Kompetenzen der ökonomischen Bildung für allgemein bildende Schulen und Bildungsstandards für den Grundschulabschluss
Mai 2006
Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung:
Kompetenzen der ökonomischen Bildung
für allgemein bildende Schulen und
Bildungsstandards für den Grundschulabschluss
Vorwort
Die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung hat im Jahre 2004 Kompetenzbereiche für eine ökonomische Bildung im allgemeinen Schulwesen formuliert und Standards für den Mittleren Schulabschluss konkretisiert. Mit diesem Beitrag sollen nun Standards für den Grundschulabschluss ergänzt werden.
Während noch in den siebziger Jahren die wirtschaftliche Lebenswelt im Sachunterricht als wichtige Perspektive beachtet wurde, droht ihr heute die Gefahr der Vernachlässigung. Zwar sind Phänomene des Konsums und der Arbeit in die Curricula des Sachunterrichts in unterschiedlichem Ausmaß einbezogen, der auf diese Weise bedingte Beitrag zum Weltverstehen ist dabei aber nur selten zu erkennen. Im Rahmen der sozial- und kulturwissenschaftlichen Perspektive im Perspektivrahmen Sachunterricht wird die soziale, politische und ökonomische Lebenswelt der Kinder beachtet, über die Inhalte integriert verbleiben sie aber zunächst als zu berücksichtigende, aber nicht konkretisierte Dimensionen. Eine solche Konkretisierung soll hier geleistet werden, die dann in die Diskussion eingebracht werden kann. Dabei berücksichtigt die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung, dass dem Sachunterricht Aufgaben einer grundlegenden Bildung zukommen, dass er die vielfältige Lebenswelt der Grundschulkinder zu berücksichtigen hat und mehrperspektivisch angelegt ist.
Die hier vorliegenden "Kompetenzen für die ökonomische Bildung und die Bildungsstandards für den Grundschulabschluss" sind in einem mehrstufigen Verfahren entwickelt worden1. In einer Arbeitsgruppe wurden 2005 die Standards für die Grundschule konkretisiert. Neben dem Vergleich mit geltenden Sachunterrichtscurricula wurden sie der Prüfung auf Verständlichkeit, Bedeutung, Umsetzbarkeit und Erreichbarkeit durch künftige und erfahrene GrundschullehrerInnen ausgesetzt, um 2006 im März den Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft zur Diskussion gestellt zu werden.
1Teilnehmer einer vorbereitenden Arbeitsgruppe am 28.2.2005 in Bielefeld waren Eberhard Jung, Ingrid Jäntsch, Renate Harter-Meyer, Thomas Retzmann, Birgit Weber. In der Folge analysierte Birgit Weber die Grundschulcurricula und setzte die Standards der Diskussion künftiger GrundschullehrerInnen in Bielefeld und Siegen auf ihre Bedeutung für Grundschulkinder und die Verständlichkeit der Standards aus, Thomas Retzmann interviewte erfahrene GrundschullehrerInnen hinsichtlich der Erreichbarkeit der Standards. Auf dieser Basis wurden die Standards vom Redaktionsteam Retzmann/Weber ergänzt und modifiziert und allen Mitgliedern der Degoeb zur Diskussion gestellt.
Ökonomische Bildung als unverzichtbarer Bestandteil der grundlegenden Bildung im Sachunterricht
Kinder sind aktive Konsumenten. Sie nutzen private und öffentliche Güter in ihrer Schul- und Freizeit, sie gehen mit Geld um und sie sind eine wichtige Zielgruppe für Marketingstrategien. Voraussetzung für den Konsum sind verfügbare finanzielle Mittel und produzierte Güter. Zur Produktion von Gütern und zur Entstehung von Einkommen bedarf es der Arbeit. Diese wirtschaftlichen Prozesse sind angewiesen auf die Nutzung natürlicher Lebensgrundlagen, entsprechend eng sind sie verflochten mit deren Belastung und Übernutzung. Kinder erleben auch gesellschaftliche Probleme und Konflikte wie soziale Ungleichheiten, Arbeitslosigkeit, mangelnde Partizipation oder sie sind gar direkt Betroffene von Allokations-, Verteilungs- und Stabilisierungsproblemen. Auch ohne schulisches Lernen bilden sie sich ihre eigenen Erklärungen über solche Phänomene.
Kinder sind zweifellos aktiv wirtschaftlich handelnde und beeinflussende Subjekte, sie sind Individuen mit Bedürfnissen und Kaufkraft, die eigene ökonomische Entscheidungen treffen und die anderer beeinflussen. Der Sachunterricht sollte ihnen helfen, solche Entscheidungen selbstbestimmt, rational und verantwortlich unter Berücksichtigung der Handlungsspielräume und Zusammenhänge treffen zu können.
Kinder sind aber auch Betroffene von ökonomischen Prozessen. Für deren Auswirkungen und Folgen sollen sie sensibilisiert werden und unterschiedliche Interessen ökonomischer Akteure verstehen lernen. Die Entstehung von Problemen sollten sie zunehmend weniger personalisiert, sondern mehrdimensional begründen können und Chancen individueller und gemeinsamer Beeinflussung ermitteln.
Wenn Schule Kindern helfen soll ihre Lebenswelt zu verstehen, in ihr zu handeln und sie mitzugestalten, kann auch in der Grundschule die ökonomische Welt nicht ausgeblendet werden.
Kompetenzbereiche und Standards der ökonomischen Bildung für den Grundschulabschluss
Die von der ökonomischen Bildung zu fördernden Kompetenzbereiche der Orientierungs-, Urteils-, Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit als Konsumenten, Berufswähler, Erwerbstätige und Wirtschaftsbürger lassen sich für die grundlegende Bildung im Grundschulalter wie folgt konkretisieren.
(A) Entscheidungen ökonomisch begründen
Schon im Grundschulalter sind Kinder aktive Konsumenten und sollten selbstbestimmt und vernünftig Konsumentscheidungen treffen können. Dazu müssen sie Bedürfnisse bestimmen, unterschiedliche Möglichkeiten ihrer Befriedigung identifizieren, Prioritäten setzen sowie die verfügbaren Mittel kennen und einteilen. Wirtschaftliche Entscheidungen von Kindern beschränken sich aber nicht auf Kaufentscheidungen. Sie stellen selbst Güter her und verkaufen diese (beispielsweise auf Flohmärkten, Weihnachtsmärkten und Schulbasaren). Dabei können sie vor allem lernen, Arbeitsteilung zu organisieren und zu koordinieren, über die Verwendung von Ressourcen zu entscheiden und den Erfolg ihrer Entscheidungen zu kontrollieren. Auf diese Weise werden die Schülerinnen und Schüler in der Grundschule an maßgebliche Kategorien ökonomischen Denkens herangeführt, insbesondere an die Kategorien: Bedürfnisse, Güter, Knappheit, Produktion, Nachfrage und Angebot. Die Schülerinnen und Schüler können
- Wünsche benennen und nach Bedeutung und Dringlichkeit ordnen,
- Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung durch Waren und Dienstleistungen nennen,
- Güter nach der Art der befriedigten Bedürfnisse (z.B. Grund-, Luxus-, Kulturbedürfnisse) unterscheiden,
- Kaufentscheidungen unter Berücksichtigung der verfügbaren Mittel treffen,
- die arbeitsteilige Herstellung eines einfachen Produktes planen und durchführen,
- den Verkauf von Gütern planen, durchführen und beurteilen.
(B) Handlungssituationen ökonomisch analysieren
Kinder im Grundschulalter erleben wirtschaftliche Grundtatbestände - vor allem Arbeit und Konsum - in erster Linie als Mitglieder ihrer Familie, die einen Haushalt führt. Sie sollen sich - zwar allmählich, aber doch stetig - der Anreize und Restriktionen (Beschränkungen) beim Kauf von Gütern bewusst werden. Sie sollen daher lernen, die Preise und Qualitäten ausgewählter Waren und Dienstleistungen zu ermitteln und zu vergleichen und auch Schutz bzw. die Belastung der Umwelt zu berücksichtigen. Indem sie verkaufsfördernde Maßnahmen (insbesondere Werbung, Warenanordnung im Supermarkt, Produktbeilagen, usw.) erkennen, wird ihre Fähigkeit zur Selbstbestimmung beim Konsum grundgelegt und sie werden auf vielfältige Versuche der Außenlenkung aufmerksam. Auf der anderen Seite zeigt ihnen der Einblick in die typischen Ausgabenbereiche von Haushalten die - vor allem finanziellen - Spielräume und Grenzen zur Befriedigung von Wünschen auf. Durch
die Beobachtung ausgewählter Arbeitsplätze ermitteln sie die Anforderungen der Arbeitswelt, die Erwachsene beim Erwerb von Einkommen und der Erstellung von Gütern erfüllen müssen. Dabei lernen sie maßgebliche Kategorien ökonomischen Denkens kennen und beispielhaft anwenden, insbesondere die Kategorien: Preis, Qualität, Einkommen, Arbeit. Am Ende der Grundschulzeit können sie
- die Preise von (Konsum-)Gütern ermitteln und vergleichen,
- die Qualitäten von (Konsum-)Gütern untersuchen und vergleichen,
- Maßnahmen zur Verkaufsförderung untersuchen und deren Absicht erkennen,
- Verwendungszwecke des Einkommens in Haushalten nennen,
- Tätigkeiten an ausgewählten Arbeitsplätzen erkunden und Arbeitsabläufe beschreiben,
- Individuelle Möglichkeiten zum Schutz der Umwelt aufzeigen.
(C) Ökonomische Systemzusammenhänge erklären
Kinder können wirtschaftliche Zusammenhänge und Prozesse begreifen, wenn sie beispielsweise verstehen, dass Haushalte ihr Einkommen vor allem gegen Arbeitsleistung erhalten, dass der Staat nur neue Spielplätze gegen Steuern und Abgaben schaffen kann, dass Unternehmen nur überleben, wenn sie mindestens ihre Kosten decken und ihre Güter zu einem Preis verkaufen, den andere bereit sind zu zahlen. So können sie ein grundlegendes Verständnis des Zusammenhangs und des Wechselspiels von Einnahmen und Ausgaben sowie von Angebot und Nachfrage (von Gütern und Produktionsfaktoren) entdecken. Die Globalisierung wird vor allem am Beispiel des internationalen Warenhandels anschaulich. Grundlegende Kategorien des einfachen Wirtschaftskreislaufs sind dabei bedeutsam, wie z. B. Erwerbsarbeit, Arbeits- und Transfereinkommen, Geld, Güter, Handel und Außenhandel. Am Ende der Grundschulzeit können die Schülerinnen und Schüler
- die Bedeutung der Erwerbsarbeit erläutern,
- Folgen der Arbeitslosigkeit für den Einzelnen und die Familie erläutern,
- Hausarbeit, Erwerbsarbeit und ehrenamtliche Arbeit unterscheiden,
- die Bedeutung des Geldes erläutern,
- den Weg eines einfaches Produktes von der Erzeugung bis zur Entsorgung erläutern,
- Beispiele und einfache Ursachen für den Handel mit anderen Ländern nennen.
(D) Rahmenbedingungen der Wirtschaft verstehen und mitgestalten
Haushalte, Unternehmen und Märkte werden in ihrem Erscheinungsbild und ihren Entfaltungsmöglichkeiten von Gesellschaft und Staat beeinflusst. Gleichzeitig prägt die wirtschaftliche Entwicklung auch die gesellschaftliche und die politische Entwicklung. Deutlich wird dies vor allem unter einer historischen Perspektive. Die Kinder sollten erfahren, dass der Staat das wirtschaftliche Handeln der Privaten durch Gestaltung der Rahmenbedingungen regelt und andererseits selbst wirtschaftlich handelt. An ausgewählten Problemlagen (z. B. Arbeitslosigkeit, Armut, Umweltverschmutzung) können sie die individuelle und gemeinschaftliche Dimension erkennen. Sie sollten lernen, dass und wie sowohl Einzelne als auch die Gesellschaft Beiträge zur Problemlösung leisten können. Deshalb sollten sie Gemeinschaftsaufgaben
identifizieren und den Nutzen staatlicher Maßnahmen erläutern. Dies legt die Grundlage für eine kritische Beurteilung der Rahmenbedingungen. Am Ende der Grundschulzeit können die Schülerinnen und Schüler
- Aufgaben des Staates beispielhaft nennen bzw. identifizieren,
- die Bedeutung kommunaler Einrichtungen und Betriebe erläutern,
- die Kinderfreundlichkeit kommunaler Einrichtungen beurteilen,
- einfache gesetzliche und freiwillige Verbraucherinformationen nutzen,
- Verbote und Gebote im Umweltschutz befolgen,
- Regeln für die Beteiligung des Einzelnen an (schulischen) Gemeinschaftsaufgaben aufstellen,
- die Entwicklung der regionalen Wirtschaft beschreiben und einige Einflüsse (z. B. Rohstoffe, Infrastruktur, Technik) erläutern
(E) Konflikte perspektivisch und ethisch beurteilen
Kinder sind früh emotional empfänglich für Schilderungen von wirtschaftlichen Notlagen, Ausbeutung und Verteilungskonflikten, auch wenn sie selbst davon nicht unmittelbar betroffen sind. Sie beurteilen diese Probleme und Konflikte mit ihren eigenen ethischen Maßstäben. Die Schule kann zur geistigen Durchdringung ausgewählter Beispiele (z. B. Kinderarbeit, Armut) beitragen und ethische Urteile auf eine rationale Grundlage stellen. Angesichts existierender Knappheiten sind trotz enormer wirtschaftlicher Entwicklung fortwährend Interessenkonflikte zu lösen, etwa der zwischen Unternehmen (hohe Preise) und Konsumenten (niedrige Preise). Gleichzeitig stellt sich die Frage nach der Gleichverteilung (nach Köpfen) oder Ungleichverteilung (nach Bedürftigkeit, nach Leistung, nach Leistungsfähigkeit usw.). Friedliche Konfliktlösungen setzt im konkreten Einzelfall die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme voraus. Kinder sollten befähigt werden, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen - etwa von Anbietern und Nachfragern, von Nutznießern und Betroffenen bestimmter Regeln. Am Ende der Grundschulzeit können die Schülerinnen und Schüler
- konkrete Auswirkungen von Armut erläutern,
- Interessen von Anbietern und Nachfragern unterscheiden,
- gegensätzliche Interessen als Ursache von Konflikten erkennen,
- für einfache Konflikte Kompromissmöglichkeiten entwickeln,
- Gründe für die gleiche oder ungleiche Verteilung (z. B. von Gütern oder Einkommen) beispielhaft angeben,
- den "fairen" Handel an ausgewählten Produktbeispielen erläutern
Vorstand der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung
| Vorsitzender | Prof. Dr. Günter Seeber Wiss. Hochschule Lahr | In der Achen 77 67435 Neustadt | 06327 - 3212 07821 - 923866 | guenther.seeber@akad.de |
Stellv. Vorsitzende | Dr. Birgit Weber Universität Siegen | Austr. 8 53604 Bad Honnef | 02224 - 10366 0271-740-2684 | birgit.weber@uni-siegen.de |
Geschäfts- führer | Prof. Dr. Andreas Fischer Universität Lüneburg | Knotterkamp 1 21335 Lüneburg | 04131 - 677-2063 | afischer@uni-lueneburg.de |
| Beisitzer | PD. Dr. Thomas Retzmann PH Schwäbisch Gmünd | An der Mirgelskaul 34 50374 Erftstadt-Liblar | 02235 - 17696 | Thomas.Retzmann@ph-gmuend.de |
| Beisitzer | Prof. Dr. Eberhard Jung PH Karlsruhe | Fröschenweiher 7 35398 Gießen | 06403 - 8418 0721- 925 4612 | eberhard.jung@ph-karlsruhe.de |