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Das Potenzial von Schülerunternehmen zur Förderung einer unternehmerischen Grundhaltung gegenüber dem gesamten Leben

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  1. Der Lebensentrepreneur - ein Leitbild der Zukunft
  1.1 Der Lebensentrepreneur in der Gesellschaft
  1.2 Der Lebensentrepreneur im Alltag
  1.3 Der Lebensentrepreneur am Arbeitsplatz
  1.4 Der Lebensentrepreneur im Beruf
  2. Schule als Wegbereiter und Übungsfeld
  3. Schülerunternehmen
  3.1 Schülerunternehmen als mehrdimensionales Lehr-Lern-Arrangement
  3.2 Förderung des Lebensentrepreneurs in der Dimension Gesellschaft
  3.3 Förderung des Lebensentrepreneurs in der Dimension Alltag
  3.4 Förderung des Lebensentrepreneurs in der Dimension Arbeitsplatz
  3.5 Förderung des Lebensentrepreneurs in der Dimension Beruf
  4. Zusammenfassung
  Anmerkungen
  Literatur

Dirk Eickelmann

1. Der Lebensentrepreneur - ein Leitbild der Zukunft

In Verbindung mit wachsender Enttraditionalisierung und Pluralisierung von Handlungsmöglichkeiten in unserer Gesellschaft wächst zugleich der Bedarf an selbst- und sozialverantwortlicher Entscheidungs- und Handlungskompetenz beim Einzelnen (Beck 1986, 116). Der Verlust traditioneller Sicherheiten und Schutzmechanismen sowie ein steigender Anteil von Eigenverantwortung und Eigeninitiative im Bereich der Daseinsvorsorge zwingt die Menschen, "sich selbst – um des eigenen Überlebens willen – zum Zentrum ihrer eigenen Lebensplanungen und Lebensführung zu machen" (Beck 1986, 116 f.). Eine Konsequenz aus diesem Individualisierungsprozess ist der zunehmende Bedeutungsverlust des gegenwärtig noch dominanten Arbeitnehmers als Leitfigur des Industriezeitalters (Opaschowski 2001, 33). An seine Stelle tritt zunehmend eine Person, die sich in Anlehnung an die wirtschaftliche Rolle des Entrepreneurs (Grüner 1993, 503) wie folgt beschreiben lässt:

  • Sie nimmt ihr eigenes Leben als Potenzial wahr und leitet dieses sowohl selbstständig als auch (eigen-)verantwortlich mit Initiative in allen seinen Dimensionen (Privatleben, Gesellschaft, Berufsleben),
  • sie reagiert dynamisch auf Neuerungen und Veränderungen und
  • sie erkennt Chancen und Risiken.

Diese Person wird im Folgenden der Lebensentrepreneur genannt.

Zu seinen elementaren Persönlichkeitsmerkmalen zählen Autonomie und Verantwortungsübernahme (Grüner 1993, 502). Das Persönlichkeitsmerkmal der Selbstständigkeit umschreibt aus Sicht der Erziehung die Fähigkeit, eigenständig zu denken, zu entscheiden und zu handeln um im Leben ohne fremde Hilfe bestehen zu können. Zusammen mit der Bereitschaft zur Übernahme der Verantwortung(1) für sein Handeln bilden diese Lebenskompetenzen die Grundlage zur individuellen Gestaltung der eigenen Lebenswelt und sind Ausdruck eines bestimmten Maßes von Entscheidungs- und Handlungskompetenz. Diese Kompetenzen bestimmen dabei die Struktur der Lebenswelt des Lebensentrepreneurs in vier Bedeutungsdimensionen, die teilweise interdependent oder aber disjunkt sind:

  • Der Lebensentrepreneur in der Gesellschaft.
  • Der Lebensentrepreneur im Alltag/ Privatleben allgemein.
  • Der Lebensentrepreneur am Arbeitsplatz.
  • Der Lebensentrepreneur im Beruf.

1.1 Der Lebensentrepreneur in der Gesellschaft

Der Lebensentrepreneur begreift seine selbstständige und sozial verantwortbare Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen als Potenzial, für dessen Weiterentwicklung er sich eigenständig verantwortlich fühlt. Er ist Hauptträger der neuen Demokratisierung in Politik, Kultur und Wirtschaft, deren Hauptansatzpunkt nicht mehr die Legitimierung der Fremdbestimmung durch Mehrheitsentscheide ist. Der Lebensentrepreneur ist durch eine geringe Akzeptanz, anonyme Entscheidungen, die das eigene Umfeld prägen, hinzunehmen charakterisiert. Stattdessen will er sich über die anzustrebenden Lebensumstände eine eigene Meinung bilden und im Dialog der Beteiligten und Betroffenen Lösungen entwickeln (Lutz 1997, 70). Dies erfolgt durch die Auseinandersetzung mit einem dynamischen Umfeld, in dem er die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten weiterentwickelt und diese zur Weiterentwicklung und Mitgestaltung seines Umfeldes nutzt. Dabei hilft ihm die unternehmerische Grundhaltung sich den Herausforderungen des Lebens aktiv zu stellen und unternehmerische Verantwortung in unterschiedlichsten Rollen zu tragen. Sein Handeln schließt eine ausgeglichene Balance von Eigeninteressen und Gemeinschaftswerten ein. Gesellschaftliches Engagement "lohnt" sich für den Lebensentrepreneur und "stiftet" Nutzen für die Gemeinschaft. Er wird somit Nutznießer und Mitgestalter zu gleich.(2)

1.2 Der Lebensentrepreneur im Alltag

Die Persönlichkeitsmerkmale "Selbstständigkeit" und "Verantwortungsübernahme" werden von der Mehrheit der Bevölkerung als Positivbegriffe aufgefasst. Aus diesem Grund existiert in unserer Gesellschaft ein breiter Konsens darüber, die Lebenskompetenzen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft als erstrebenswerte Eigenschaften des eigenen Verhaltens für sich selbst anzunehmen und es für die eigenen Kinder zu fordern.(3)

Von einfachen Fertigkeiten wie beispielsweise dem selbstständigen Einteilen von Zeit und dem selbstständigen Einholen, Verarbeiten und Bewerten von einzelnen Informationen für Konsumentscheidungen über die selbstständige und verantwortungsbewusste Planung ganzer Lebensphasen: unabhängiges Denken und Handeln, Entscheiden und Verantworten in lebensrelevanten Situationen sind wichtige Indikatoren für persönliche Lebensqualität und Lebenskompetenz in allen Lebensphasen. Gerade in einer Multioptionsgesellschaft (Gross 1994) ist der autonome Mensch gefordert, um aus der unendlichen Vielfalt von Angeboten und Optionen die für ihn relevanten auszuwählen und gegenüber seinem Umfeld zu verantworten.

1.3 Der Lebensentrepreneur am Arbeitsplatz

In abhängigen Beschäftigungsverhältnissen verstärkt sich der Trend weg vom Ausführenden sinn- und inhaltsleerer, standardisierbarer Tätigkeiten hin zum kreativen und innovationsfreudigen Mitarbeiter. Dabei wird unternehmerisches Handeln auch im Angestelltenstatus immer häufiger verlangt: Neben sozialen Kompetenzen wie Team- und Kommunikationsfähigkeit muss der selbstständige Angestellte auch Handlungs- und Entscheidungskompetenz besitzen sowie bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Dieser Mitunternehmer (Wunderer 2001, 51, zit. n. Braukmann 2002, 55) steuert und organisiert sich selbst. Er schafft sich dadurch sein Arbeitsumfeld weitgehend selbst und gestaltet es autonom nach seinen Vorstellungen. Derartige arbeitsorganisatorische Konzepte der Einbindung persönlicher unternehmerischer Potenziale sind vor dem Hintergrund aktueller wirtschaftlicher Anforderungen des Globalisierungszeitalters vor allem als Ausdruck eines ökonomischen Eigeninteresses der Unternehmen zu verstehen (Westerfeld 2004, 115). Gleichzeitig wird dem Angestellten immer häufiger die Beteiligung an unternehmerischen Risiken zugemutet. Durch den Abbau kollektiver Tarifvereinbarungen zugunsten individueller Agreements wie beispielsweise leistungsabhängiger Bezahlung und Flexibilisierung der Arbeitszeiten soll der Individualität des einzelnen Mitarbeiters Rechnung getragen werden und gleichzeitig seine Bereitschaft, sich in den betrieblichen Prozess der Leistungserstellung mit einzubringen, erhöht werden (Zabeck 1999, 295). Immer mehr Unternehmen setzen in ihrer Personalpolitik auf diesen Mitarbeiter - den Intrapreneur -, der die Unternehmensziele (zumindest partiell) auch zu seinen eigenen Zielen macht (Willke 1999, 218).

1.4 Der Lebensentrepreneur im Beruf

Unternehmerische Selbstständigkeit ist vor dem Hintergrund der Erosion dauerhafter Beschäftigungsverhältnisse längst zur Alternative auf dem Arbeitsmarkt geworden. Besonders das Segment der selbstständigen Freiberufler, Dienstleister, die Leistungen persönlich, eigenverantwortlich und fachlich unabhängig auf Basis einer besonderen beruflichen Qualifikation erbringen, hat in den letzten Jahren ein starkes Wachstum erfahren.(4) Gefragt sind Entrepreneure, die in allen Phasen der Gründung und dem Betreiben ihres Unternehmens das wechselhafte Anforderungsprofil erkennen und ihr eigenes Verhalten anpassen können. Hierbei wird besonders eine "innovations- und gestaltungsorientierte Grundhaltung sowie eine Grundbefähigung für ein dynamisches und agierendes Verhalten in ökonomisch relevanten Situationen … in den Vordergrund gestellt" (Braukmann 2002, 55). Diese persönlichkeitsbezogene unternehmerische Handlungsfähigkeit ist das Kennzeichen einer besonders autonomen und verantwortungsbereiten Persönlichkeit.

2. Schule als Wegbereiter und Übungsfeld

Schule hat deshalb neben den familiären Erziehungsmustern, bei denen ein Verschiebungsprozess in Richtung der Persönlichkeitsmerkmale Selbstständigkeit und Verantwortungsübernahme zu attestieren ist (Klages; Gensicke 1998, 676), hinsichtlich des Kompetenzerwerbs einen besonderen Stellenwert (Grüner 1993, 490): Sie dient als Wegbereiter und Übungsfeld für den zukünftigen Lebensentrepreneur. Die Kommission für Zukunftsfragen beschreibt das vorrangige Bildungsziel der Zukunft wie folgt: An die Stelle einer Ausbildung möglichst perfekter Kopisten vorgegebener Blaupausen sollen schöpferische, unternehmerisch handelnde Menschen treten. Zentrale Leitbilder einer schulischen Ausbildung für das 21. Jahrhundert sind Individualität, Kreativität, Selbstbewusstsein und Selbstverantwortlichkeit (Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen 1998, 52 f.). Dabei handelt es sich um Merkmale, die bereits heute zu den in unserer Gesellschaft konsensfähigen Bildungszielen gehören (Bundesministerium für Bildung und Forschung 2003, 63). Allerdings handelt es sich bei den genannten Attributen um Persönlichkeitsmerkmale, die dem Individuum nicht von Natur aus gegeben sind, sondern durch den Einzelnen erworben werden müssen, indem sie in bestimmten Dimensionen der gesellschaftlichen Wirklichkeit erfahren wurden und einer lebenslangen Kultivierung, Steigerung und Verfeinerung zugänglich sind (Bundesministerium für Bildung und Forschung 2003, 65).

Auf dem Weg dorthin gilt es für Schule und alle beteiligten Akteure, Lernprozesse so zu organisieren, dass der Lernende befähigt wird, im Sinne der o.g. Definition von Selbstständigkeit, nach und nach von Fremdhilfen unabhängig zu werden. Dazu tragen pädagogische Einflussnahmen auf einer subjektiven Ebene in Form einer Aneignung handlungsrelevanter Persönlichkeitsdimensionen und einer objektiven Ebene in Form einer autonomieorientierten Modifikation von Umwelt bei.

Zur Erfüllung dieses Anspruchs rückt insbesondere die methodische Gestaltung schulischer Lernprozesse in den Fokus der Überlegungen. Da der Erwerb persönlichkeitsbezogener Kompetenzen wie Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein gleichbedeutend mit der Entfaltung der Potenziale eines Menschen durch die lernende Auseinandersetzung in der alltäglichen Tätigkeit ist (Weinberg 1999, 136), ist mit der Erziehung zu Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein auch die Forderung nach ganzheitlichem, aktivem Lernen verbunden. Handlungsorientierter Unterricht liefert dafür einen Handlungsrahmen. Den Schülern müssen dort Arbeitsformen angeboten werden, bei denen sie sich autonom Arbeit einteilen, Ergebnisse sichern, den Erfolg kontrollieren und neue Kenntnisse weitergeben können. Innerhalb dieses Rahmens erscheinen besonders langfristig angelegte mehrdimensionale Lehr-Lern-Arrangements in der Lage, alle Elemente des selbst gesteuerten, ganzheitlichen und planmäßigen Lernens durch Tun zu bündeln (Achtenhagen 2003, 82 ff.).

Diese Prinzipien des schüleraktiven, selbst organisierten Lernens lassen sich durch konstruktivistische Lernprinzipien absichern. Demnach vollziehen sich Lernprozesse in aktiver Auseinandersetzung des Schülers mit seiner Umwelt (Kaiser; Kaminski 1999, 71), was insbesondere für Lernorte spricht, die nicht durch gesellschaftliche Isolierung und räumliche Abgeschiedenheit der traditionellen Schule, sondern durch deren Öffnung für die Umwelt charakterisiert werden.

Um einen möglichst großen Erfolg der Lernprozesse zu gewährleisten, ist die Gestaltung der Lernumgebung, einem Arrangement von Unterrichtsmethoden und -techniken sowie Lernmaterialien und Medien, das gleichzeitig auch die zeitliche, räumliche und soziale Lernsituation abbildet, von großer Bedeutung (Mandl; Reinmann-Rothmeier 1995, 15). Dabei sollten die nachfolgenden Prinzipien handlungsleitend sein (Kaiser; Kaminski 1999, 74 f.):

  • Problemorientierung anhand authentischer Probleme,
  • Lernen in multiplen Kontexten,
  • Lernen unter multiplen Perspektiven und
  • Lernen in sozialen Kontexten.

Der Lernprozess ist somit als aktive, selbst gesteuerte, soziale und situative Erfahrungseinheit zu konzipieren, in der die Selbststeuerung des Lernens oberste Priorität genießen sollte.

3. Schülerunternehmen

3.1 Schülerunternehmen als mehrdimensionales Lehr-Lern-Arrangement

Das "Schülerunternehmen" als schüleraktive ökonomische Realbegegnung an allgemein bildenden Schulen ist ein Beispiel für eine derartige Erfahrungseinheit. Dabei basiert die pädagogische Legitimation des Schülerunternehmens nicht ausschließlich auf der Möglichkeit der Verbesserung bestimmter wirtschaftsberuflicher Qualifikationen, sondern auf der "möglichen Verbesserung selbstständigen und verantwortungsbewussten Handelns in komplexen, dynamischen, intransparenten und normativ ambivalenten Situationen" (Tramm 1991, 250).

Die Mitarbeit im Schülerunternehmen bietet dem Schüler eine sinnstiftende, kommunikative, verantwortungsvolle und abwechselungsreiche Tätigkeit, die Spaß macht und ihm Kompetenzerweiterungen ermöglicht. In Deutschland werden zurzeit mehr als 500 dieser Schülerunternehmen von Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Jahrgangsstufen als Extra-curricular-activity neben dem regulären Unterricht betrieben.(5)

Bei einem idealtypischen Schülerunternehmen handelt es sich um ein mehrdimensionales Lehr-Lern-Arrangement in Form eines langfristig angelegten Schulprojekts, in dem die beteiligten Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Jahrgangsstufen im rechtlichen Schutzraum der Schule eigenverantwortlich Produkte und/oder Dienstleistungen erstellen und diese unter realen Bedingungen inner- oder außerhalb der Schule mit einer Gewinnerzielungsabsicht vertreiben. Im Schulalltag sind im Wesentlichen zwei Modelle anzutreffen: Das Schülerunternehmen als freiwillige, klassen- und altersübergreifende Arbeitsgemeinschaft sowie der Betrieb des Schülerunternehmens im Klassenverband eines Wahlpflichtkurses. Was die konkrete inhaltliche Ausgestaltung des Unternehmens angeht, sind verschiedene Ausprägungen denkbar. Sowohl hinsichtlich der Geschäftsidee als auch der Organisationsstruktur und Finanzierung des Unternehmens sind alle Varianten im Rahmen gesetzlicher Bestimmungen grundsätzlich möglich. Das Schülerunternehmen ist bewusst so angelegt, dass der Grad realer Handlungen möglichst hoch ist. Aus diesem Grund wird beispielsweise mit realem Kapital agiert. Dadurch ergeben sich reale Folgehandlungen wie beispielsweise die Führung einer Einnahmen-Ausgaben-Rechnung als Verwendungsnachweis des Betriebskapitals oder die Einrichtung und der Aufbau einer betrieblichen Organisationsstruktur zur effizienten Bearbeitung der großen Fülle unterschiedlichster betrieblicher Aufgaben.

Die im Schülerunternehmen ablaufenden Entscheidungsvorgänge sind häufig mit den Entscheidungsfeldern realer Wirtschaftsunternehmen vergleichbar. Exemplarisch seien hier die Felder Marketing, Personalwirtschaft und Rentabilitätsplanung genannt.

Ein universelles Rezept für das Betreiben eines Schülerunternehmens ist jedoch nicht anzugeben, da per definitionem die Gestaltungsautonomie in Händen der Schüler liegen sollte. Lediglich schulische und rechtliche Rahmenbedingungen beschränken diese Autonomie.

Einen wesentlichen Unterschied zu realen Unternehmen stellt die in Schülerunternehmen nicht verbindliche, aber aus didaktischer Sicht anzustrebende Job-Rotation dar. Um möglichst allen Teilnehmern die multiplen Perspektiven innerhalb des Unternehmens aufzuzeigen, ist es anzustreben, dass jeder Schüler möglichst jede Position im Unternehmen mindestens einmal eingenommen hat. Um einen möglichst reibungsloses "Switchen" zwischen den einzelnen Stellen zu gewährleisten, ist ein gegenseitiges Einarbeitungsprogramm von den Teilnehmern zu erarbeiten.

Schülerunternehmen erfüllen somit die wichtigsten Kriterien handlungsorientierten Unterrichts (Beck 1996, 57):

  • Ganzheitlichkeit durch den hohen Grad an Komplexität des Arrangements,
  • Schüleraktivität durch die auf entdeckendes Lernen ausrichtete Aktionsform des Projektes,
  • Teilnehmerorientierung durch den hohen Grad an Gestaltungsautonomie durch die Schüler und
  • die Reflexion von Lernprozessen durch Rückmeldung über den Unternehmenserfolg.

3.2 Förderung des Lebensentrepreneurs in der Dimension Gesellschaft

Das hohe Maß an Schülerautonomie in Verbindung mit dem Ernstcharakter des Projektes eint die teilnehmenden Schüler im gemeinsamen Ziel, mit "ihrem" Unternehmen erfolgreich zu sein. Dabei fördert die vollständige Übertragung von Entscheidungsverantwortung auf die Schüler unmittelbar deren Beteiligung an Problemlöse- und Entscheidungsprozessen. Ihre Bereitschaft, anonyme Mehrheitsentscheidungen in "ihrem Unternehmen" ohne ihr persönliches Zutun zu akzeptieren, nimmt im Schülerunternehmen tendenziell ab. Gleichzeitig eröffnet ihnen die Chance der Selbstverwirklichung im "eigenen" Unternehmen vielmehr die Möglichkeit, frei von jeglicher Rahmenvorgabe durch Lehrpläne etc., sich selbst eine Meinung von den anzustrebenden Zuständen des Unternehmens zu machen und die Gestaltung dieser Zustände in gemeinsamer Verantwortung zu verwirklichen. Exemplarisch sei hierfür die Gründungsphase des Unternehmens zu nennen. In dieser Phase müssen erfahrungsgemäß viele Beschlüsse von den Beteiligten gefasst werden. Diesen vergeht allerdings schnell die Lust an anonymen, ritualisierten Versammlungen. Stattdessen steigen für den Einzelnen die Präferenzen für flexible, individualisierte Optionen, in denen er seine eigenen Gestaltungsvorschläge im Sinne der Gemeinschaft wirkungsvoll umsetzen kann (Gramlinger 2000, 217 ff. u. 291 ff.). Die Teilhabe an gemeinschaftlichen Entscheidungsprozessen erfolgt aus eigennützigen Motiven heraus, weil der Schüler etwas tut, was ihm Spaß macht und wofür er eine Anerkennung erhält. Somit stellen die Eigeninteressen der Schüler eine Garantie für den Erfolg der Gemeinschaft, in diesem Fall des Schülerunternehmens, dar. Ein derartiges Handeln ist möglich, da für ein idealtypisches Schülerunternehmen keine verbindlichen Vorgaben für eine Beschlussfassung existieren und sie von den Beteiligten selbst erst konstituiert und nach Bedarf reformiert werden.

3.3 Förderung des Lebensentrepreneurs in der Dimension Alltag

Ein idealtypisches Schülerunternehmen ist per definitionem als schüleraktives Projekt mit möglichst hoher Schülerautonomie konzipiert. Dabei besteht für die Teilnehmer die Möglichkeit, innerhalb eines geschützten, für den Schüler kalkulierbaren, Rahmens frei zu handeln, auszuprobieren und sich selbst zu erproben. Selbstständiges Arbeiten und Lernen ist im Schülerunternehmen nicht nur eine Option, es wird explizit vom Schüler eingefordert. Den Schülern werden Arbeitsformen geboten, bei denen sie sich die Arbeit selbst einteilen, Ergebnisse selbst sichern, den Erfolg selbst kontrollieren und Informationen selbst weitergeben sowie Probleme auf sachlicher und auf sozialer Ebene selbst lösen müssen. Ferner werden "allgemeine Fähigkeiten" wie beispielsweise das Einteilen von Zeit, das Organisieren von Abläufen und das dynamische Reagieren auf veränderte Bedingungen gefördert. Hierbei werden auch von den Schülern selbst der Erwerb und das Training dieser Fähigkeiten durch die Aufgabenbearbeitung im Unternehmen realisiert.(6)

3.4 Förderung des Lebensentrepreneurs in der Dimension Arbeitsplatz

Die Arbeitswelt wird im Schülerunternehmen im Gegensatz zu vielen anderen unterrichtlichen Aktionsformen nicht aus der Beobachterrolle erschlossen, sondern von den Schülern durch konkrete Tätigkeiten real erlebt. Das Schülerunternehmen bietet aufgrund seiner Einbettung als Extra-curricular-Activity in den Schulbetrieb gute Voraussetzungen für dezentrales, flexibles und schnelles Handeln. Diese Charakteristika einer lernenden Organisation stellen somit hohe Anforderungen an die persönlichkeitsbezogenen unternehmerischen Kompetenzen der Mitarbeiter (Scholz 2000, 173). Die Schüler haben im Schülerunternehmen die Gelegenheit, verschiedene Tätigkeitsprofile innerhalb eines Unternehmens kennen zu lernen und selbst auszuführen. Durch die Möglichkeit der Job-Rotation wird jedem Teilnehmer gleichzeitig ein breites berufliches Spektrum dargestellt: Von produzierenden und handwerklichen Tätigkeiten bis hin zu kaufmännischen Tätigkeiten bedient das Schülerunternehmen eine große Vielfalt von beruflichen Tätigkeiten. Der Schüler hat in jeder Position die Gelegenheit, seine Arbeit selbst zu organisieren, kreativ und innovativ zu handeln sowie eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen und diese vor der Lerngruppe zu verantworten. Gleichzeitig ist er an den unternehmerischen Risiken des Schülerunternehmens beteiligt. Neben der Option, sich mit Anteilsscheinen direkt am Betriebskapital zu beteiligen, erfordern die spezifischen Gegebenheiten einer relativ kleinen Lerngruppe von jedem Schüler die Übernahme der gemeinsamen Sorge um das tägliche Geschäft.

3.5 Förderung des Lebensentrepreneurs in der Dimension Beruf

Durch die reale Gründung und den Betrieb eines Unternehmens findet bei den Schülern eine Sensibilisierung von persönlichkeitsbezogenen unternehmerischen Kompetenzen statt. Als Entrepreneure im Schumpeter´schen Sinne (Schumpeter 1993, 21) greifen die Schüler im Projekt selbst entwickelte Ideen auf und setzen diese eigenverantwortlich um. Dabei steht deren innovativer Schaffensdrang im Vordergrund. Gewinnstreben ist demnach Mittel zum Zweck der Akquise von Liquidität und nicht primäres Unternehmensziel.

Sowohl in der Planungsphase als auch in der Realisierungsphase ist ein dynamisches und agierendes Verhalten der Schüler für ein erfolgreiches Unternehmen erforderlich. Durch den Ernstcharakter des Projektes wird für die Mitarbeiter Handeln folgenreicher. So stellen beispielsweise bereits getroffene, ökonomisch nicht valide Entscheidungen eine Herausforderung an die persönliche Aktivität und Selbstständigkeit aller Mitarbeiter dar und zeigen ihnen gleichzeitig das hohe Maß an Verantwortung für zukünftige Entscheidungen auf.

Dadurch lassen sich die fünf Eigenschaftsmerkmale, die sich handlungsprägend auf den Entrepreneur auswirken (Fallgatter 2001, 126), im Schülerunternehmen fördern:(7)

  1. Internale Kontrollüberzeugung
    Die subjektive Wahrnehmung, dass Handlungsfolgen durch die eigene Person beeinflussbar sind, wird in Schülerunternehmen durch die vom Schüler eingeforderte Gestaltungsautonomie begünstigt. Er kann im Schutzraum des Schulprojektes reale Handlungen ausführen und die daraus resultierenden Handlungsfolgen selbst wahrnehmen.
  2. Leistungsmotivstärke
    Bei der Mitarbeit in einem Schülerunternehmen fallen häufig Aufgaben an, die für den Schüler eine Herausforderung an seine eigenen Kompetenzen darstellen. Die Bereitschaft, sich damit auseinander zu setzen, erfährt eine Steigerung durch die von den Schülern ohne Zwangskorsett eines Lehrplanes selbst formulierten Zielvorgaben des "eigenen" Unternehmens.
  3. Ambiguitätstoleranz
    Im Schülerunternehmen sind unterschiedliche Anforderungsfelder wahrzunehmen. Durch das Prinzip der Job-Rotation kommt der Schüler häufiger in die Verlegenheit, sich schnell und mit geringem Unbehagen an neue, instabile Situationen anpassen zu müssen. In der jeweiligen Position hat er dann eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen. Im Gegensatz zu stark normgebundenen Tätigkeiten sind hier Kreativität und Experimentierfreudigkeit gefragt um mit dem erforderlichen Maß an Schnelligkeit zu handeln.
  4. Unabhängigkeitsstreben
    Das Verlangen, eigene Entscheidungen zu treffen und dementsprechend zu handeln, wird im Schülerunternehmen durch die Gestaltungsautonomie der Schüler gewährleistet.
  5. Moderate Neigung zur Risikoübernahme
    Trotz des vorhandenen Schutzraumes der Schule ist das unternehmerische Risiko auch in einem Schülerunternehmen vorhanden. Da sich der Unternehmenserfolg auch bei noch so genauer Planung nicht voraussagen lässt, bleibt immer das Risiko der Insolvenz. Die Schüler haben im Projekt die Möglichkeit, eine Chancen-Risiken-Abschätzung vorzunehmen und diese ggfs. in die eine oder die andere Richtung zu korrigieren. Dabei ist ein Schwerpunkt in der Informationsverarbeitung zu sehen. Dem Schüler wird verdeutlicht, dass höhere Chancen mit höherem Risiko einhergehen und dass Risiken durch eine verbesserte Informationsverarbeitung verringert werden können.

4. Zusammenfassung

Schülerunternehmen als Extra-curricular-Activities haben das Potenzial sowohl zur Förderung ökonomischer Fachkompetenz als auch zur Förderung von lebensgestaltender Methoden- und Sozialkompetenzen beizutragen. Dies sind Kompetenzen, die zur Förderung einer unternehmerischen Grundhaltung gegenüber dem gesamten Leben notwendig sind. Besonders hinsichtlich der Erziehung des Einzelnen zur Persönlichkeitsstärke durch Autonomie und Verantwortungsübernahme bietet dieses fächer- und jahrgangsstufenübergreifende Schulprojekt vielfältige Chancen gegenüber dem traditionellen, lehreraktiven Klassenunterricht. Hierbei sind diese Chancen nicht nur auf die Dimensionen Arbeit und Beruf aus der Lebenswelt der Schüler beschränkt. Auch für die Dimensionen des Alltags und des gesellschaftlichen Lebens ist die Förderung von Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft durch die Mitarbeit im Schülerunternehmen von Bedeutung. Vor dem Hintergrund des Mandats der Schule des 21. Jahrhunderts - der Ausstattung der Edukanden mit den Lebenskompetenzen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft - sind derartige schüleraktive Projekte mit Ernstcharakter ein unverzichtbarer Beitrag zur Förderung von Schüleraktivität auf dem Weg zum selbstständigen und verantwortungsbereiten Lebensentrepreneur.

Anmerkungen

(1) Hier verstanden als die Aufnahme der Erwartungen des eigenen Umfeldes bezüglich des eigenen Handelns (vgl. Lutz 1997, 61).

(2) So ist beispielsweise das persönliche Engagement für den Bau eines Spielplatzes, den auch die Kinder des Lebensentrepreneurs nutzen können, eine von Eigennutz geleitete Vorgehensweise, die gleichzeitig auch Gemeinwohl schafft. Eigeninteressen gelten somit fast als Erfolgsgarant für gesellschaftliches Engagement.

(3) In einer repräsentativen Befragung aus dem Jahr 2001 betrachteten 81% aller Befragten "Selbstständigkeit" und 78 % aller Befragten "Verantwortungsbereitschaft" als besonders wertvolle Ziele von Erziehung (vgl. Opaschowski 2002, 141).

(4) In der Zeit von 1997 bis 2002 erfolgte in diesem Segment ein Zuwachs von über 20% (Bundesverband der freien Berufe, eingesehen am 15.04.2004).

(5) Vom Autor ermittelte Zahlen auf Basis der Datenbankinformationen der Internetseiten http://www.schuelerfirma.de/ und http://www.dkjs.de/schuelerunternehmen/, eingesehen am 28.03.2004.

(6) Dies konnte durch die Evaluation österreichischer Übungsfirmen von Greimel (1998, 186 ff.) festgestellt werden.

(7) Eine detaillierte Beschreibung dieser Eigenschaftsmerkmale erfolgt bei Westerfeld (2004, 142 ff.).

Literatur

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Beck, Herbert. 1996. Handlungsorientierung des Unterrichts. Anspruch und Wirklichkeit im betriebswirtschaftlichen Unterricht. Darmstadt.

Beck, Ulrich. 1986. Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/M.

Braukmann, Ulrich. 2002. "Entrepreneurship Education" an Hochschulen: Der Wuppertaler Ansatz einer wirtschaftspädagogisch fundierten Förderung der Unternehmensgründung aus Hochschulen. In: Weber, Birgit, Hg. Eine Kultur der Selbstständigkeit in der Lehrerausbildung. Bergisch Gladbach, 47-99.

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Fallgatter, Michael J. 2002. Theorie des "Entrepreneurship". Perspektiven zur Erforschung der Entstehung und Entwicklung junger Unternehmungen. Bielefeld.

Gramlinger, Franz. 2000. Titel. Die Übungsfirma auf dem Weg zur Lernfirma? Eine empirische Darstellung in Form zweier Portraits. Bergisch Gladbach.

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Lutz, Christian. 1997. Leben und arbeiten in der Zukunft. München.

Mandl, Heinz; Reinmann-Rothmeier, Gabi. 1995. Unterrichten und Lernumgebungen gestalten (Forschungsbericht Nr. 60. Ludwig-Maximilians-Universität München. Institut für Pädagogische Psychologie und Empirische Pädagogik) München.

Opaschowski, Horst W. 2001. Deutschland 2010. Wie wir morgen arbeiten und leben. Voraussagen der Wissenschaft zur Zukunft unserer Gesellschaft. 2. neubearbeitete Auflage. Hamburg.

Opaschowski, Horst W. 2002. Start-up ins Leben. Wie selbstständig sind die Deutschen? Hamburg.

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KeyWords: Autonomie, Eigeninitiative, Entrepreneur, Extra-curricular-activity, Intrapreneur, Lebensentrepreneur, Lehr-Lern-Arrangement, Lernprozess, schüleraktiver, selbstorganisierter, Lernumgebung, Schülerunternehmen, Selbstständigkeit, Verantwortungsübernahme

 

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