Fachdidaktik als Zentrum professioneller Lehrerbildung
Erklärung der Konferenz der Vorsitzenden Fachdidaktischer Fachgesellschaften (KVFF)
Online-Reprint aus: KVFF (Hg.): Fachdidaktik in Forschung und Lehre. Kiel o. J. (1998), S. 31-34. Um den Text zitierfähig zu machen, sind die Seitenwechsel des Originals in eckigen Klammern angegeben, z. B. [/S. 53:]. Die Redaktion des sowi-onlinejournals dankt dem Sprecher der KVFF, Horst Bayrhuber, für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieses Textes.
Schulische und universitäre Bildung stehen derzeit im Blickpunkt des öffentlichen Interesses wie seit der Bildungsexpansion und Bildungsreform in den 70er Jahren nicht mehr. Besondere Beachtung finden im aktuellen Bildungsdiskurs die Begriffe Effektivität, Zukunfts-fähigkeit und Vernetzung. Darin spiegelt sich ein gesellschaftlicher Umbruch wider, aufgrund dessen auch neue Anforderungen an das Bildungssystem gestellt werden. Lernen und Lehren müssen sich heute stärker denn je am Kriterium nachhaltiger Wirkung messen lassen und es müssen dabei neue Zusammenhänge berücksichtigt werden. Dies bedeutet unter anderem: Aneignung von Wissen, das basal, orientierend und anschlußfähig ist; Aufbau von Verständnis für die grundlegenden Denk- und Arbeitsweisen eines Faches; Vergewisserung über die Fortschritte des eigenen Lernens; verstärkte Entwicklung von fachlicher Problemlöse-fähigkeit.
Damit zukünftige Lehrerinnen und Lehrer die skizzierten Bildungspro-zesse angemessen initiieren und begleiten können, ist eine professionelle Lehrerbildung nötig, die als zentrale Komponente die Fachdi-daktik enthält.
1. Aufgaben fachdidaktischer Lehrerbildung
Fachdidaktik im Lehramtsstudium hat die Aufgabe, die Studierenden in der theoriegeleiteten Analyse und Reflexion sowie der Weiterent-wicklung und Gestaltung von (1) fachbezogenen Lernvorgängen, (2) fachbezogenem Unterricht sowie (3) curricularen Elementen kompetent zu machen.
Hierfür sind in ausreichendem Umfange Lehrveranstaltungen in der Universität und fachdidaktisch begleitete schulpraktische Studien vorzusehen/erforderlich. [/S. 32:]
Hinsichtlich fachbezogener Lernvorgänge (1) sollen die Studierenden in die Lage versetzt werden
- Lernprozesse zu analysieren,
- fachbezogene Schülervorstellungen und Interessen als Bedingun-gen des Lernens zu ermitteln sowie
- entwicklungspsychologische Voraussetzungen und lernpsychologische Erkenntnisse beim Lernen konkreter fachlicher Inhalte zu berücksichtigen.
Bei der Entwicklung von fachbezogenem Unterricht (2) handelt es sich um einen Rekonstruktionsvorgang anhand didaktischer Kriterien. Diese Arbeit erfordert ein hinreichend breites methodisches Repertoire, aber auch Sensibilität für die individuellen und sozialen Determinanten des Unterrichtens. Außerdem müssen die Lehrkräfte in der Lage sein,
- fachspezifische Lehr-/Lernverfahren anzuwenden, u.a. im Hinblick auf die Förderung von Jungen und Mädchen und das Lernen auf unterschiedlichen Niveaus,
- Muster der Unterrichtsführung (Skripts) zu erkennen und zu variieren,
- innovative Unterrichtsmethoden (z.B. Computereinsatz, offener Unterricht) einzusetzen,
- auf (fachdidaktisch) intelligente Weise Üben, Wiederholen und Prüfen zu gestalten,
- Kompetenzerfahrung als Voraussetzung für die Entwicklung von Motivation und Interesse zu fördern,
- fachliches Lernen in sinnstiftenden Kontexten zu ermöglichen sowie
- die soziale Einbindung und Teamfähigkeit der Lernenden zu fördern.
Auf die Konkretisierung dieser Unterrichts-Determinanten wirkt sich das jeweilige Fach entscheidend aus; sie muß daher auf fachdidaktischer Basis erfolgen. [/S. 33:]
Curriculare Entwicklungsarbeiten (3) erfordern die Kompetenz,
- thematische Einheiten des Faches in fachlichen und unterrichtsrelevanten Zusammenhang zu bringen (vertikale Vernetzung),
- fachübergreifendes bzw. fächerverbindendes Lernen zu organisieren (horizontale Vernetzung),
- vorhandene Unterrichtsmaterialien und Lehrpläne kritisch zu analysieren,
- die Entwicklungsdynamik des Faches zu erfassen und im Bildungsgang zu ihrem Recht kommen zu lassen,
- fachbezogene Beiträge zur Profilierung von Schulen zu entwickeln.
Bei der Vermittlung dieser Kompetenzen werden allgemeine pädagogische und psychologische Theorien rekonstruiert und präzisiert, so daß sie fachbezogen angewendet werden können. Zugleich wird auf einer fundierten fachinhaltlichen Basis das Verständnis für das eigene Fach und damit eine entscheidende Dimension der Identität der Lehrerpersönlichkeit entwickelt. Es steht außer Frage, daß diese Kompetenzen nur von einer wissenschaftlichen, forschungsorientierten Fachdidaktik vermittelt werden können.
2. Studienplan zur Fachdidaktik
Grundstudium
Im Grundstudium lernen die Studierenden in unterschiedlichen Lehrveranstaltungen grundlegende fachdidaktische Denkweisen kennen. Sie erwerben dabei Basiskompetenzen in der theoriegeleiteten Analyse, Reflexion und Planung des Fachunterrichts sowie eine begründete erste Einschätzung ihrer persönlichen Eignung für den angestrebten Lehrerberuf. Im einzelnen erhalten sie eine Einführung in die Fachdidaktik, befassen sich mit Konzeptionen und Unterrichtsmethoden des Faches sowie mit der Planung und Analyse von Unterricht. [/S. 34:]
Hauptstudium
Im Hauptstudium sollen sich die Studierenden in unterschiedlichen Lehrveranstaltungen, darunter mindestens zwei Hauptseminaren, vertieft mit Gegenständen fachdidaktischer Reflexion befassen. Hierzu gehören unter anderem
- ausgewählte, insbesondere aktuelle Themen des Unterrichts auf verschiedenen Schulstufen,
- Erkenntnis- und Arbeitsweisen des Faches in didaktischer Perspektive,
- innovative Unterrichtsmethoden in vergleichender Bewertung für den Fachunterricht,
- außerschulische Praxisfelder des fachbezogenen Lernens,
- aktuelle fachdidaktische Probleme, auch im internationalen Vergleich,
- forschungsbezogene Fragestellungen zum Fachunterricht,
- historische Entwicklung des Fachunterrichts.
Fachdidaktisch begleitete schulpraktische Studien
Vorbereitung, Durchführung und Reflexion von Unterricht im Rahmen schulpraktischer Studien werden entscheidend durch typische Merkmale des jeweiligen Faches mitbestimmt. Daher ist neben der allgemeindidaktischen Unterstützung eine intensive fachdidaktische Begleitung der schulpraktischen Studien sowohl im Grundstudium als auch im Hauptstudium erforderlich. Innovative Weiterentwicklung von Unterrichtsformen und Interaktionsmustern lassen sich nur unter fachunterrichtlicher Perspektive erreichen. Daher ist es notwendig, daß die Studierenden unterrichtspraktische Studien in allen Fächern belegen, die von ihnen studiert werden.
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Publishing date: 18.07.2000
Corrections: 01.08.2003
URL: http://www.jsse.org/lehrerbildung/kvff-fz.htm
