im konkreten Entscheidungsfall immer zu ungunsten der Natur ausfallen dürfte. In der Tat erlebt man immer wieder, jeden Tag neu, dass bei Zielformulierungen wie bei der Diskussion um Implementationsstrategien die eine Säule zusammenschrumpft, die eine Seite des Dreiecks zu einem Punkt degeneriert: "Arbeitsplätze sind wichtiger als Umweltschutz", "Freiheit für die Autofahrer - gegen die Ökosteuer", usw. usf.
Vom Grundsatz her jedoch verlangt das "Nachhaltigkeits-Dreieck" (das Dreisäulen-Modell) Symmetrie, das heißt: gleiche Beachtung von Ökonomie, Gesellschaft und Ökologie als Zielelemente, von Effizienz, Konsistenz und Suffizienz als Strategieelemente der Nachhaltigkeit. So einfach es klingt - und so einfach das "Nachhaltigkeits-Dreiecks-Modell" in seiner Struktur auch ist, seioer Konkretisierung und Implementierung liegen viele Fußangeln und Stolpersteine, schwierige Bewertungsprobleme und starke Machtinteressen im Wege. Darin liegt aber zugleich auch eine enorme Herausforderung an die Wissenschaft, an Lehre, Forschung und Service der Hochschulen.
Einige Beispiele: Was Effizienz ist, darüber müssten uns Betriebswirte und Volkswirte, Manager und Unternehmer eigentlich hinreichend Auskunft geben können. Effizienzgewinne sind in der Vergangenheit aber immer wieder vom Mengenwachstum über-kompensiert worden (sog. rebound-Effekt), waren eine relative, aber keine absolute Entlastung für die Natur. Wenn es nun angesichts der sich verschärfenden Senkenproblematik und der internationalen Gerechtigkeitsfrage um die konsequente Einbeziehung der Natur wie der Zukunft in das ökonomische Kalkül geht, wird es trotzdem schwierig. Dann wird der Begriff der "Arbeitsproduktivität", der uns von Beginn der Industrialisierung an begleitet hat, dann wird das Konzept des "Bruttosozialprodukts", das unser ökonomisches Selbstverständnis seit einem halben Jahrhundert beherrscht, durch den Begriff der "Ressourcenproduktivität", durch ein Konzept des "Ökosozialprodukts" ersetzt werden müssen - Fragen, an denen auch sensibilisierte Umweltökonomen bisher gescheitert sind.
Was aber ist Suffizienz im konkreten Fall? Kann man Suffizienz messen, muss man das messen können oder genügt es zu sagen, dass wir einen neuen Lebensstil annehmen bzw. anstreben müssen, der ökologische Werte, präventives Verhalten und intergenerative Verantwortung beinhaltet?
In einer Gesellschaft wie der unseren, in der Effizienz zur Grundorientierung gehört und täglich neu beschworen wird ("Globalisierung", "internationale Wettbewerbsfähigkeit", "Liberalisierung der Märkte", "Mobilität", "Fusionierung", "Dax" und "Dollarkurs"), ist ein neuer Lebensstil vielleicht gar nicht möglich, auf jeden Fall aber strukturell blockiert.
Johan Galtung hat auf die Frage, wie er sich die Umsetzung des Nachhaltigkeitspostulats vorstelle, geantwortet: "Buddhistische Eskimos"! Wir müssten nicht nur Buddhisten in unseren Ansprüchen, wir müssten auch Eskimos in unseren Anpassungsfähigkeiten werden - ein Modell der Integration von Suffizienz und Konsistenz?
Soziologen und Psychologen, die die Frage nach einem neuen Lebensstil näher untersucht haben, sprechen von einem "Patchwork": Echte Alternativen im Umgang mit der Natur und den Mitmenschen sind bruchstückhaft realisiert, nur ansatzweise verknüpft. Immerhin: ein Patchwork, mehr noch ein Quilt kann etwas Schönes, ein Kunstwerk sein ...
Wenn wir aber in der "Effizienzfalle" sitzen und Suffizienz kein allgemeines Projekt wird, nur eine individuelle, keine gesamtgesellschaftliche Möglichkeit ist (Joseph Huber), wie steht es dann um "Konsistenz" als drittes Strategieelement?
Konsistenz bedeutet, auf die Ökologiefrage angewendet, die umweltverträgliche, qualitative Beschaffenheit von Stoff- und Energieströmen; konsistente Stoff- und Energieströme sind solche, die entweder störsicher im geschlossenen Kreislauf geführt werden oder aber mit den Stoffwechselprozessen der Natur so weit übereinstimmen, dass sie sich, auch bei großem Volumen, problemlos darin einfügen. Man könnte dann von Stoffwechselwirtschaft bzw. industriellem Metabolismus sprechen.
Während viele, die über Nachhaltigkeit nachdenken, hier die eigentliche, die neue Herausforderung sehen, während es in Amerika schon ein Dutzend Professoren für Industrial Ecology gibt und eine wissenschaftliche Zeitschrift zu dieser Thematik gegründet wurde, warte ich immer noch auf die erste Besetzung einer entsprechenden Professur an einer deutschen Hochschule. Womit ich denn beim zweiten Teil meiner heutigen Ausführungen angekommen bin...
II.
Explizit oder implizit habe ich ja eine ganze Weile schon von den Möglichkeiten gesprochen, wie mit Hilfe des Nachhaltigkeitskonzepts Innovationen entstehen können, durch die Hochschulen, in den Hochschulen. Es waren Gedanken zu potentiellen Projekten, Programmen, Inhalten und Methoden der ökologischen Orientierung bzw. Umorientierung von Lehre und Forschung und der sonstigen Serviceangebote der Universität. Sie folgten einem einfachen Modell der Anhebung des Bewusstseins und der Beschleunigung des Wissens. Das Modell:
- Umweltprobleme entstehen und akkumulieren in der Zeit.
- Das Bewusstsein darüber beginnt zeitlich versetzt und steigt zügig an.
- Das notwendige Wissen zur Behandlung der Probleme wird, nach entsprechenden Investitionen in Mensch und Technik, generiert und kann auch weiter beschleunigt werden.
Ich habe einige Zeit mit diesem einfachen Modell, das auf den ersten Umweltminister Hollands zurückgeht, hantiert. Dann aber hatte ich das besondere Erlebnis einer Semestervorlesung, zu deren Konzeption und Durchführung mich der Präsident der FU Berlin eingeladen hatte. "Hochschule und Nachhaltigkeit", so das Thema heute. "Das Umweltproblem - eine Herausforderung für die Wissenschaften", so das verwandte Thema damals.
Eine Podiumsdiskussion am Ende des Semesters führte zu einem kritischen Resümee, dessen zusammenfassende Thesen mir noch sehr gegenwärtig sind. Deshalb und weil ich die hochverehrte Versammlung zum Schluss ein wenig aufrütteln und auch verunsichern möchte, will ich diese Bilanz von 17 Wissenschaftlern in knappen Worten noch einmal Revue passieren lassen (vgl. dazu ausführlich Jänicke / Simonis / Weigmann, 1985).
Was wissen die Wissenschaften, was tun die Wissenschaften, wo versagen die Wissenschaften? Diese Einleitungsfrage führte schnell zu einem für die Hochschulen wenig schmeichelhaften Konsens unter den Beteiligten: Sie haben (in eklatanter Weise) vor der Herausforderung der Umweltproblematik versagt. "Die Universitäten scheinen so satt zu sein, dass sie die Bedürfnisse der Politik im Hinblick auf die notwendige Forschung nicht recht wahrnehmen. Die gute alte deutsche Universität ... arbeitet an den aktuellen Fragen vorbei", so ein Vertreter des Umweltbundesamtes. Wissenschaftler bekannten, "von außerhalb der Wissenschaft" zu den Fragen nach der ökologischen Orientierung des Fortschritts gekommen zu sein. Fragen, die aus der Öffentlichkeit und von betroffenen Bürgern kamen, seien nicht in den herkömmlichen Gang der Wissenschaft eingemündet. Während man in den 60er Jahren die mangelnde "gesellschaftliche Relevanz" der Wissenschaften beklagt habe, bestünde heute das Problem der "ökologischen Ignoranz". Die Universitäten seien keineswegs die Vorhut des ökologischen Diskurses, sie seien, noch immer, die Nachhut...
Diese generelle Kritik an der Hochschule pointierte sich noch bei dem Blick auf einzelne Fachdisziplinen:
- Die Ökonomen hätten ebenso wenig wie die Politikwissenschaftler ihre potentielle Stärke genutzt, sich als "Spezialisten für Gesamtzusammenhänge" zu begreifen.
- Der biologischen Ökologie wurde zwar das Potential einer "Wissenschaft vom Systemganzen" attestiert, doch die Nutzung dieses Potentials, so hieß es, sei nicht weit gediehen.
- Bildhaft wurde dieses Defizit bei der Zoologie festgemacht: "Wer sich mit Bodentieren beschäftigt und sich ständig bückt, sieht nicht den Horizont und die Gewitterwolken, die da aufziehen."
- Auch die Jurisprudenz bekam ihr Fett ab: Sie sei viel zu sehr auf vorgegebene Werthaltungen und Verfassungselemente fixiert. In der heutigen zivilisatorischen Situation mute die "Augenbinde der Justitia" eher anachronstisch an...
Nun, ich will die Selbstbezichtigung nicht weiter treiben, keine Angst! Doch wenn diese Charakterisierungen nicht ganz daneben lagen, und noch immer ein tatsächliches Element der Hochschulrealität sind, dann muss man nach den Ursachen fragen. Die Diskussion dazu beschränkte sich nicht auf die Fächerschelte oder die Negativ-Charakterologie des deutschen Hochschullehrers. Es ging und geht zwar auch um den "stummen Meßknecht" (Altner), der das Wesentliche aus seinem Blickfeld verliert, und auch um den mangelnden Bekennermut des Professors, der nicht mehr weiß, worauf sein Titel zurückgeht (nämlich pro-fiteri: sich öffentlich bekennen), der sich auf formale Niveaukriterien beschränkt und sich nicht fragt, ob er sich inhaltlich noch auf dem "Niveau der Gegenwarts- und Zukunftsprobleme" bewegt (Jänicke). Diese subjektive Seite des vorherrschenden, ökologisch noch reichlich abstinenten Wissenschaftsverständnisses, hat nämlich objektive, strukturelle Gründe. Zwei davon, die wichtigsten (?) sind:
(a) das Werturteilsproblem und
(b) die inneruniversitäre Spezialisierung.
Das Werturteilsproblem: Es geht in der Nachhaltigkeitsdebatte um zentrale Wertfragen, besonders um die Frage der Bewahrung. Soll Natur, sollen Arten, Biotope und Landschaften, Klima, Böden, Meere und andere auch für die Zukunft bewahrt werden? Victor von Weizsäcker hat einmal gesagt: "Leben erforschen heißt nicht nur, Leben berechnen und objektivieren, sondern sich am Leben beteiligen." Und von Albert Schweitzer stammt der Satz: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das auch leben will." Doch im Vollzug wissenschaftlicher Erkenntnis wirkt man immer auch, direkt oder indirekt - wissentlich oder unbemerkt - auf die Lebenszusammenhänge ein, die man untersucht. Deshalb stellt sich die Werturteilsfrage auch in umgekehrter Richtung: Von welchen Nutzungs-, Kapital- und Gesellschaftsinteressen sind wissenschaftliche Lösungskonzepte im allgemeinen und im konkreten Fall geprägt?
Hinter dem Anspruch der Wertneutralität der Wissenschaft verbirgt sich oft nur die Monopolisierung einer ganz bestimmten Werthaltung - unter gleichzeitiger Abschottung dieser Haltung gegen andere Werte. Warum aber sollte die Hochschule der Ort sein, wo gesellschaftlich vorherrschende Werte nur noch hingenommen werden? Die Realität der Hochschule ist keineswegs wertneutral. Allerdings gibt es mindestens drei Gruppen von Wissenschaftlern (Jänicke):
- die "Großgutachter" und alle Forscher, die das herrschende Wertsystem aktiv unterstützen,
- die "Wertneutralen", die es passiv unterstützen, und
- die "Engagierten", die aus wissenschaftlichen Erkenntnissen heraus zu Änderungsvorschlägen kommen.
Doch hier, für diese letzte Gruppe, ist eine Warnung angezeigt: Engagement schließt Objektivität nicht aus, macht sie aus Gründen der Glaubwürdigkeit sogar zwingend: "Die Tatsachen müssen stimmen, und die Werte müssen begründet sein" (Altner).
Das Spezialisierungsproblem: Die Universität müsste eigentlich "Spezifität" (Haber) heißen, weil das Universale, das sie einmal auszeichnete, in der Spezialisierung weitgehend verlorengegangen ist. Man kann es durchaus tragisch nennen, dass Ernst Haeckel den Begriff Ökologie, der ja auf Systemzusammenhänge orientiert, zu einer Zeit prägte (1866), als sich die Naturwissenschaften schon voll auf den Weg der Spezialisierung begeben hatten. Wenn man sich aber einem Wissenschaftsbetrieb verschreibt, der unter dem Druck der Spezialisierung steht, dann blendet man vieles aus, was Bürger mit bloßem Auge sehen mögen. (Das "Waldsterben" ist ein Beispiel hierfür.) Und dies mag dann auch dazu führen, dass die Handlungskompetenzen eines einzelnen Wissenschaftlers, eines Fachbereichs, einfach nicht mehr ausreichen, um die Ursachen eines Problems wirklich zu erfassen und die (politisch-gesellschaftlichen) Konsequenzen daraus ziehen zu können.
In meiner Sammlung "kluger Worte" steht hierzu ein passender Satz meines verehrten ehemaligen Kollegen Karl W. Deutsch:
"Für die Wissenschaftler
gibt es Fachbereiche.
Für die Politiker
gibt es Probleme."
III.
So kommt man dann zu den Möglichkeiten, den Optionen von "Hochschule und Nachhaltigkeit" - und einigen Fragen dazu. Honoriert die Universität eigentlich diejenigen, die über den Tellerrand der eigenen Disziplin schauen? Belohnt sie das Quer und das Mehr - oder doch nur das Spezielle?
"Interdisziplinarität muss in unseren Köpfen beginnen" - so denke ich, muss eine der Antworten lauten. Die interessantesten Fragen, die aufregendsten Erkenntnisse der Wissenschaft entstanden immer aus Grenz-Überschreitungen, im Überschneidungsfeld der konventionellen Disziplinen, wenn Physiker Fragen stellten, die Chemikern vorbehalten gewesen waren, wenn Ökonomen zu Psychologen wurden, ja, wenn Naturwissenschaftler sich in das Gebiet der Sozialwissenschaften begaben - und umgekehrt.
Das Thema "Hochschule und Nachhaltigkeit" wird man aber nicht nur dem selbststeuernden Erkenntnisinteresse des einzelnen Forschers und Lehrers allein überlassen können, so erfreulich das "Ergrünen der Professoren" und die "Ökologisierung der Fachbereiche" auch sein mag. Diesem "Integrationsmodell" muss wahrscheinlich ein "Impulsmodell" vorausgehen oder zumindest zur Seite gestellt werden - ein Institut, ein Zentrum, ein Fachbereich für Umweltwissenschaft, in dem die Integrationsaufgabe modellhaft erarbeitet und verbreitet wird.
In der praktischen Umweltpolitik ist dieser Weg ja auch beschritten worden. Die Institutionalisierung des Umweltthemas erfolgte zunächst über die Einrichtung von Umweltagenturen, -abteilungen und -ministerien. Dann aber, zeitversetzt, begann die Diskussion über "integrierte Umweltpolitik", wozu interessante Wege beschritten wurden - die "Green Ministers" in England, die IMA, die Interministeriellen Ausschüsse bei uns. Wenn die Kraft und die Kompetenz zur Veränderung materieller, umweltrelevanter Strukturen vor allem im Energie- und Verkehrsbereich liegen, dann müssen das Energie- und das Verkehrsressort "ergrünen" - neben und hoffentlich mit Hilfe des Umweltressorts.
Und so oder ähnlich könnte es auch in den Hochschulen verlaufen. Der Impuls kommt von einigen, einem Institut, einem Zentrum, einem Fachbereich; doch auf Dauer, in the long run, müssen alle Wissenschaftler ihre ökologische Lektion lernen und sich und ihr Angebot inhaltlich und methodisch verändern. All-Wissenheit ist dabei nicht gefragt, weil nicht (mehr) realisierbar. Lernfähigkeit und Kooperationsbereitschaft aber sind notwendig, damit eine sustainable university entsteht - eine Universität als umweltverträgliche Organisationsform (als Unternehmen) der höheren Bildung und als gesellschaftliche Institution der Generierung und Verbreitung ökologisch relevanten Wissens (als Vorbild).
IV.
Wie immer das Ringen um "Nachhaltigkeit und Hochschule" ausgehen mag, der Weg zu einem universitären AGENDA-Prozess aussehen wird, vielleicht ist dazu abschließend, wieder einmal, das "Orakel von Delphi" hilfreich, anregend und sinnstiftend. Mit einem umfangreichen Fragebogen hatten österreichische Kolleginnen und Kollegen die Wissenden Europas in Fragen der "Nachhaltigkeit" interviewt. Was wird das Sich-Einlassen-auf-Nachhaltigkeit an Verschärfungen, was an Entlastungen mit sich bringen für die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Politik und die Umwelt? Viele relevante Kategorien, Kriterien, Indikatoren wurden bemüht. Das zusammengefasste Ergebnis des Delphi-Verfahrens stellt sich so dar: Wenn man es ernst meint mit der Nachhaltigkeit, dann wird es zu einer Reihe von Verschärfungen des Problemdrucks kommen, zu neuen Lasten für das "Schiff", das sich im Strom der Zeit bewegt. Doch in dieser Ernsthaftigkeit liegen auch viele interessante Auftriebskräfte, Entlastungen, Erleichterungen des ökologischen Problemdrucks der Industriegesellschaft. Und diese Entlastungen geben dem Schiff "Nachhaltige Entwicklung" neue Fahrt. Es kann den Klippen ausweichen und den Stromschnellen entgehen.
zum Weiterlesen:
Jänicke, Martin / Simonis, Udo, E. / Weigmann, Gerd (Hrsg.); 1985:Wissen für die Umwelt. Berlin/New York.
Altner, Günter / Mettler-Meibom, Barbara / Simonis, Udo, E. / Weizsäcker, Ernst U. von (Hrsg.), 1992 bis 2000: Jahrbuch Ökologie. München.
Altner, Günter, 1998: Leidensstatt für das Ganz. Stuttgart / Berlin.
Dr. Udo E. Simonis, Professor für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB); Mitglied des Committee for Development Policy (CDP) der Vereinten Nationen; Mitherausgeber des Jahrbuch Ökologie.
Anmerkungen
1.
Leicht veränderter und gekürzter Text des Vortrages auf der Tagung "Sustainable University. Auf dem Weg zu einem universitären Agendaprozess", am
27. Januar 2000, an der Universität Lüneburg.
KeyWords: Hochschule, Wissenschaften, Universitäten, Werturteil
(c) 2000 sowi-online e.V., Bielefeld
Leading Editor of jsse 1-2000: Andreas Fischer
WWW-Presentation: Norbert Jacke
Processing: Lea Holtmann
Publishing date: 27.11.2000
Corrections: 01.08.2003
URL: http://www.jsse.org/nachhaltigkeit/simonis.htm
