Zur Lehrerbildung an Universitäten und wissenschaftlichen Hochschulen
Erklärung der Konferenz der Vorsitzenden Fachdidaktischer Fachgesellschaften (KVFF) vom 6.12.1996
Online-Reprint aus: KVFF (Hg.): Fachdidaktik in Forschung und Lehre. Kiel o. J. (1998), S. 21-26. Um den Text zitierfähig zu machen, sind die Seitenwechsel des Originals in eckigen Klammern angegeben, z. B. [/S. 53:]. Die Redaktion des sowi-onlinejournals dankt dem Sprecher der KVFF, Horst Bayrhuber, für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Textes.
1. Wissenschaftlichkeit der Lehrerbildung
Die KVFF hat bisher in zwei Positionspapieren zur Bedeutung der Fachdidaktiken an den Hochschulen und zur Förderung des fachdidaktischen Nachwuchses Stellung genommen. Mit dem vorliegenden Papier will sie ihre Vorschläge zur Lehrerbildung unterbreiten. Dabei geht es um die Verbindung von theoretischen und berufspraktischen Anteilen, die Strukturierung der Ausbildung an den Universitäten, die Rolle der wissenschaftlichen Lehrerfortbildung und den Ort der Lehrerbildung.
Die KVFF hält es für unabdingbar, daß die Lehrerausbildung in allen Lehramtsstudiengängen wissenschaftsorientiert ist. Dazu gehört die Verknüpfung von Forschung und Lehre sowie die Befähigung der Studierenden zur Reflexion der Voraussetzungen, der Zielsetzungen und der Inhalte der Tätigkeit im angestrebten Berufsfeld. Die Fachdidaktiken erfüllen in der Lehre eine Brückenfunktion, indem sie fachliche, didaktische und pädagogische Aspekte in Beziehung setzen.
2. Verbindung von theoretischen und berufspraktischen Anteilen
Eine systematische und wissenschaftlich reflektierte Verzahnung der theoretisch ausgerichteten Studienanteile und der schulpraktischen Studien ist für die Lehrerausbildung unverzichtbar. Dies erfordert eine theoriegeleitete Vor- und Nachbereitung der verschiedenen Schulpraktika und deren planmäßige Einbindung in den Studienablauf. Ziel der Verbindung von Theorie und Praxis müssen die Förderung eines explorativen Verhaltens gegenüber dem komplexen Unterrichtsgeschehen und die Anleitung zu dessen gezielter Reflexion sein. Dies kann als eine Hinführung zu fachdidaktischen Forschungsmethoden verstanden werden. [/S. 22:]
Auch die fachwissenschaftliche und die erziehungswissenschaftliche Ausbildung der Lehramtsstudierenden muß auf die Berufsfähigkeit ausgerichtet werden. Ein reduzierter Diplom- oder Magisterstudiengang erfüllt diese Funktion nicht; eine derartige Ausbildung würde vielmehr einem reduktionistischen Verständnis Vorschub leisten, wonach die fachliche Aufgabe von Lehrkräften lediglich darin bestünde, die Lehrinhalte altersgemäß zu vereinfachen. Die künftigen Lehrkräfte brauchen nicht weniger Fachausbildung als bisher, sondern müssen sich im Studium zum Teil mit anderen Gegenständen befassen als Diplom- oder Magisterstudenten. Als Beispiele seien interdisziplinäre Studieninhalte für den fächerübergreifenden Schulunterricht oder wissenschaftshistorische und -methodische Anteile als Basis eines wissenschaftspropädeutischen Unterrichts insbesondere in der Sekundarstufe II genannt. Dabei muß nach Möglichkeit die Durchlässigkeit zwischen den Lehramtsstudiengängen und zu den Diplom- und Magisterstudiengängen gewährleistet werden. Notwendig erscheint deshalb nicht eine "Entspezialisierung" der Lehrerausbildung, sondern vielmehr eine Spezialisierung im Hinblick auf die besonderen Anforderungen des Lehrerberufs.
Die Notwendigkeit einer Verknüpfung von Theorie und Praxis beschränkt sich nicht allein auf die Lehrerbildung, sondern hat auch im Rahmen fachdidaktischer Forschung großes Gewicht. Darin werden Fragestellungen aufgegriffen, die für die schulische Praxis von großer Bedeutung sind und die oft nur in der Schule selbst untersucht werden können. Aus diesem Grund bittet die KVFF die Kultusministerien dringend um eine uneingeschränkte Unterstützung der Durchführung empirischer Untersuchungen in der Schule. Soll die Praxisorientierung der Lehrerbildung verbessert werden, muß es möglich sein, fachdidaktische Forschung in der Schule durchzuführen.
3. Bündelung fachdidaktischer Kompetenz
Die hohen Anforderungen, die in fachlicher und pädagogischer Hinsicht an das Bildungssystem gestellt werden, machen eine stärkere Integration der verschiedenen Teile der Lehrerausbildung notwendig. So sind die fachwissenschaftlichen, fachdidaktischen und erziehungswissenschaftlichen Anteile der Lehrerausbildung derzeit nur wenig auf[/S. 23:]einander bezogen. Die geringe curriculare Konsistenz, die sich daraus ergibt, führt zu Lücken im notwendigen Wissen, behindert die Verknüpfung von Theorie und Praxis durch die Studierenden, hat eine gewisse Beliebigkeit der angebotenen Studienelemente zur Folge und verursacht nicht zuletzt auch verlängerte Studienzeiten.
Den Fachdidaktiken kommt die wichtige Aufgabe der inhaltlichen Verbindung von Fachwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Schulpraxis zu. Vor allem auch aufgrund ihrer Forschungen zu domänenspezifischen Lehr-/Lernprozessen und der darauf bezogenen Entwicklung und Evaluierung von Unterrichtsmodellen besitzen die Fachdidaktiken dafür besondere Kompetenz (siehe auch Stellungnahme der KVFF vom 08.09.95 zum Positionspapier der HRK zu Abitur/ Allgem. Hochschulreife/ Studierfähigkeit). Dies reicht von der systematischen Erforschung der frühkindlichen Prozesse des Wissenserwerbs und der fachlichen Sozialisation in der Grundschule bis hin zur Erforschung der Verbindung von beruflichem und fachlichem Lernen im Berufsschulwesen und schließt die breite Reflexion des gesellschaftlichen Umfelds und seiner Auswirkungen auf schulische und fachliche Lehr-/Lernprozesse ein.
Die Fachdidaktiken kommen allerdings in den Studiengängen bisher in unterschiedlichem Maße und oft nicht ausreichend zur Geltung. Eine Bündelung fachdidaktischer Kompetenz scheint daher geboten. Der Vielfalt der Hochschullandschaft entsprechend sind dazu verschiedene Modelle der Kooperation denkbar. Diese sollten auf alle Fälle folgende Funktionen erfüllen:
- Entwicklung und Abstimmung von Forschungsprojekten,
- curriculare Abstimmung von Lehramtsstudiengängen,
- Herstellung systematischer Kontakte zu den Praxisfeldern,
- Förderung und Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Eine Perspektive für solche Bündelungen, insbesondere für größere Universitäten, in denen die Didaktiken den Fächern zugeordnet sind, kann die Einrichtung von "Zentren für fachdidaktische Forschung und Lehrerbildung" sein, die zusätzlich zu bestehenden Strukturen verwirklicht werden können. In diesen Zentren arbeiten alle Fachdidaktiker ei[/S. 24:]ner Universität oder wissenschaftlichen Hochschule zusammen. Sie sind offen für Kooperationen mit interessierten Fach- und Erziehungswissenschaftlern.
4. Zur Wissenschaftlichkeit der Lehrerfortbildung
Aufgrund des schnellen wissenschaftlichen Fortschritts, aber auch der Neugestaltung von Lernbereichen mit Blick auf das fachübergreifende Arbeiten oder die Profilbildung von Schulen, kommt dem Wissenstransfer von Universitäten und wissenschaftlichen Hochschulen in die Praxis zukünftig eine besondere Bedeutung zu. Demnach haben Universitäten und wissenschaftliche Hochschulen auch eine spezifische Aufgabe im Rahmen der Lehrerfortbildung. Diese kann nicht allein "aus der Praxis für die Praxis", also nur von Lehrern allein gestaltet werden. Anderenfalls würde auch die Fortbildung auf eine Art "Meisterlehre" reduziert und im wesentlichen lediglich auf der Grundlage von Erfahrungen mit gelungenem bzw. nicht gelungenem Unterricht gestaltet. Eine auf Forschung basierende wissenschaftliche Reflexion des unterrichtlichen Geschehens und der Lehrtätigkeit bliebe aus, und darauf gegründete Innovationen würden nicht gefördert. Um die Lehrerfortbildung auf eine fundierte Basis zu stellen, bedarf es daher der Nutzung fachdidaktischer, erziehungswissenschaftlicher und fachwissenschaftlicher Kompetenz. Da die Fachdidaktiken in ihren wissenschaftlichen Arbeiten zum fachspezifischen Lehren und Lernen Fachwissenschaft und Erziehungswissenschaft verknüpfen, ist ein "Zentrum für fachdidaktische Forschung und Lehrerbildung" auch besonders gut dafür geeignet, die Lehrerfortbildung, die von der eigenen Universität bzw. wissenschaftlichen Hochschule angeboten wird, zu organisieren und dabei die Beiträge aus den verschiedenen Bereichen zu koordinieren. Neben dem Wissenstransfer in die Praxis gestalten die "Zentren für fachdidaktische Forschung und Lehrerbildung" im Rahmen der Lehrerfortbildung auch den Erfahrungstransfer aus der Praxis in den universitären Bereich. [/S. 25:]
5. Ort der Lehrerbildung: Universitäten und wissenschaftliche Hochschulen
Die Wissenschaftlichkeit der Lehrerbildung erfordert also - wie oben im einzelnen ausgeführt - eine breite Anlage des Studiums und eine Verknüpfung der einzelnen Studienelemente sowie der darauf bezogenen Disziplinen. Eine wissenschaftliche Lehrerbildung ist demgemäß durch Interdisziplinarität und eine Vielfalt der Bezugsdisziplinen gekennzeichnet, damit der Komplexität des Gegenstandes und den Anforderungen des Berufs angemessen Rechnung getragen werden kann. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise auch an historische und vergleichende Betrachtungen zu denken. Merkmale einer derart theoriegeleiteten Lehrerbildung weist nur die universitäre Lehre auf.
Wissenschaftliche Lehrerbildung erfordert weiterhin die Anbindung der Lehre an die Forschung, und zwar speziell an die fachdidaktische Forschung. Diese erschließt Grundlagen des fachspezifischen Lehrens und Lernens von der Grundschule bis zur Erwachsenenbildung. Die im folgenden genannten Forschungsfelder sind Beispiele dafür: Erforschung des fachbezogenen Lernens in der Kindheit, des Aufbaus fachbasierter Weltbilder, der Einflüsse gesellschaftlicher und technologischer Veränderungen auf das fachbezogene Lernen. Auch die Verknüpfung von grundlagenorientierter Forschung und Lehre ist nur an Universitäten und wissenschaftlichen Hochschulen zu verwirklichen.
Diese Charakterisierung der wissenschaftlichen Lehrerbildung entspricht dem "Konzept zur Entwicklung der Hochschulen in Deutschland" der HRK (1992). Danach muß "die universitäre Lehre (...) auch im Bereich der Berufsvorbereitung vorrangig theorieorientiert im Sinne von theoretischer Durchdringung insbesondere der Grundlagen des Faches ausgerichtet sein".
Eine Verlagerung der Lehrerbildung aus der Universität bzw. wissenschaftlichen Hochschule an die Fachhochschule widerspräche dieser Konzeption. Auch ein Heraustrennen von Teilen der Lehrerbildung, etwa der Ausbildung von Grundschul- oder Berufsschulpädagogen, und deren Verlagerung an Fachhochschulen wären falsch und widersprächen der Einheitlichkeit allen schulischen Lernens (über Schulstufen hinweg). Beispielsweise steht das Lernen in der Grundschule in [/S. 26:] engem inhaltlichen Zusammenhang mit dem Lernen in der Sekundarstufe I. So werden bereits im Sachunterricht Grundlagen für das spätere Lernen in den naturwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Fächern gelegt. Vergleichbares gilt etwa für die religiös-moralische Erziehung. Im Bereich des frühen Fremdsprachenlernens müssen zugleich die Dispositionen für den Erwerb weiterer Fremdsprachen und für die Entfaltung von Mehrsprachigkeit im Hinblick auf zunehmende interkulturelle Verstehens- und Verständigungsprozesse gelegt werden.
Ebenso nur an Universitäten realisierbar erscheint eine qualitativ hochwertige Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in den Fachdidaktiken (vgl. das Positionspapier der KVFF zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses vom 3.5.96). Eine an der Fachhochschule angesiedelte Fachdidaktik wäre gezwungen, sich aus den Nachwuchskräften anderer Disziplinen oder vollständig aus dem Schulbereich zu ergänzen. Beides wäre einseitig und kontraproduktiv.
Das spezifische Profil der Fachhochschule, nämlich eine vorrangig anwendungs-, methoden- und unmittelbar berufsfeldorientierte Ausbildung, wird den Anforderungen der wissenschaftlichen Lehrerbildung damit nicht gerecht. Überzeugende inhaltliche Argumente für eine Verlagerung der Lehrerbildung oder auch von Teilen der Lehrerbildung an die Fachhochschule lassen sich nicht finden. Der adäquate Ort der Lehrerbildung ist die Universität bzw. wissenschaftliche Hochschule.
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Herausgeber des sowi-onlinejournals 0/2000: Reinhold Hedtke, Norbert Jacke
WWW-Präsentation: Norbert Jacke
Bearbeitung: Norbert Jacke
Veröffentlichungsdatum: 18.07.2000
Redaktionelle Korrekturen: 01.08.2003
URL des Dokuments: http://www.jsse.org/lehrerbildung/kvff-l.htm
