Die Konstruktion des ökonomischen Blicks

  Inhalt
  1. Einführung in die Fragestellung
  2. Kleine Rückschau: die Götterwelt der Ökonomen
  3. Die Grundüberzeugung der klassischen und neoklassischen Ökonomie
  4. Wahrnehmung und Theoriebildung in der Ökonomie
  5. Die Dingwelt und die Geisteswelt der Wirtschaft
  6. Die Konstruktion des Marktes - eine einzelwirtschaftliche Perspektive
  7. Wie kann es weitergehen?
  Anmerkungen
  Literatur

Peter Bendixen

1. Einführung in die Fragestellung

Weltbilder existieren nicht außerhalb des Denkens, und dennoch kommt ihnen eine weltgestaltende Kraft zu, wenn sie beginnen, konkrete Wahrnehmungen zu steuern und Handlungen zu leiten. Diese Kraft verstärkt sich, wenn sich in einer Gruppe oder Gesellschaft gleichgestimmte Weltbilder ausbreiten. Dem individuellen Weltbild wird bekräftigend das Vertrauen darauf eingegeben, dass auch andere die Dinge gleich oder ähnlich sehen. Weltbilder wirken selektiv auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Darin liegt dann ein Erkenntnisrisiko, wenn sie stehen bleiben und an tradierten Theorieansätzen zu lange festgehalten wird. Im Folgenden steht die Frage im Vordergrund, ob und inwiefern bestimmte, noch heute wirksame Grundorientierungen der Ökonomie in ein solches problematisches Fahrwasser geraten sind und wie solche methodologischen Probleme angegangen werden könnten.

Wie entstehen Weltbilder? Aus welchen realen Impulsen werden sie stimuliert, falls man nicht glauben will, dass sie wie Manna vom Himmel fallen? Wie entstehen die Versteifungen von Weltbildern gegen bessere Einsichten? Wie können die Apologeten durchschauen, dass sie sich und andere möglicherweise in eine verkehrte Welt manövrieren, wenn sie ihr Weltbild dogmatisieren? Die Wirtschaftswissenschaften mit ihren beiden Hauptteilen Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre haben die Relevanz ihrer Theorien und Denkansätze durch empirische Evidenz zweifellos ständig verbessert und sind damit praxisprägend geworden. Allerdings haben sie damit in der Realität zum Teil selber die Tatbestände geschaffen, die sie als empirische Belege zum Beweis ihrer Theorien benötigen. Ein methodologisches Problem. Auch der Konstrukteur einer Maschine muss sicherstellen, dass sein Werk funktioniert. Die Frage stellt sich, ob sich die Ökonomie ihrem Selbstverständnis nach als Konstrukteur von realen Verhältnissen betrachtet oder vielmehr aus der Distanz ermitteln will, wie wirtschaftliche "Maschinen" angelegt sind, wozu sie dienen und was durch sie in der realen Welt geschieht.

Der vorliegende Beitrag kann und will keine umfassende Aufarbeitung aller daraus sich ergebenden methodologischen Fragen bieten - das wäre in einem Essay nicht leistbar. Es geht vielmehr um den Versuch einer Entgrenzung des allzu eng gezogenen Blickwinkels für das, was als das eigentlich Wirtschaftliche an der Wirtschaft gilt und damit Thema der Ökonomie ist: die Erzeugung von materiellem Wohlstand unter den Bedingungen ökonomisch-rationalen Verhaltens der Wirtschaftssubjekte (im Wesentlichen also die Sicht der Neoklassik). Ausführlich wird dagegen dem Aspekt nachgegangen, dass alles, was in der Wirtschaftsrealität geschieht, eine Kopfgeburt ist. Das menschliche Denken, seine Leistungsfähigkeit und seine Begrenzungen, soll zur Erklärung von Phänomenen in der Wirtschaft herangezogen werden und ihm soll mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden in als mit der schlichten Annahme, dass Individuen rational denken und handeln. Der dieser neoklassischen Prämisse immanente Rationalitätsbegriff ist seinerseits ein ökonomischer Topos, der auf den Aspekt der Handlungsvernunft angesichts knapper Mittel reduziert ist. Andere Vernunftgründe wie etwa das gedeihliche Zusammenleben von Menschen oder der respektvolle Umgang mit der Natur tun sich darin schwer.

Die zentrale Frage einer denkbaren Entgrenzung des engen Blicks der Ökonomie betrifft die Prägungen menschlichen Denkens aus dem kulturellen Umfeld des Individuums. Lässt man dagegen zu, dass Individuen sich nicht nur ihrer formalen Verstandeslogik zu bedienen pflegen, sondern, unterstützt durch ihre Phantasiefähigkeit, angetrieben werden von ihren Visionen, und dass diese Visionen in der einen oder anderen Weise zu konkreten Gestalten des Wirtschaftslebens werden können, dann wird deutlich, warum der lebensweltliche Hintergrund des Wirtschaftens (Kultur im allgemeinen Sinne) mehr als nur eine Kulisse ökonomischen Denkens sein sollte, nämlich ein über das Denken transferiertes Agens, vielleicht sogar das ökonomisch letztlich Entscheidende. Auch darum geht es in diesem Essay.

Der Kürze halber wird der allgemeine Begriff "Ökonomie" für die beiden Teildisziplinen "Volkswirtschaftslehre" und "Betriebswirtschaftslehre" überwiegend summarisch verwendet werden. Beide Teildisziplinen ruhen in verwandten, aus derselben fachlichen Tradition erwachsenen Betrachtungsweise wirtschaftlicher Tatbestände und Vorgänge, der ökonomischen Denkwelt. Vereinfachend gesagt, befasst sich die eine Teildisziplin mit singulären Vorgängen (BWL), die andere (VWL) mit aggregierten. Eng verbinden sind sie über die gedankliche Brücke der Mikroökonomie. Beide pflegen die dinglichen Erscheinungen, die Apparturen und Arbeitsabläufe, die Rohstoffbestände, Fertigwaren usw., in ihren Modellen und Kalkülen auf der korrespondierenden Geldebene darzustellen. Dies ist begründet in der Tatsache, dass nicht aus altruistischen Gründen und für einen Gotteslohn, sondern zum Einkommenserwerb gewirtschaftet wird, und dieses hat gewöhnlich die Form von Geld.

Geld hat eine umfassende gesellschaftliche Funktion im allgemeinen Wertetransfer, z.B. Steuern, Opfergaben, Schadensregulierung; sein Besitz bedeutet Einfluss und Macht. Wirtschaften ist eine besondere Form der Schaffung von materiellen und immateriellen Werten, die in die Geldform transferiert werden können. Üblicherweise beleuchtet der ökonomische Blick nur diesen Wirtschaft genannten Ausschnitt, nicht dagegen das Ganze der gesellschaftlichen Rolle des Geldes und dessen Einbindung in die kulturellen Strukturen und Lebensmuster. Von daher erklärt sich, warum in beiden Teildisziplinen weder das kulturelle Umfeld handelnder Individuen noch die kulturellen Prägungen ihres (ökonomischen) Denkens im Brennpunkt stehen. (1)

Die ersten beiden Abschnitte (2. und 3.) widmen sich den zentralen Denkansätzen der Ökonomie, ihrer Selbstdeutung als eine den Naturwissenschaften methodologisch nachgebildete Wissenschaft, der theorieleitenden Idee des rationalen, maximierenden Verhaltens und ihrer Basisannahme der Existenz von Knappheit. Dem ökonomischen Weltbild, das sich daraus gebildet hat, fehlt die Dimension des Kulturellen, aus dem die konkreten Gestalten des Wirtschaftens und die Antriebe zu ihrer Realisierung stammen. Ergänzend dazu befasst sich der Abschnitt 4. mit der methodologischen Frage nach dem Realitätsbezug insbesondere der Neoklassik als der Hauptströmung der heutigen Ökonomie. Im 5. Abschnitt steht die Frage im Mittelpunkt, wie der traditionelle ökonomische Blick auf die Dingwelt der Wirtschaft entgrenzt und erweitert werden kann auf die Geisteswelt, die die Wirtschaftspraxis prägt, gefolgt von einer exemplarischen Diskussion der Konstruktion des Marktes im Abschnitt 6. Die vorliegende Abhandlung kann und will nicht mehr, als Anregungen zu weiterführenden Diskussionen geben. Welche Horizonte dabei zur Geltung kommen können, behandelt der Abschnitt 7.

2. Kleine Rückschau: die Götterwelt der Ökonomen

Die Götter der alten Welt lächeln; denn sie wissen stets im Voraus, was den Menschen bevorsteht. Die Irdischen dagegen müssen ihre Priester anrufen, wenn sie ihr Schicksal erfahren wollen. Die Götterschauen der Priester, die Theorien (gr. theorein = schauen) der Gelehrten, deuten aus himmlischen und irdischen Zeichen den Willen der Götter und machen daraus weltliche Formeln und Weissagungen des Unvermeidlichen, des Drohenden und des Hoffnungsvollen in den menschlichen Schicksalen. Man hält ihre Weissagungen für weise und folgt ihnen.

Merkur, so glaubten seit alters her die Gelehrten, hält lenkend seine unsichtbare Hand über die Geschicke der Händler, Handwerker und Geldwechsler, um ihr geschäftiges, eigennütziges, dreistes Treiben trotz aller Frivolität zu einem guten Ende zu führen. Den Folgsamen verspricht er Glück und Wohlstand. Merkur wusste, was er tat, als er sich den Markt (im Wort "Markt" steckt über das lat. "mercatus" der Gott "Mercurius") zu seinem heiligen Ort erkor, war er doch selbst ein schlauer Fuchs und Gauner und trat mancherorts unter dem Namen "Hermes" auf. Kaum war er geboren, stahl er die Viehherde seines Bruders Apollon und wusste die Spuren seiner Untat unkenntlich zu machen, indem er die Herde rückwärts von der Götterweide laufen ließ. Jupiter hieß ihn fortan, sich des Schicksals der Händler und Gewerbetreibenden genau so weise anzunehmen wie des der Diebe, Gauner und Wegelagerer. Beschützt vom selben Gott, mischten sich diese unter die Händler und Gewerbetreibenden, machten sich unkenntlich und gaben so ihren Taten den Schein der Harmlosigkeit. Seither haftet den Händlern, Kaufleuten und Gewerbetreibenden der Makel an, auf dem Markt zu täuschen statt zu tauschen.

Erst viele Jahrhunderte nach Athen und Rom wird ausgerechnet ein Dichter darauf kommen, den wahren Charakter der unsichtbaren Hand des Merkur aufzudecken, jener geheimnisvollen, vermeintlich göttlichen Kraft, die den Eigennutz des wirtschaftenden Menschen auf wundersame Weise in den Wohlstand aller verwandelt. In seiner szenischen Dichtung "Faust" wird er Mephistopheles, von vielen auch der Unaussprechliche genannt, dem überraschten Doktor Faust auf dessen Frage, wer er sei, erklären lassen, er sei "ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Doch die Erkenntnis, dass des Teufels Hand im Spiel ist, wird zu spät kommen. Wohl wird das Gute stets gegen Mephistos Willen geschaffen, doch ist es Teufelswerk, was da hervorkriecht. Der Glaube an die Wohltätigkeit der den Markt lenkenden "unsichtbaren Hand" wird dann schon längst durch einen schottischen Moralphilosophen zu einer gefestigten positiven Glaubensgewissheit der Ökonomen geworden sein. Die rastlose Suche nach dem Guten, Wahren und Schönen, die den Weimarer Geheimrat und seinen Doktor Faust antreiben, wird Dichterwerk bleiben und von der berechnend durchtriebenen Jagd nach dem Geld und dessen irdischen Versprechungen überrollt werden.

3. Die Grundüberzeugungen der klassischen und neoklassischen Ökonomie

a) Die ordnende Kraft der Natur und die unsichtbare Hand des Marktes

Die klassische und neoklassische Ökonomie ist trotz zahlreicher neuer Denkansätze nach wie vor die Hauptströmung des Fachs. (2) Ihre Grundlage ist die mikroökonomische Analyse, die mit der (sicher richtigen) Festlegung zusammenhängt, dass nur Subjekte handeln können und sich deshalb alles Geschehen auf makroökonomischer (aggregierter) Ebene auf individuelle Handlungen zurückführen lassen muss. An dieser prononciert auch von Schumpeter vertretenen Auffassung hat sich bis heute nichts verändert. Sie ist indessen kein Glaubenssatz, sondern ein empirisches Faktum. Die Annahme, dass auch Institutionen (z.B. Unternehmen) oder Entitäten wie die Industrie denken und handeln, ist dagegen eine Fiktion und kann nur als Metapher verstanden werden.

Gerade weil individuellem Handeln eine so zentrale Rolle zukommt, ist die Frage nach den Konstituenten des Denkens über die Logik der ökonomischen Vernunft hinaus von erheblicher Bedeutung. Hier geht es allerdings nicht um die Vielfalt an Überzeugungen in der Wirtschaftswirklichkeit, sondern um theorieleitende Überzeugungen des ökonomischen Denkens. (3) Auffällig und erklärungsbedürftig ist die Feststellung, dass von den frühesten Schriften Adams Smiths bis heute die Rekonstruktion der Wirtschaftsrealität in Modellen zwar immer differenzierter und verfeinerter geworden ist, dass aber die fördernden, lenkenden und auch blockierenden Einflüsse außerökonomischer, das wirtschaftliche Denken der Individuen maßgeblich bestimmender Prägungen aus der (hier umfassend verstandenen) Kultur (z.B. die Rechtskultur, die politische Kultur, soziale Traditionen, individuelle Lebensstile) so gut wie nie in den Brennpunkt der Theoriearbeit gelangt sind.

Überzeugungen bilden sich aus der Evidenz von Erfahrungen, die sich in vergleichbaren Situationen mit einer gewissen Konstanz wiederholen, und sie werden zu Dogmen, wenn sich der nach Erkenntnis strebende Mensch gegen die Relativität seines Wissens immunisiert. Aus den vielen Überzeugungen und Erfahrungen Gleichgesinnter wird mit der Zeit ein Weltbild, das fortan das Denken und Handeln aller daran Beteiligten, ob straff oder liberal, lenkt und sie gleichsam glauben macht, sie seien auf dem richtigen Weg zur Erlangung objektiven Wissens. Die Forschergemeinde der (neoklassischen) Ökonomen macht darin keine Ausnahme. Ihre Grundüberzeugungen und die mit empirischer Unterstützung daraus abgeleiteten Einsichten in und Deutung von Vorgängen und Verhältnissen in der Wirtschaft sind zu einer verallgemeinerten, mittlerweile fast vollständig globalisierten Richtschnur des Handelns innerhalb der Wirtschaft, oberhalb der Wirtschaft (bei den Regierenden) und neben der Wirtschaft (in den anderen Sektionen der Gesellschaft) geworden.

Die Vorstellung, dass eine unsichtbare Hand die Marktvorgänge zum Wohle aller lenkt, war schon zu Zeiten des schottischen Moralphilosophen und Nestors der modernen Ökonomie, Adam Smith (1723-1790), ganz anderen, neuen Göttern verpflichtet. Merkurs Spuren waren verblichen (4), im Merkantilismus noch als ferne Erinnerung und in unseren Tagen nur noch als profanes Nomen sine Omen für Firmen, Waren und Publikationsorgane in der Öffentlichkeit präsent. Was aber im Lichtkegel der Gelehrten blieb, war die Konstruktion einer ökonomischen Anschauung mit metaphysischem Bezug von ganz anderer Qualität. Diese Konstruktion gab sich bei Adam Smith in seiner Überzeugung zu erkennen, dass die unsichtbare Hand des Marktes, des Wettbewerbs zumal, nur optimal wirksam werden kann, wenn seine treibenden Kräfte unbehelligt von sachfremden, insbesondere staatlichen Eingriffen (von definierten Ausnahmen abgesehen) zur Geltung kommen. Mit anderen Worten: Die natürlichen Kräfte eines freien Marktes seien imstande, so das allgemeine ökonomische Credo lange Zeit auch noch nach Smith, im Gerangel zwischen Anbietern und Nachfragern nicht nur irgendeine Ordnung, sondern ein harmonisches Gleichgewicht im Optimum herbeizuführen.

Spätere Ökonomen haben auf dieser Anschauung aufbauend ihre eleganten, nichtsdestoweniger konstruierten und oftmals realitätsfremden Gleichgewichtstheorien und Modelle begründet (so z.B. noch Walras und Pareto Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts). Sie haben das Konstruierte ihrer Arbeit aus methodischen Gründen in Kauf genommen und offenbar, wie sich indirekt aus der Frage nach den Kriterien eines optimalen Marktgleichgewichts ableiten lässt, das Denken in Vollkommenheiten als Konstruktionsbasis nicht in Frage gestellt. Erst mit der methodischen Gegenüberstellung von vollkommenen und unvollkommenen Märkten (von Stackelberg 1934) löste sich das ökonomische Denken von den in den Naturgesetzen vermuteten und auf soziale Verhältnisse übertragbaren Ordnungskräften. Doch schon der Begriff der Unvollkommenheit impliziert die Existenz einer maßstäblichen Vollkommenheit und überlässt dem idealen Hintergrund weiter auch pragmatische Wirksamkeit (wie z.B. im Neoliberalismus heutiger Prägung). (5)

Die auf der Basis der Eigenkräfte des Marktes konzipierte neoklassische Theorie ist mehr ein Modell als ein falsifizierbares Konzept, und dient nicht, wie sonst in den Wissenschaften üblich, der Steuerung der methodischen Suche nach empirischer Evidenz einer vermuteten Wahrheit (These) unter Einschluss von der Theorie widersprechenden Wahrnehmungen und Beobachtungen. Das neoklassische Modell fungiert vielmehr als Maßstab und Wegmarkierung für wirtschaftspolitische Programme. Die Folge: Es bildet sich mit der Zeit eine anthropogene Realität (im weitesten Sinne eine lebensweltliche Kultur) nach den Mustern der Theorie, womit diese dann in die Lage versetzt wird, sich die Beweise ihrer Geltung selber zu generieren - ein klassischer Fall von Tautologie. Die Vorstellung einer in der Natur angelegten prästabilierten Harmonie (Leibniz) erfuhr eine glänzende Unterfütterung durch Isaac Newtons physikalisch-mechanistisches Weltbild, nach welchem die Natur wie ein riesiges Uhrwerk funktioniert, dessen Gesetze der Mensch zu ergründen sich bemühen kann. Die Naturgesetze, hat der Mensch sie erst einmal erkannt und durchschaut, liefern die Vorlagen für alles menschliche Erkenntnisstreben und seine Lust zu herrschen, nicht nur (partiell, doch mit jedem Erkenntnisfortschritt akkumulativ) über die Natur, sondern auch über die menschlichen Lebensverhältnisse.

Newtons Weltsicht, dass die Natur das Gesetz sei, war die bis dahin schärfste Kampfansage gegen jede Art von Gesetze gebenden Göttern, auch gegen den christlichen Gott. Dessen Rolle wurde zurückgedrängt auf die eines Initiators oder Schöpfers, der sich nach getaner Arbeit hinter sein Werk zurückgezogen hat und es nun aus sich selbst heraus wirken lässt. Die Aufklärung setzte sich zwar durch. Aber ersetzte sie auch im ungebrochenen Bedürfnis des Menschen nach Transzendenz die Götter durch die wahre Vernunft oder nur durch eine neue Art von Transzendenz? Setzten sich nun Grundüberzeugungen durch, die auf ihre Weise ebenfalls präskriptiv wirkende Weltbilder erzeugte? Auch die demokratische Zivilisierung gesellschaftlicher Kräfte hat die (allerdings weltliche) Kraft von etwas Gesetztem und das davon bestimmte Gesellschaftsbild prägt auch die Grundüberzeugungen über ein ihr gemäßes Wirtschaftssystem.

Die aufklärerische Kampfansage an die alten Mächte war zur Zeit Adam Smiths in vollem Gang und durchzog die abendländischen Kreise der Philosophen, Forscher (unter ihnen die frühen Ökonomen), Schriftsteller, Künstler und aufgeklärten Politiker. Eine Art Kulturkampf brach an, der sich gegen die gepuderte Welt des Rokoko wandte, und nicht wenige machten sich Rousseaus "Zurück zur Natur" zu eigen. Rousseaus "Émile ou de l'éducation" (1762) hat Adam Smith bei der Abfassung seines berühmten Werkes "Über den Wohlstand der Nationen" (Smith 1978/1776) gekannt. Er selbst blieb aber auf Distanz (6) und lieber der schottischen Aufklärung verbunden.

Dass die Kräfte der Natur auf die menschlichen Lebensverhältnisse begrenzend oder antreibend einwirken, ist eine Erfahrungstatsache. Dafür, dass sie darüber hinaus und von sich aus die bestmögliche aller Welten zu schaffen angelegt ist, gibt es indessen keine schlüssigen Beweise. Die Naturwissenschaften haben diese Sichtweise längst hinter sich gelassen. Die vermeintlich auf soziale Verhältnisse übertragbare Neigung der Naturkräfte zur Balance auf optimalem Niveau ist ein sympathischer Traum, nicht mehr. Weder Adam Smith noch den ihm nachfolgenden Generationen der Hauptströmungen der Ökonomie war offenbar bewusst, welch fatale Folgen das Festhalten an der Idee der optimierenden Ordnungskraft der reinen (7) Natur haben würde, eine Vorstellung, die in der jüngeren Ökonomie allerdings überwiegend aufgegeben wurde und allenfalls noch metaphorisch weitergeführt wird. (8) Noch bevor sich die Ökonomen die rasanten Entwicklungen in den Naturwissenschaften der letzten zweihundert Jahre haben zu eigen machen können, durch welche Newtons mechanistisches Naturbild den Vorstellungen der Elementarphysik weichen musste (ausführlich Dürr 2000; vgl. auch Dürr, Oesterreicher 2001) und Newtonsche Idee vom Universum als Fiktion erkannten (Brodbeck 1998; Prigogine, Stengers 1990), hatten sie ihr eigenes Weltbild geschaffen, hatten es gegen paradigmatische Kritik immunisiert und sich eine Art Festungsmentalität angeeignet, die keine Ausbrüche erlaubt, aber auch keine Eindringlinge duldet.

b) Ein ökonomisches Weltbild ohne und mit Kulturbezug

Der historisch sich lange hinziehende (kulturell keineswegs vollständig vollzogene) Bruch mit der Kultur des Ancien Régime fand in der Politik (z.B. die Gründung der USA aus den abtrünnigen Kolonien Englands 1776; die französische Revolution von 1789) und in den Künsten (als Beispiel für viele: der spanische Maler Franzisco de Goya, vgl. Träger 2000) statt. Er erfasste die Köpfe von Wissenschaftlern und die Geister von Philosophen. Wo der (kulturelle und politische) Ausstieg aus der Unmündigkeit direkt in den Glauben an die harmonisierenden Kräfte der Natur führte, wie in der Ökonomie Adam Smiths, entstand ein Weltbild ohne expliziten Bezug zur Kultur (Civilization) und damit die nur allzu bekannte Diskrepanz zwischen der Theoriewelt der Ökonomen und der unauflöslich in die lebendige Kultur eingebetteten realen Wirtschaft. Es ist bezeichnend, dass Kultur als das normative Fundament der Gesellschaftsgestalt in der Ökonomie seither nie wieder ein Thema wurde. Erst in jüngster Zeit deutet sich in der so genannten Neuen Institutionenökonomik (Richter, Furubotn 2003) ein Wandel an.

Die Demontage des Dogmas vom Vorbild natürlicher Marktkräfte für das Denken und Handeln in der Wirtschaft wurde überfällig und hat sich mittlerweile in verschiedenen Denkansätzen der Ökonomie niedergeschlagen. Dennoch ist Einiges haften geblieben. Die Berufung auf die Naturgesetze als Axiom der Ökonomie war und ist ohnehin ein methodologisches Problem eigener Art, das hier nicht bearbeitet werden kann (Brodbeck 1998; Bendixen 2003). Im aufklärerischen Kampf um die bürgerliche Selbstbestimmung und Selbstverantwortung gegen die höfische Kultur und Geisteswelt ist offenbar das Verständnis für Kultur als Medium der Gesellschaftsgestaltung unter den neuen politischen Bedingungen abhanden gekommen. Es blieb bei der Verabsolutierung der Natur auf der Strecke, und sein Fehlen trieb eine Logik der Rationalität ökonomischer Denkart auf die Spitze, die den kulturellen Grundlagen und Realitäten keine Beachtung mehr glaubte schenken zu müssen. Die Ökonomen vergaßen, dass selbst der Umgang mit der Natur kulturbedingt ist, dass die modernen Naturwissenschaften ein Kind der Kultur der Renaissance sind, der wissbegierigen Hinwendung zur äußeren Welt mit dem Willen, ihre Gesetze zu erkennen, dass ohne die kulturellen Vorleistungen vieler Generationen das heutige Niveau an Wohlstand kaum erreichbar gewesen wäre und dass der heutige Stand menschlicher Kulturformen auf einem sehr langen Weg der immer besseren Nutzung von Naturressourcen den äußeren Bedingungen der jeweiligen Umwelt abgerungen werden musste. Ohne diese Kulturleistungen wären manche Flecken der Erde unbewohnbar.

Kultur ist die lebendige, ständig zu Geschichte werdende Geistes- und Formungskraft von Menschen, die im Rahmen der natürlichen Gegebenheiten individuell und organisiert in Gemeinwesen Ideen und deren Verwirklichungen hervorbringen. Soweit dabei Dinge und Dingkonfigurationen geschaffen werden, ist Wirtschaft als Sphäre der materiellen Produktion im Spiel. In ihr wird das faktisch, was aus der lebensweltlichen Kultur an Ideen und Projektionen hervorgebracht wird. Das Wesen der Wirtschaft (9) ist ihr "Gehorsam" gegenüber den kulturellen Lebensvorstellungen in der Gesellschaft, wenn und solange die Auffassung gilt, dass Wirtschaft eine dienende Aufgabe hat. Diese Auffassung ist aus anderen Gründen dennoch höchst bedenklich. Sie erlaubt es, das Dienen als Rechtfertigungsgrund für manch Herrisches herauszustellen und doch die Verantwortung für die Folgen "dem Dienstherrn" (der Gesellschaft) zuzuweisen. Die traditionelle Ökonomie optimiert kraft ihrer ökonomischen Rationalität die praktische Kombination von produktiven Mitteln zugunsten eines formalen, abstrakt bleibenden Zwecks. (10) Doch der konkrete Sinn und die Moral der Zwecke kann damit nicht begründet werden. Man kann es auch so sehen: Die ökonomische Theorie fußt auf der (idealisierenden, nicht explizierten) Prämisse einer vollkommen aufgeklärten und ihrer ethische Grundlagen absolut gewissen Gesellschaft.

Eine Erweiterung des theoretischen Blicks könnte dadurch geschehen, dass die gebundene Position wirtschaftlicher Handlungen in den vitalen Strukturen und Strömungen der Gesellschaft beleuchtet wird. Die Wirtschaft erscheint dann als eine Phase innerhalb der gesellschaftlichen Prozesse, und zwar auf der dinglichen Ebene durch die Vorgänge der Erzeugung und Verteilung und auf einer monetären Ebene über das Geld als Verfügungs- und Koordinationsmedium. Wirtschaft erscheint dann als ein gesellschaftlicher Sektor, eingebettet in die normativen Strukturen und Leitbilder der Kultur, von der die geistigen Impulse ausgehen, einschließlich der kulturellen Normen über den Umgang mit der Natur als Ressource. Auf die Normen und Leitbilder der Kultur bezieht sich das gestaltende Denken (genauer: die technisch-funktionale und die ästhetische oder Design-Komponente der Erzeugnisse). Diese Auffassung liegt der vorliegenden Abhandlung zu Grunde.

Daraus folgt fast zwanglos, dass kulturelle Schaffenskraft (Kreativität, geistige Produktivität) die ursprüngliche Ressource der Wirtschaft ist, nicht dagegen das Geld (das Kapital) und nicht der Grund und Boden, die Bodenschätze und Energien oder die physische Arbeitskraft, wenngleich diese Faktoren für die dinglich-prozessuale Ebene der Produktion, Distribution und Konsumtion thematisch unverzichtbar sind und deren pragmatische Arrangements unter dem ökonomischen Rationalprinzip ein theoretisches Anliegen, namentlich in der Betriebswirtschaftslehre und der Mikroökonomie, bleiben. Der praktische Einsatz dieser physischen Ressourcen folgt den Ideen, von denen die Impulse (der Handlungswille) und die Gestalten (Ziele, Zustände, Objekte) ausgehen. Das Resultat ist eine im Kleinen oder mit der Zeit auch im Großen veränderte physische Welt, die einzelwirtschaftlich ihrerseits regelmäßig Gegenstand empirischer Beobachtung (z.B. Marktforschung) ist, wobei entweder das bisherige Handeln bestätigt oder Innovationen stimuliert werden. Der wissenschaftliche Blick auf diese unmittelbar beobachteten oder aggregiert modellierten Erscheinungen spiegelt traditionell nur diese wirtschaftlichen Erscheinungen und Vorgänge wider, nicht dagegen die geistig-kulturellen Energien, die das alles bewirken und die individuellen Handlungsantriebe liefern. Es fehlt der Blick für die Tatsache, dass die Wirtschaft über die Dinge, die sie produziert, zugleich Kultur produziert.

Mit der Hervorhebung der kulturellen Kräfte des Menschen wird selbstredend die fundamentale Bedeutung der Natur nicht weggeredet oder etwa zur bloßen Kulisse abgewertet. Die natürlichen Gegebenheiten sind ein zum Teil unüberwindlicher, objektiver Begrenzungsrahmen, der durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit der Zeit zwar verschoben, aber (bislang jedenfalls) nicht aufgehoben werden konnte. Zu den natürlichen Limitationen des Handelns haben sich die Ökonomen zu allen Zeiten grundlegende Gedanken gemacht und ihre Sicht der natürlichen Limitationen mit dem Begriff der Knappheit in das axiomatische Zentrum ihres Wirtschaftsverständnisses gerückt.

c) Knappheit als theorieleitendes ökonomisches Phänomen

Das innerhalb und außerhalb der Ökonomie verbreitete Verständnis über die Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft wird darin gesehen, dass hier die Kunst des Umgangs mit knappen Mitteln gelehrt wird und dass mit Hilfe dieser Kunst trotz der natürlichen Limitationen bei vernünftigem Handeln ein hoher Grad an Wohlstand und allgemeiner Versorgung erreichbar ist. Mit diesem Knappheitstheorem lässt sich begründen, dass den Naturwissenschaften (im Unterschied zur älteren Naturphilosophie) die Funktion einer innovativen Produktivkraft zukommt. Sie sind in der Lage, die als Begrenzung hingenommenen oder empfundenen Barrieren der Naturnutzung Stück für Stück zu verschieben und damit den Spielraum profitabler Wirtschaftstätigkeit zu erweitern. Diese Argumentationslinie hat in der Vergangenheit eine steuernde Wirkung bei der finanziellen Ausstattung von universitären Forschungen und dem Aufbau industrieeigener Forschungseinrichtungen ausgeübt und spielt noch heute in der Steuer- und Subventionspolitik eine entscheidende Rolle. An diesem Punkt wird eine der bedeutenden "Brücken" zu den verwertbares Wissen erzeugenden Institutionen der Gesellschaft und damit der produktiven Rolle des Wissens deutlich. Es handelt sich allerdings um instrumentelles Wissen, nicht dagegen um Lebensweisheit und aufgeklärte Einbindung wirtschaftlicher Aktivitäten in die vitalen kulturellen Lebensmuster und -stile in einer gegebenen Zeit.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Idee einer durch die Natur vorgegebenen Knappheit vorgetragen wird, macht skeptisch. Der Einwand gegen diesen problematischen Grundgedanken ist zunächst der: Wenn Knappheit durch Wirtschaftstätigkeit bearbeitet (also beseitigt oder wenigstens gemildert) werden kann, und zwar innerhalb der Begrenzungen, die das Wissen über die Natur und ihre nutzbaren Ressourcen einräumt, dann ist Knappheit kein natürliches Problem, sondern ein Dispositionsproblem innerhalb dieses Spielraums. Knappheit besagt dann nur, dass etwas Begehrtes in der gewünschten Form und Menge zu gegebener Zeit an gegebenem Ort nicht ausreichend verfügbar ist, dass dieses Manko aber durch Wirtschaftstätigkeit beseitigt werden kann. Natürliche Limitation bleibt - von wenigen Ausnahmen abgesehen - eine quantitativ allenfalls abschätzbare, vom definitiven Wissen über Erdvorräte und der Kenntnis des realen Verlaufs der anthropogenen Inanspruchnahme (Verbrauch über die Wirtschaft) abhängige Größe. Selbst bei einer (methodologisch problematischen) Umwertung auf monetäre Größen und deren Diskontierung bleibt dieses Phänomen vage.

Könnte es nicht sein, dass Knappheit nichts ist als ein, wenn auch kompliziertes, Verhältnis zwischen Wünschen und Möglichkeiten, zwischen Nachfrage und Angebot, dass Knappheit erst innerhalb des wirtschaftlichen Dispositionsraumes durch Übernachfrage oder Unterangebot entsteht? Ist Knappheit womöglich ein künstliches Phänomen, hervorgerufen etwa durch bewusstes Zurückhalten von Vorräten, durch die patentgeschützte Herrschaft über vielversprechende Technologien oder einfach durch dispositive Fehleinschätzungen des Bedarfsverlaufs? Wie ist eine Praxis unter Knappheitsgesichtspunkten einzuordnen, die die Nachfrage nach einem Produkt mit den professionellen Mitteln des Marketing erst erzeugen muss, weil dieses den möglichen Interessenten gar nicht bekannt ist? Ist Knappheit (auch) ein kulturelles Phänomen, geboren aus einem bestimmten Gestaltungsinteresse? Eine äußerst seltene Pflanzenart ist nicht knapp, solange sie nicht nützlich ist und irgendein Begehren auslöst.

Abgesehen von den ethischen Problemen der Fragen nach dem Wozu und dem allgemeinen Nutzen, die sich der ökonomischen Theorie gewöhnlich nicht stellt (kritisch dazu Ulrich 2001 und 2002), kommt hier ein methodologisches Dilemma zum Vorschein: die dingliche Sicht auf die Wirtschaft, die auch dann erhalten bleibt, wenn die individuellen Einzelaktionen auf der monetären Spiegelebene untersucht und aggregiert werden. Knappheit der Mittel oder Ressourcen kann nur an materiellen Dingen (und der sie repräsentierenden Geldmenge) bestehen, nicht dagegen an geistigen Kräften und innovativen Einfällen, nicht an der Griffigkeit der kulturellen Integrationskraft einer Gemeinschaft oder Gesellschaft und nicht am moralischen Fassungsvermögen von Individuen.

Die Blickbegrenzung der neoklassischen Ökonomie auf das dingliche Geschehen in der Wirtschaft ist, trotz der hochabstrakten, zweifellos eleganten Denkansätze und Theorien, ein Wahrnehmungsproblem, das durch eine lange Denktradition und Paradigmenbildung als solches nicht mehr bewusst zu werden scheint. Das gefestigte, jedoch verengte Weltbild der Ökonomie verschließt sich in der inneren Anschauung und Theoriegestaltung dem geistig-kulturellen Zentrum, aus dem heraus individuelle Handlungen in der Wirtschaft hervorgehen. Die Dialektik von Geist und Materie, um hier eine philosophische Metapher aufzugreifen, ist dem praktischen Wirtschaftshandeln inhärent. Die Dialektik von Theorie und Praxis müsste dem Umstand, dass alles von Menschenhand Gestaltete dessen Ideenwelt zum Ausdruck bringt, bei der Konzipierung von Theorie Rechnung tragen. Was dies angeht, ist ein nützliches Erzeugnis nicht anders einzuschätzen als ein (allerdings meist komplexes, zuweilen rätselhaftes) Kunstwerk.

Das Erkenntnisziel einer die konstruktive Rolle des Denkens hervorhebenden Wirtschaftswissenschaft wäre der Versuch, beständige, das reale Handeln steuernde Muster hinter den vordergründig sinnlichen Wahrnehmungen zu erkennen. Die Ökonomie könnte sich zu einer phänomenologisch und konstruktivistisch arbeitenden Wissenschaft mit einer speziellen hermeneutischen Kompetenz entwickeln. Wenn man sich die Arbeitsweise der Ratgeberkreise bei Regierungen und öffentlichen Institutionen ansieht, so beruht deren hermeneutische Welterklärung zwar nicht mehr, wie noch in der Antike, auf der Deutung von Zeichen göttlichen Willens, wohl aber auf der Verarbeitung von Zahlenmaterial, das mit Hilfe der traditionellen Modelle der Ökonometrik gewonnen wird, die allerdings eine um entscheidende Komponenten verengte Realitätswahrnehmung aufs Tablett heben. Der Schritt von den reinen Zahlkolonnen zu den komplexen, ganzheitlichen Bewegungsmustern in der ökonomischen Realität bedeutet nicht zwingend ein völliges Verlassen vertrauter Modelle, sondern eine Denk- und Perspektivenerweiterung, die allerdings andere Methodologien erfordert als die gewohnten.

4. Wahrnehmung und Theoriebildung in der Ökonomie

Die konstruktive Arbeit des individuellen Denkens beruht auf gegenwärtiger (empirischer) Wahrnehmung in Kombination mit vergegenwärtigten Gedächtnisinhalten. Durch gezielte und methodisch gestaltete interpersonale Kommunikation bildet sich so etwas wie kollektiv gesteuerte Wahrnehmung in Kombination mit dem Zugriff auf archivierte Gedächtnisinhalte in Form von Theorien und evidenten Erkenntnissen. In diesem Abschnitt geht es um die Frage, welche auf die Wirtschaft bezogenen Wahrnehmungen den ökonomischen Theorien in ihrer jeweiligen Entstehungsepoche zugrunde lagen und wie sie das ökonomische Denken danach beeinflusst haben (könnten). Hier geht es allerdings nicht um eine kurzgefasste Rekonstruktion der ökonomischen Theoriegeschichte (dazu Söllner 2001), sondern um eine grundsätzliche methodologische Problematik, die mit der Relativität der Geltung von Theorien zusammenhängt.

Sind schon auf individueller Ebene die genauen Abläufe neurologischer Prozesse der Wahrnehmung (sinnliche Erfassung, gedankliche Strukturierung, Abgleich mit dem Gedächtnis, innere Gestaltung) nicht restlos geklärt, so könnte die analoge Anhebung der vermuteten Verlaufsmuster auf denkende, sortierende, klärende menschliche Kollektive - wie sie die wissenschaftlichen Kollegien und Forschergemeinden eben darstellen - als um etliche Grade fragwürdiger betrachtet werden. Indessen ganz so ahnungslos sind wir heute dank neuerer Erkenntnisse der Neurologie jedoch nicht mehr. Dennoch bleibt die Frage, ob solche Erkenntnisse ohne Weiteres durch Analogieschluss auf kooperierende Gruppen übertragbar sind, grundsätzlich offen, da hier die Probleme der Koppelung eigenständig arbeitender Gehirne durch Sprache ein Sachverhalt eigener Art ist. Die Einblicke Neurologen in die Arbeitsweise unseres Gehirns (Pöppel 1997; Singer 2002 und 2003) läuft in keineswegs überraschender Weise auf ältere Vorstellungen der Denkpsychologie zu, insbesondere auf die Kunstpsychologie Rudolf Arnheims (Arnheim 1979, 1996, 2000 und 2001) sowie den (denkpsychologischen) Konstruktivismus (Kuhn 1978; Watzlawik 2003; Watzlawik, Kreuzer 2003). Als philosophische Vorläufer dieser Sichtweise schon im Altertum können Platon, nach ihm die Ahnenreihe der Platoniker bis hin zu Plotin gelten.

Im Allgemeinen geht man davon aus, dass Wissenschaft eine methodisch abgesicherte Suche nach Erklärungen wahrnehmbarer Phänomene (in Gegensatz zu fiktiven, phantastischen, magischen oder religiösen Erscheinungen) ist. Das Spezifische wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung im Unterschied zu alltäglichen, das praktische Handeln direkt steuernden Wahrnehmungen besteht in der Anwendung von bewährten Methoden der Beobachtung und Interpretation und dem Abgleich der Ergebnisse mit vorangegangenen eigenen oder fremden, um eine gestärkte Verlässlichkeit (selten eine endgültige Gewissheit) zu erlangen. Wissenschaftliche Erkenntnisse durchlaufen gewöhnlich eine Phase der gewissenhaften Überprüfung und Bewertung. Darin liegt die kritische Funktion wissenschaftlicher Kollegien und Fachgemeinschaften.

Was auf diese Weise methodologisch installiert wird, ist folglich nicht so sehr eine analoge Übertragung individueller Prozesse systematischen Forschens auf die Superebene von Forscherkollektiven, als vielmehr die Einrichtung einer Verlässlichkeitsprüfung zur Festigung von Geltungsbehauptungen wissenschaftlicher Forschungsergebnisse. Kaum zu übersehen sind in diesem Licht positiver Erkenntnisabsicherung die Schatten und Risiken einer solchen Konstruktion. Individuelle Erkenntnisse, die dem kollektiven Verständnis eines bestimmten Sachzusammenhangs widersprechen oder den Ehrgeiz anderer durchkreuzen, führen nicht automatisch zu einer Korrektur der bislang geltenden Sichtweisen (Theorien), sondern können mit methodischen, sachlichen, aber auch verdeckt mit ideologisch oder gar irrationalen Argumenten "abgebügelt" werden und damit unwirksam bleiben. (11) Die Anerkennung einer Einzelleistung als Erkenntnisgewinn ist also selber ein von Vorprägungen (Vorwissen und subjektiven Überzeugungen) gesteuerter Wahrnehmungsprozess. Dabei dürften naturwissenschaftliche Prüfvorgänge nach dem Kriterium der identischen Experimente bei sonst gleichen äußeren bzw. ausschaltbaren Bedingungen gegenüber geisteswissenschaftlichen einen deutlichen Gewissheitsvorteil für sich verbuchen. Human- oder geisteswissenschaftliche Forschungen "leiden" unter der Unmöglichkeit identischer Wiederholung von Situationen, die bekanntlich schon durch den Zeitablauf in veränderte Umgebungsbedingungen geraten, die man nicht durch "ceteris-paribus-Klauseln (wie in der Ökonomie üblich, vgl. Henrichsmeyer, Ganz, Evers 1991, 35; Söllner 2001, 55) ausschalten kann, ohne die Bodenhaftung mit der Realität zu verlieren.

Indessen ist der Unterschied nur gradueller Natur. Erkenntnisse in Humanwissenschaften können stets nur als vorläufig geltend behauptet werden, gelten also nur im Rahmen der Bedingungen, unter denen der Erkenntnisprozess verlief, vergleichbar mit den Bedingungen naturwissenschaftlicher Experimente. Sie bedürfen in den Humanwissenschaften jedoch besonders filigraner Aufmerksamkeit für inkompatible neue Einsichten und behauptete Geltungsansprüche auf individueller Ebene. Die forschende Aufmerksamkeit für und Empfindlichkeit gegenüber verdeckten oder durch Tradition für unhinterfragbar genommenen Dogmatisierungen gehört deshalb in den Humanwissenschaften zur methodologischen Kultur.

Für die Ökonomie stellt sich nach dem Gesagten die brisante Frage, welchem der beiden Typen wissenschaftlicher Geltungsprüfungen sie sich zuordnet oder ob für sie eine dritte Version beansprucht werden kann oder muss. Vereinfachend lässt sich (vorläufig) die Antwort geben, dass die in der Hauptströmung der Ökonomie dominierende dingliche Grundorientierung, d.h. die Fokussierung der Forschung auf die physische Produktion, Distribution und Konsumtion einschließlich ihrer zu Koordinierungs- und Lenkungszwecken nötigen Abbildung auf der monetären Wertebene die Anlehnung an die naturwissenschaftliche Methodologie nahe legt. Genau dies entspricht der Theorietradition in der Ökonomie und lässt sich wahrscheinlich mit der bereits geschilderten, schon bei Adam Smith angelegten Verknüpfung ökonomischen Denkens mit der Natur und den natürlichen Ordnungs- und Gleichgewichtskräften erklären, wie sie besonders bei Isaac Newtons Physik zu finden ist. (12) Von späteren Ökonomen ist dieser Zusammenhang expressis verbis hergestellt worden. So schreibt etwa Ludwig von Mises: "Man hat die Gesetze der gesellschaftlichen Kooperation zu erforschen, wie der Physiker die Gesetze der Mechanik erforscht." (zitiert nach Brodbeck 1998, 38). Die Vorstellung, die Wirtschaft funktioniere wie eine soziale Maschine und könne am besten im quantifizierenden Stil der Ingenieurwissenschaften beschrieben werden, ist noch heute in der neoklassischen Ökonomie verbreitet. Neben der "Maschinen-Metapher" hat noch eine andere, ebenfalls naturwissenschaftliche Metapher eine Rolle gespielt, nämlich die biologische (Söllner 2001, 306 ff.).

Ein anderer Konstruktionsansatz ergibt sich, wenn - wie in dieser Abhandlung vorgeschlagen - die Ökonomie als eine spezifische Kulturwissenschaft eingeordnet wird, die die geistigen Kräfte des Menschen ins Zentrum einer kulturellen Grundorientierung stellt. An dieser Stelle sei in geraffter Form eine Erläuterung des hier benutzten Kulturbegriffs eingeschoben. Kultur wird auf individueller Ebene verstanden als innere Anschauung über die Art zu leben, woraus sich die teils dauerhaften, teils spontanen "Vorlagen" für den Lebensstil (Verhaltensprägungen, Komposition von Artefakten im Lebensumfeld) ergeben. Kultur als gesellschaftliche Erscheinung bildet sich als kollektive, sprachlich vermittelte, geteilte und gelebte Anschauung über die Gestaltung des sozialen Zusammenlebens und verwirklicht sich in Form von öffentlichen Artefakten und ihrer Ästhetik (z.B. Bauten, Siedlungsformen, Wirtschaftsformen und -stile usw.) und in der Geltung ethischer Prinzipien (allgemeine Moral, Verfassungen, Rechtsnormen, Wirtschaftsethik, Wissenschaftsethik usw.). Kultur ist individuell und sozial ein geistiges Band, das auch das Wirtschaftshandeln umfasst, und zwar in allen eben genannten Dimensionen. Die Wirtschaftswissenschaften beider Versionen wären mit diesem Konstruktionsansatz auch methodologisch in die Sphäre der Kultur-, Geistes- oder Humanwissenschaften eingefügt und müssen dann deren Besonderheiten in methodischer und wissenschaftsethischer Hinsicht gelten lassen. Die daraus zu folgernde Notwendigkeit einer konstruktiven methodologischen Kritik (hauptsächlich) der neoklassischen Ökonomie (13) bezieht sich auf zwei unterschiedliche, wenn auch verbundene Sachverhalte:

Das bisher Gesagte zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Tradition des ökonomischen Denkens methodologisch die reale Welt der Wirtschaft nach einem rationalistischen Vorverständnis wahrnimmt und auf Modelle abbildet, um die Möglichkeiten der Erreichung eines rationalen Optimums zu prüfen. Folgt die Realität den daraus abgeleiteten Imperativen, folgt beispielsweise die Wirtschaftspolitik der Erkenntnis, dass optimaler Wettbewerb keine sachfremden Barrieren verträgt - wobei offen bleibt, was sachfremde Barrieren sind -, dann gleichen sich mit der Zeit Modell und Wirklichkeit an. Kurz gefasst: Die Gesellschaft wird zunehmend überall dort, wo sie mit wirtschaftlichen Vorgängen in Kontakt kommt, rationalisiert, und zwar in jener Vernunftversion, die dem traditionellen ökonomischen Denken innewohnt.

5. Die Dingwelt und die Geisteswelt der Wirtschaft

Die monetär gesteuerte Optimierung der dinglichen Sphäre ist die Evidenz schuldig geblieben, ob materieller Wohlstand zugleich das bestmöglich Leben in geistig-kultureller Hinsicht bedeutet oder ob sie womöglich dies gerade konterkariert. Die Rolle der Geisteswelt, die die Wirtschaft in ihrer Praxis unabweislich umfängt, ist eine offene Stelle der ökonomischen Theorie. Die Wirtschaft - wie immer sie wissenschaftlich als Gegenstand beschrieben und definiert wird - hat wahrnehmbare Eigenschaften, die als Konstituenten von Theorien grundsätzlich in Betracht kommen. Die Auswahl der relevanten Eigenschaften folgt in der Fachwelt der Ökonomie dem jeweiligen Theoriemodell und Erkenntnisinteresse. In diesem Abschnitt geht es um die Frage, ob und mit welcher Begründung die Annahme, dass das visionäre, koordinierende, disponierende Denken in der Wirtschaft zu den essenziellen Eigenschaften gehört, die sich in den ökonomischen Theorien wiederfinden sollten, auch wenn es sich nicht um physische Eigenschaften handelt. Dabei wird auf ein altes ökonomisches Postulat der Neoklassik zurückgegriffen, wonach sich alle Erscheinungen in der Wirtschaft auf individuelles Handeln zurückführen lassen müssen (Söllner 2001, 54).

Das Denken konstruiert Wirklichkeiten, die vom Individuum für dinglich real genommen werden. Die inneren Vorstellungen sind jedoch keine Fotographien, die sich über die Netzhaus in einer Art >camera obscura< des Gehirns einbrennen. Das Gehirn verarbeitet von den Wahrnehmungen vorzugsweise das, was mit den bereits vorhandenen Denkmustern und Konstanten (14) erklärt werden kann, und es sucht geradezu in der äußeren Dingwelt nach Konstanten , welche Orientierungssicherheit geben. Unauffälliges und das meiste nicht sofort Identifizierte geht den Weg des schnellen Vergessens und hinterlässt keine Spuren im Gedächtnis (was dessen Entlastung dient). Bliebe dies die einzig mögliche Arbeitsweise des Gehirns, kämen keine Innovationen, keine neuen Ideen zustande. Das Neue ergibt sich aus dem Bewusstwerden einer Spannung zwischen sinnlichen Erfahrungen und eingeprägtem Vorwissen, welche die Aufmerksamkeit des Denkens auf sich zieht. Es muss folglich Denkprozesse geben, die für bestimmte oder erahnte Erscheinungen empfänglich macht. Diese Vorarbeit des Denkens sei hier - der Kürze halber - Phantasie genannt. Es handelt sich um die Fähigkeit unseres Denkapparates, etwas zu vergegenwärtigen, was sinnlich nicht präsent ist, was womöglich gar nicht existiert, aber plausibel ist, oder was "wilde" Konstruktionen oder Einbildungen unspezifischen Ursprungs sein können, um die Fähigkeit also, aus Fragmenten sinnvolle Gestalten zu bilden.

Konkrete Handlungssituationen sind in der erfahrenen und gestaltbaren Lebensumwelt des Individuums verankert, welches sich von der Lage ein Bild zu machen versucht. Die so entstehenden Denkkonstrukte überschreiten die registrierte Realität und suchen zu ergründen, welche Bewegungen darin stattfinden und auf welche Weise das Individuum im eigenen Interesse tatkräftig eingreifen kann. Aus der stets (durch Fehlinformation oder Täuschung) gefährdeten Wahrnehmung resultieren spontane oder berechnete Ideen und Antriebe zum Zupacken. Dieser überaus stark vereinfachte Ablauf zwischen Wahrnehmen, Denken und Handeln ist (als Denkkonstrukt) ein Grundmuster, das sich selbst dann noch aufzeigen lässt, wenn komplizierte Kommunikationen zwischen Individuen in einem institutionellen Rahmen, z.B. einem konkreten Unternehmen, ablaufen und die Beteiligten nach bestimmten Regeln und Zielen ihre wirtschaftlich relevante Umwelt beobachten und daraus Schlüsse (Programme) ableiten. So variabel im Einzelfall diese funktionalen Strukturen sein mögen, sie sind in der einen oder anderen Ausprägung immer als Grundstruktur vorhanden.

Die sinnlich gegenwärtige oder durch methodische Arrangements (z.B. systematische Marktforschung) empirisch aufgearbeitete dingliche Außenwelt bedarf der Interpretation, und zwar einerseits der Komplettierung von (gewöhnlich stark) fragmentierten Einblicken in die Realität und andererseits der Rekonstruktion der sinnlich nicht direkt zugänglichen Beweggründe für erkennbares Verhalten anderer Individuen, z.B. der potenziellen Käufer, der Wettbewerber, politischer Gremien usw. Die Einschätzung (nicht Bewertung) der Realität ist eine essenzielle Leistung individuellen Denkens und für alles praktische Handeln in der Wirtschaft ein unverzichtbarer Vorgang. Handeln ist stets in die Zukunft gerichtetes Konzipieren von Programmen, das zwar auf der Grundlage zutreffenden Wissens über wirksame dingliche Konstellationen aufbaut (z.B. vorhandene Produktionskapazitäten, verfügbare Arbeitskraft, gesicherte Rohstoffzufuhr, Bestände an Fertigwaren usw.). Bliebe es jedoch bei der bloßen empirischen Registrierung solcher Fakten, käme es kaum zu weitreichenden programmatischen Überlegungen (Planungen, Strategien). Entscheidend ist in der Wirtschaft nicht, was Fakt ist, sondern wie man über Fakten denkt. Deshalb ist die geistige Welt der wirtschaftenden Individuen notwendigerweise auch eine für die Theoriebildung relevante Eigenschaft des wissenschaftlichen Gegenstandes der Ökonomie.

Der auch für volkswirtschaftliche Untersuchungen und Erklärungen der Gesamtwirtschaft, zumindest in der Neoklassik, relevante methodologische Individualismus begründet die weitere Folgerung, dass bei der Bildung von ökonomischen Aggregaten, z.B. dem Kapitalstock einer Volkswirtschaft oder der Summe der Neuinvestitionen einer Periode, auch die Geisteswelt der Individuen mitgebündelt werden müsste, was jedoch aus naheliegenden Gründen nicht geschieht, hauptsächlich deswegen nicht, weil sie keine quantifizierbaren und damit aggregierbaren Größen sind. Dennoch lässt sich ein methodisches Postulat ableiten, wonach die ökonometrische Erfassung von empirischen Fakten analog den einzelwirtschaftlichen Deutungsnotwendigkeiten ebenfalls der methodisch gesicherten Interpretation bedürfen. Solches geschieht zwar regelmäßig in der Praxis durch eine Reihe von Expertengremien und Fachinstituten, doch die Reichweite der Interpretation geht, wie es scheint, über den traditionellen Denkhorizont, wie er von der Neoklassik gefestigt worden ist, kaum hinaus oder bleibt vage. Welche Rolle sowohl auf Unternehmensseite als auch auf der Gegenseite des Marktes, den Käufern, sowie in der Sphäre der Stakeholder wirksame kulturelle Grundwerte, Lebensstile, soziale Traditionen und moralische Prinzipien spielen, gelangt nicht in den Fokus offizieller Interpretationen. So wäre beispielsweise die Qualität, das Profil und die kulturelle Fundierung des gesamten Bildungssystems ein wichtiges ökonomisches Theorieelement.

Es mag für Ökonomen unannehmbar erscheinen, einen erweiterten Denkhorizont, wie er eben angedeutet wurde, sowohl in die theoretische Arbeit als auch in die Ausbildung von Praktikern für Aufgaben in der Wirtschaft aufzunehmen. Dies erscheint jedoch unter dem hier vorgeschlagenen ökonomischen Blick als folgerichtig. Was mit dieser Forderung inhaltlich gemeint ist, sei hier, speziell auch mit Blick auf die Lehre, kurzerhand kulturelle Kompetenz genannt, ein Begriff, der zweifellos erläuterungsbedürftig ist. Es geht, allgemein gesagt, um die Fähigkeit, hinter den Objekten und Objektkonstellation der dinglichen Welt, soweit sie anthropogener Natur sind, stets die geistigen Kräfte gedanklich erfassen zu können, die diese Erscheinungen hervorgebracht haben. In den Dingen der Außenwelt Eigenschaften zu erkennen, die über ihre Physis hinausgehen, mag für diejenigen, die sich methodologisch eng an die Empirie zu halten verpflichtet fühlen, den Orbis der ökonomischen Wissenschaft überschreiten. Andererseits gehört die Kompetenz, in Situationen, die zur Zukunft hin offen sind, realistische Visionen zu entwickeln, zu den essenziellen Voraussetzungen produktiven Denkens und Handelns in der Praxis. Welche Rolle dabei das Denken vor den dinglichen Erscheinungen spielt, wusste bereits Plotin (205-270 n.Chr.) und vor ihm die Generationen der Platoniker. Es sei kein Stein auf dieser Erde, der nicht zuvor im Kopf eines Menschen war, verkündete Plotin. Das hat er zweifellos nicht physisch gemeint, wohl aber als eine Bestimmung des menschlichen Denkens, wonach wir etwas als Stein nicht wahrnehmen können, wenn wir nicht eine Idee von Stein in uns tragen, die uns das Erkennen ermöglicht.

6. Die Konstruktion des Marktes - eine einzelwirtschaftliche Perspektive

Die in der Neoklassik üblichen mikroökonomischen Modelle und Analysen des Marktes sind methodologisch fragwürdig und pragmatisch unergiebig. Diese durchaus nicht neue Einschätzung (15) lässt sich im Wesentlichen mit der zentralen Annahme rationalen Entscheidungsverhaltens der Wirtschaftssubjekte begründen, die einem Präjudiz gleichkommt, da es sich um eine äußerst reduzierte Idee von Vernunft handelt. Die damit einhergehende Abwertung anderer Vernunftgründe des Handelns als irrational, zumal solcher der Ethik und anderer kultureller Wertorientierungen, ist nicht nur methodologisch problematisch, sondern ein fatales Manko der neoklassischen Theorie hinsichtlich ihrer weltlichen Deutungskompetenz in Sachen Wirtschaft. Unternehmerisches Handeln, welches aus Einsicht in die gesellschaftliche Mitverantwortung der Wirtschaft bestimmte normative Anforderungen für sich gelten lässt, wird praktisch diskreditiert. Der der Mikroökonomie zugrunde liegende methodologische Individualismus macht indessen selbst wissenschaftlich keinen Sinn, wenn er tatsächlich von einem auf rationales Maximierungsverhalten verkümmerten Individuum ausgehen müsste. Sollte das maximierende Individuum nur eine Studienfigur sein, muss sie eben am Ende wissenschaftlich wieder vitalisiert werden. (16)

Die neoklassische Mikroökonomie ist indessen noch aus einem weiteren Grund fragwürdig, weil sie ein Bild von Wirtschaftsvorgängen entwirft, das so gut wie gar keine Ähnlichkeit mit der hochkomplexen Realität hat, wie sich am Beispiel der Konstruktion des Marktes demonstrieren lässt. Die Resultate der mikroökonomischen Modelle sind für die Erkenntnis der Wirklichkeit, genauer: für die angestrebte Korrespondenz der inneren Bilder mit der dinglichen Außenwelt irrelevant und folglich für betriebswirtschaftliche Fragestellungen unbrauchbar. Zwar sind Märkte auch in betriebswirtschaftlicher Sicht Konstrukte des Denkens, unterliegen also gleichfalls der selektiven Wahrnehmung mit allen darin liegenden Risiken der Fehleinschätzung und Täuschung. Aber es gibt so etwas wie einen Zwang aus der Sachlage heraus, für eine Risiko mindernde Kongruenz zwischen den Denkkonstrukten und der physischen Außenwelt zu sorgen. Hierin liegt u.E. der entscheidende Unterschied zwischen volkswirtschaftlichem und betriebswirtschaftlichem Denken. Es ist nicht dasselbe, ob man in der Welt handeln oder ob man sie lediglich erklären will.

Der Markt ist eine der zentralen Kategorien der Ökonomie. Er ist aus der Perspektive handelnder Individuen ein Konstrukt wie alle durch das Denken erzeugten Weltvorstellungen, eine Kopfgeburt mit allen Konsequenzen unvollständiger und deutungsbedürftiger Wahrnehmungen. Der Markt ist auch im wissenschaftlichen Denken des theoretisierenden Ökonomen ein Konstrukt. Aber nicht diese wissenschaftliche Version des Marktes soll hier der Leitgedanke sein, sondern der Versuch zu klären, was die Tatsache bedeutet, dass der Markt als einzelwirtschaftliche Wirklichkeit nur in Köpfen (und ihren externen Speichern) existiert. Dies ist keine Erscheinung der Moderne, sondern war immer und ist weiterhin - wenn auch nicht immer bewusst - Alltag für jeden, der mit dem Markt zu tun hat. Die konkreten Marktvorstellungen unterliegen allerdings dem historischen Wandel, und es kann in der Praxis ein kritisches Problem werden, wenn die realen Komponenten der kommerziellen Außenwelt nicht angemessen registriert und gedeutet werden.

Die heutigen Marktvorstellungen müssen sich zunehmend den äußerst komplizierten Verflechtungen auf supranationaler Ebene zuwenden und sich methodisch "ein Bild" der weitläufigen Zusammenhänge machen. Das war im Prinzip zu Zeiten des mittelalterlichen Fernhandels nicht viel anders. Man muss sich vorstellen, dass es vor dem Ende des 15. Jahrhunderts keine verlässlichen Land- und Seekarten gab und der Handel entlang der alten Seidenstraße fast schon globale Ausmaße hatte. Die kommerziellen Aktionsräume werden nur mit erheblicher Phantasieanstrengung anschaulich, nicht nur weil Märkte eine schwer zu fassende, ausgefranste Kontur haben, sondern auch weil Blickverengungen durch Denkgewohnheiten und festgelegte Blickpositionen immer nur perspektivische Bildern liefern können. Dabei spielt Kommunikation, also die wechselseitige Verständigung über reale Konfigurationen des Marktes, heute vermittelt über technisch ausgefeilte Kommunikationsmedien und -kanäle, eine entscheidende Rolle. Das individuelle Bild des Marktes ist ein Produkt aus Erfahrung, Beobachtung und Vermittlung. Die gängige Beschreibung, er sei der Ort des Zusammentreffens von Angebot und Nachfrage zwecks Austauschs von Gütern, ist eine sprachliche Metapher, kein handlungsleitendes Konzept oder Denkmuster.

Auch das, worum es auf Märkten geht, nämlich die Organisation der Verteilung von Gütern und Diensten, ist auf der Ebene des wirtschaftlichen Disponierens in den meisten Fällen nicht ein reales Ding, sondern ein Denkobjekt. Es geht um die simple Frage: Was ist ein Produkt? Im landläufigen Sprachgebrauch ist ein Produkt ein dingliches Objekt mit nützlichen Funktionen und Eigenschaften sowie einem dem Zeitgeschmack angemessenen Design. Es hat, wenn dies alles den Erwartungen potenzieller Käufer genügend entgegen kommt, alle Chance für einen kommerziellen Erfolg. (17) Diese Formulierung mag zunächst einleuchten, weil sie aller Erfahrung entspricht. Sie ist aber verräterisch, denn nicht auf die einzelnen, irgendwo in Läden ausgelegten dinglichen Exemplaren sind Erfolgserwartungen gerichtet, sondern auf die Produktidee, auf das ideelle Produkt. Die Erfolgschancen dieses ideellen Produktes, das in Bildern und Spots zirkuliert und sich in den Köpfen der Verbraucher niederlassen soll, ergeben sich aus gelungener öffentlicher oder singulärer Kommunikation, wenn die bildhaften "Denkimplantate" bei potenziellen Käufern angesichts eines dinglichen Exemplars ein déja-vue-Erlebnis erzeugen. Das Produkt hat ein abstraktes Sein im Denken, von dessen bildlich-ästhetischer Gestalt es abhängt, ob ein Interessent ein reales Ding als ein seinen Lebensvorstellungen entsprechendes "leibhaftiges" Exemplar erkennt und ihm Aufmerksamkeit schenkt.

Ob ein Produkt zu einem kommerziellen Erfolg wird, hängt also keineswegs von seinen physischen Eigenschaften allein ab (18), sondern von den Vorprägungen (den visuellen, akustischen, taktilen usw. Implantaten) im Gedächtnis des einzelnen Betrachters oder Interessenten in Verbindung mit dessen sinnlichen Umfeldwahrnehmungen im Augenblick der Begegnung. Das ideelle Produkt "bildet" sich durch Wahrnehmung von Dingen und durch Kommunikation unter Menschen. Das Produkt ist auf Seiten des Anbieters eine ideelle Konstruktion, die zwar zur Vorlage für die materielle Produktion wird, die aber um des Erfolges willen zunächst in der Öffentlichkeit als ideelle Gestalt kommuniziert, also als Bild (oft verknüpft mit einem merkfähigen Melos, seltener mit Geruchskomponenten) ästhetisch wahrnehmbar gestaltet und in geeigneter Weise in die Öffentlichkeit lanciert werden muss.

Die gezielt gestaltete Kommunikation, z.B. Werbung, führt zu Hervorhebungen mit einem Sympathie stimulierenden Attraktionseffekt, so dass das Produkt(bild) im Gehirn mit dem physisch präsenten Objekt nicht in jeder Hinsicht völlig deckungsgleich sein muss. Es ist wahrscheinlich nicht einmal völlig deckungsgleich mit dem ideellen Produkt in den Vorstellungen des Herstellers, weil auch er im Denken gestaltet, also in abstrakten Formen operiert. Diese stimulierenden Hervorhebungen geschehen in der Werbung gewöhnlich nicht durch die Präsentation einer genauen Abbildung eines Exemplars, sondern durch den Kontext, in den die Bildgestalt gestellt wird, denn der Kontext bestimmt die Wahrnehmung als ganzheitliche Blickerfassung mit. Auch dieser Prozess ist sehr vielschichtig. Die in einer Werbung dargestellte Produktumgebung auf einem Plakat ist eine solche Wahrnehmungsschicht; eine andere ist der öffentliche Ort, an dem das Plakat real hängt. Weitere Umstände liegen in den mentalen und emotionalen Verfassungen der Rezipienten im Moment der Betrachtung.

Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive, hier insbesondere des Marketing, sind die Aspekte der abstrakten Ideenproduktion und Kommunikation von Produktbildern als Kern erfolgreichen Wirtschaftens am Markt keine unbekannten Größen, auch wenn die konkrete Arbeit an diesen Gestalten kaum noch etwas mit der neoklassischen Idee des maximierenden homo oeconomicus zu tun hat. Als Praxis hat sie eher Verwandtschaft mit der Arbeit von Künstlern. Da gibt es durchaus Parallelen zu zeitgenössischen Kunstauffassungen, die den Umstand betonen, dass Kunstwahrnehmung zu analogen, aber akzentuierten und nicht deckungsgleichen Abbildungen im Denken des Betrachters führt. Das bedeutet, dass ein Kunstwerk genau genommen erst im Gehirn des Wahrnehmenden entsteht, wenn er Objekte oder Objektkonfigurationen oder auch Kunstverläufe wie in einem Theater betrachtet und gedanklich verarbeitet. Einer der renommierten Vertreter dieser Kunstauffassung war Joseph Beuys (Oman 1988; Stachelhaus 1996). Der französische Maler René Magritte trieb auf eine andere, den zirkulierenden Produktbildern durchaus gemäße Weise sein Spiel mit der Konstruktion von Wirklichkeit. In einem seiner bekannten Bilder sieht man eine Tabakspfeife, darunter die Unterschrift "Ceci n'est pas une pipe". Es ist eben nur das Abbild einer Pfeife, das zum Rauchen nicht geeignet ist.

Die konkreten Objekte, die real existierenden Exemplare von Produkten, sind zwar der Bezugspunkt kommerziellen Denkens und Handelns, denn letztlich korrespondiert Geld als allgemeines Tauschmittel mit (wertvollen) Dingen (19) und nicht mit Ideen. Dennoch sind die plausiblen, durchsetzungsfähigen, Eindrücke hinterlassenden Denkkonstrukte und ihre Kommunikation das Wesen des Wirtschaftens und die Bedingung des Erfolgs. Deshalb ist die geistige Produktivität des menschlichen Denkens nicht nur auf einzelwirtschaftlicher, sondern auch auf der aggregierten Ebene der Gesamtwirtschaft ein notwendiges Element der Konstruktion von Theorien.

7. Wie kann es weitergehen?

Die Vorstellung, dass die für das gesamte Wirtschaftsleben maßgeblichen Antriebe und kulturellen Formen reine Kopfgeburten sind, die der Empirie nicht direkt zugänglich sind, sondern nur durch empathisches Denken erschlossen werden können, wird bei vielen, die auf der alleinigen Geltung der zählbaren, messbaren und aggregierbaren Erscheinungen der Dingwelt bestehen, Unbehagen auslösen. Ist das, was bisher in der Ökonomie unter der Ägide der ökonomischen Rationalität in Bezug auf das koordinierte Zusammenwirken von Kapital und anderen Produktionsfaktoren gedacht, geforscht und begründet und schließlich zu filigranen theoretischen Konzeptionen ausgearbeitet worden ist, nun weitgehend obsolet?

Kurze und zugleich gut begründete Antworten auf diese Fragen kann es nicht geben, zumindest nicht in diesem Rahmen. Aber die zu bearbeitenden Fragestellungen können skizziert und damit die Türen zu weiter führenden Untersuchungen geöffnet werden. Zwei grundlegende Themenbereiche stehen im Vordergrund:

  1. Welche Rolle spielt die ökonomische Dingwelt im Rahmen einer konstruktivistischen und zugleich kulturorientierten Sicht auf das Wirtschaftsgeschehen?
  2. Ist diese Rolle geklärt, schließt sich die weitere Frage an, ob das in der traditionellen Ökonomie vorherrschende Denken in Kategorien der Optimierung von Faktorkombinationen (20) in der Produktion und in Kategorien von erstrebenswerten (auf Wachstum gerichteten Fließ-) Gleichgewichtszuständen auf den Märkten als dem Alpha und Omega der Wohlstandsmehrung (21) weiterhin tragfähig sein kann.

Zu 1): Die dingliche Außenwelt unter Einschluss der menschlichen Physis ist essenzieller Bestandteil des vitalen Kreislaufs von Wahrnehmen, Denken, Gestalten und physischem Realisieren. Bekanntlich gibt es auf einem Kreis keinen bevorzugten Punkt. Deshalb stellt sich die Frage, ob dem Geist darin der Vorrang vor der Physis gebührt, weil er das beherrschende (antreibende, steuernde) Moment darin ist, allenfalls den Philosophen, wenn sie die Herrschaft des Menschen über die materielle Natur (Sachbeherrschung, Selbstbeherrschung, soziale Herrschaft, Herrschaft über natürliche und technische Abläufe) begründen wollen.

Der menschliche Geist, die Gestalten, die er denkt und sich ausdenkt, ist seinerseits ein Produkt der Wahrnehmungen in der Dingwelt, aus der ein Mensch sich nicht davonstehlen kann, und diese Wahrnehmungen sind ständig und unvermeidlich korrekturbedürftig, will der Mensch nicht den Kontakt zu seiner eigenen Körperlichkeit und zur dinglichen Außenwelt um ihn verlieren. Mit anderen Worten: Wir konstruieren zwar im Denken Bilder von der Welt, in der wir leben, aber wir trachten zugleich danach, uns mit der korrespondierenden Dingwelt in Einklang oder in gespannte, nach Veränderung drängende Balance zu bringen (d.h. Verlässlichkeit, Vertrauen, Handlungsgewissheit usw. zu bekommen), wohl wissend, dass dies niemals ein dauerhafter Zustand des Glücks sein, sondern allenfalls für einen Moment wirklich werden kann.

Zu 2): Das Dilemma des traditionellen Denkens in der Ökonomie, ihre dezidiert dingliche Orientierung, liegt in der Unterbrechung des eben erwähnten Gestaltkreislaufs von Geist und Materie, in der reduzierenden Idee, die Dingwelt der Wirtschaft in sich selbst optimieren zu sollen und zu können, wenigstens dem Streben nach. Die Optimierung der wirtschaftlichen Dingwelt nach Maßgabe der reduzierten ökonomischen Rationalität - eigentlich ist sie unter Geltung eines umfassenden Vernunftbegriffs ökonomisch eine Suboptimierung - ist zwar im Grundsatz ein von menschlichem Willen und menschlichen Dispositionen gesteuerter Prozess der Realgestaltung. Aber dieser Wille ist in allen ökonomischen Modellen auf das Geld als Steuerungsmedium und auf die Optimierung unter Knappheit als Entscheidungskriterium reduziert. Der menschliche Geist ist darin ein monetärer Kümmerling, ein blutleeres, rationalistisches Destillat, das "homo oeconomicus" genannt wird.

Das hier nicht ausdiskutierbare Problem liegt in den Eigenarten des Geldes als einer gesellschaftlichen Einflussgröße (Kapitalmacht, politische Macht, Verführungsmacht, Korruptionsmacht, moralische Entlastungsmacht usw.), die prinzipiell von jedermann erlangt werden kann, auch wenn nicht jeder herausragend erfolgreich darin ist. Die Knappheit des Geldes (22) zwingt zu wohlüberlegtem Einsatz, und wenn dieser Einsatz in der Wirtschaft erfolgt, um über die dingliche Ebene der Produktion zu einer Geldvermehrung zu gelangen, dann steuert die Geldknappheit des Investors selbstverständlich die dinglichen Prozesse der Geldvermehrung. Dort stößt sie auf eine ganz andere Art von Knappheit, nämlich die Endlichkeit natürlicher Ressourcen, soweit diese nicht reproduzierbar sind.

Die durch die Wirtschaft erzeugten dinglichen Konstellationen in der realen Welt (etwa durch die Industrialisierung ganzer Zonen der Lebenswelt einschließlich der Landwirtschaft, durch die Typologie und Ästhetik des modernen Siedlungs- und Städtebaus, durch die Ästhetik des Wohnens und der Alltagskultur usw.) machen die Wirkungen des Geldes als Steuerungsmedium überall ablesbar. Diese Realwelt wird wahrnehmbar und schafft entsprechende Bilder, die nach genügend langer Zeit für gefestigt, unhintergehbar und dem Wohl aller dienlich gehalten werden. Die Mühlen der fortgesetzten Suboptimierung der reinen Dingwelt mahlen stetig an dieser Entwicklung weiter und schaffen - spekulativ zu Ende gedacht - eine sich selbst genügende künstliche Objektwelt, die keiner Subjekte bedarf, außer dass Individuen immer das verbrauchen, was gerade hergestellt wird - weshalb sie treffend "Verbraucher" genannt werden. Diese Projektion ist natürlich, wie jeder zugeben wird, nicht real, sondern eine rein theoretische Fiktion. Doch Denkmuster, wenn sie genügend lange tradiert und gefestigt werden, können bekanntlich auch real Unheil anrichten.

Die menschlichen Geisteskräfte wollen indessen, so dürfen wir vermuten, in einer offenen, demokratisch verfassten Gesellschaft nicht auf das Geld reduziert werden, finden sich aber vielfach abgekoppelt, so als ob die Wirtschaft ein eigenständig funktionierender Bereich ist, der lediglich der professionellen Steuerung durch (ökonomisch ausgebildete) Experten bedarf. Da es in der Geldvermehrungsmaschinerie letztlich um Macht- und nicht nur um schlichte Steuerungsfragen geht, drängt sich der Gedanke auf, dass Macht und Geist durch die einseitig dingliche Orientierung ökonomischen Denkens und Handelns in (vielleicht zu) starkem Maße entkoppelt sind und damit das alte Spiel ihrer dialektischen Wechselwirkungen nicht mehr in eine sozial erträgliche Balance bringen können. Diese Balance in der politischen Praxis zu gewinnen und zu halten, ist die Kernaufgabe jeder Demokratie, in der eine entsprechende Wirtschaftspolitik Platz zu nehmen hat.

Was folgt aus diesem kurzen Ausflug in die Philosophie für eine erweiterte Herangehensweise in Fragen der Wirtschaft? Man muss hier unterscheiden zwischen der Reflexionsebene der Wissenschaft und der Handlungsebene der Wirtschaftenden. Für die Ökonomie stellt sich die Frage, mit welchen Erkenntnismethoden daran gearbeitet werden kann, die geistig-kulturelle Welt hinter Produkten, Märkten, nachfragenden Haushalten, Organisationen, Betrieben und anderen Entitäten der Wirtschaft einschließlich ihres gesellschaftlichen Umfeldes angemessen einzubeziehen. In einer Epoche der Kulturgeschichte, in der immer weniger die konkreten Objekte, sondern ganz überwiegend deren Bilder in der Öffentlichkeit (auf den Märkten) zirkulieren, kommt der Sphäre der Erzeugung von Bildern, der Kommunikation von Bildern, der Gestaltung von Wahrnehmungsumgebungen eine entscheidende Bedeutung zu. Schon heute reicht es längst nicht mehr, nur über die werblichen Effekte von Auslagen im Schaufenster oder im Ladenregal nachzudenken, sondern es muss eine enorme Inszenierungstechnik (23) (Marketing genannt) in Gang gebracht werden, um Produktbilder in einer Art weitreichender "Aufmerksamkeitsökonomie" (Franck 1998) in die Öffentlichkeit zu bringen und gleichzeitig dafür Sorge zu tragen, dass diese geistigen Implantate nicht sogleich wieder durch ähnliche, ästhetisch wirksamere der anderen Marktteilnehmer gelöscht werden. Damit ist, wenn auch noch undetailliert, angedeutet, was unter kultureller Kompetenz zu verstehen ist und als was diese in Lehrprogramme eingefügt werden kann.

Theoriearbeit beginnt, wenn sie sich nicht auf die Götter verlassen will, mit einer brauchbaren Beschreibung der dinglichen Gegebenheiten in dem betreffenden Arbeitsfeld. Dazu gibt es in der Ökonomie bewährte Methoden der empirischen Forschung, die nach wie vor und laufend das notwendige Basiswissen liefern. Sie sind nicht das eigentliche Problem, um das es hier geht. Es geht vielmehr um das Erkennen von hinter den Dingen bestehenden Zusammenhängen und um deren Einflüsse auf das physische Geschehen. Deshalb bedarf die Deutung von erkannten Zuständen und Erscheinungen in der Wirtschaft anderer "Bilder" als jener der dinglich orientierten Theorietradition der Ökonomie gewohnten. Die Frage ist nicht, ob der ökonomische Blick konstruiert ist - das ist er unvermeidlich immer -, sondern um das Wie und in welchem Denkhorizont. Das zentrale Postulat, das in dieser Abhandlung Leitgedanke war, bezieht sich auf den zu eng gezogenen Kreis der ökonomischen Rationalität, der andere Vernunftgründe, wenn überhaupt, allenfalls als externe Intervention und Störung der reinen ökonomischen Optimierungsaufgaben betrachtet. Die Zeiten sind nicht mehr so, dass wir der Vernunft zutrauen können, sich selber den Weg in die Köpfe der Individuen zu bahnen.

Anmerkungen

(1) In jüngster Zeit werden verschiedentlich ökonomische Abhandlungen vorgelegt, die dezidiert auf die Bedeutung von Wissen und damit des gesellschaftlichen Hintergrundes von Bildung eingehen. Vgl. z.B. Nico Stehr (2001).

(2) Vgl. Söllner (2001), 50 ff. sowie 332.

(3) Lesenwert dazu Söllner (2001).

(4) In der Renaissance spielte Merkur immerhin noch eine allegorische Rolle. Dazu John Hale (1994, 374): "While in mythological narrative Mercury was the messenger of the gods, astrologically he had come to be connected with advanced artisanal skills. In an Italian miniature of c. 1400 for instance, his 'children' are shown at work: a scribe, a painter, a clockmaker, a sculptor, an armourer, a musical Instrument maker, a potter."

(5) Es gehört zu den Leistungen des Ordoliberalismus, quasi an die Stelle der Natur die politischen (und demokratisch kontrollierten) Ordnungskräfte gesetzt zu haben. Vgl. Rüstow (2001) sowie F. P. und G. Maier-Rigaud (2001). Sie haben jedoch in der Mainstream-Neoklassik kaum Fuß fassen können.

(6) Dies ergibt sich aus einer frühen Veröffentlichung Smiths in der Edingburgh Review von 1755/56. Vgl. Ballestrem 2001, 40. Von Horst C. Recktenwald wird Adam Smith dagegen als "gemäßigter" Anhänger Rousseaus eingestuft. Vgl. Recktenwald 1978, LII.

(7) "rein" bezieht sich auf das Fehlen kultivierender, von manchen für künstlich gehaltener Eingriffe der Menschen. Das meiste von dem, was uns heute als Natur erscheint, ist indessen kultivierte, also anthropogen überformte Natur.

(8) Es würde hier zu weit führen, die zahlreichen Denkansätze in der Ökonomie zu benennen und zu kommentieren, die an die Stelle der puren Natur den politischen Willen des aufgeklärten Menschen und seiner Institutionen setzen. Genannt, weil auch wirtschaftpolitisch von Bedeutung seien die Ordoliberalen um Eucken, Böhm-Bawerk und Wilhelm Röpcke. Kürzlich wieder aufgelegt auch Alexander Rüstow (2001). Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus. Dazu auch F. P. und G. Maier-Rigaud (2001). Vgl. auch van Suntum (2001).

(9) Die Wirtschaft ist in dieser Formulierung als eine Sphäre der Materialisierung von kulturellen Ideen verstanden, die sich institutionell jedoch nicht als etwas Isoliertes aus der übrigen Gesellschaft herausheben lässt. Der Kulturbezug jeder einzelnen Wirtschaftstat ist unauflöslich.

(10) Der Zweck wird auch nicht dadurch konkret, dass er in der Wohlfahrtsökonomie aus Gründen seiner quantitativen Handhabbarkeit in Modellen durch "die Summe bzw. das Integral der (abdiskontierten) Wohlfahrtswerte der verschiedenen Generationen zu maximieren gesucht" (Söllner 2001, 130) wird oder in der Betriebswirtschaftslehre die Form der Gewinnmaximierung annimmt. Der Zweck bleibt abstrakt und bildet ein Destillat aus nur ordinal darstellbaren Wertkomplexen von Individuen und Gruppen. Der Nutzen selbst ist eine unpräzise Vokabel. Dahinter verbergen sich die verschiedensten Lebensphilosophien und Lebensmuster mit zahllosen Schattierungen und Bindungen an kulturelle Strömungen.

(11) Dieses Forscherschicksal ist durchaus nicht selten. Ein klassisches Beispiel ist die Entdeckung der Vererbungsgesetze durch Gregor Mendel, dessen Leistungen zu seinen Lebzeiten nie wissenschaftliche Anerkennung erfuhren.

(12) Die neuzeitliche Ökonomie, zuerst die Volkswirtschaftslehre und später die Betriebswirtschaftslehre, ist in einer historischen Phase groß geworden, in der der industriewirtschaftliche Auftrieb maßgeblich wurde: im 19. und 20. Jahrhundert. Sie konnte sich parallel dazu im akademischen Kanon als Wissenschaft behaupten. Es ist sicher kein Zufall, dass insbesondere die Betriebswirtschaftslehre vom "Bild der großen Industrie" geprägt wurde. Das vorherrschende Denkobjekt der Ökonomie ist auch heute noch die Industrie, obwohl Dienstleistungen in den meisten Industrieländern längst die Marke von 70 % des Bruttosozialproduktes erreicht haben.

(13) Eine detaillierte und systematische Kritik der wissenschaftlichen Grundlagen der Ökonomie ist auch dem Buch von Karl-Heinz Brodbeck (1998) zu entnehmen.

(14) Eine interessante Untersuchung von medizinisch-neurologischer Seite an Wahrnehmungsvorgängen bei der Betrachtung von Kunstwerken hat Semir Zeki (1999) vorgelegt. Vgl. fundiert auch Pöppel (1997), Singer (2002 und 2003).

(15) Vgl. Brodbeck (1998).

(16) Wie das aussehen kann, haben u.a. Peter Ulrich und das Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen gezeigt (Ulrich 2001 und 2002).

(17) Definitionen des Begriffs "Produkt" fehlen in den ökonomischen Lehrbüchern gewöhnlich, so auch in dem Klassiker der Betriebswirtschaftslehre von Henner Schierenbeck (2000). Der dort verwendete Begriff "Gut", meist im Plural "Güter" gebraucht, wird ähnlich wie bei Henrichsmeyer, Ganz, Evers (1991, 16) auf den für objektiv gehaltenen Tatbestand der Knappheit zurückgeführt (Schierenbeck 2000, 2). Das legt Praktikern den Gedanken nahe, zuerst Knappheit zu schaffen, um diese dann mit passenden Produkten (profitabel) zu mildern. Knappheit erzeugt man u.a. mit professionellem Marketing über das Design, welches das Produkt zu einem Unikat macht. Design ist eine ästhetische Kategorie und damit eine Wahrnehmungssache.

(18) Dass nach erfolgreicher Verhandlung das betreffende Einzelobjekt auch physisch "über den Ladentisch" gehen muss, genauso wie die vereinbarte Summe in Geld konkret und nicht abstrakt gezahlt werden muss, ist selbstverständlich, ebenso die Tatsache, dass zwischen dem Verhandlungsobjekt (dem ideellen Produkt) und dem Objekt eine im Zweifel justiziable Übereinstimmung herrschen muss.

(19) Nach wie vor muss dem umlaufenden Geld eine dingliche Reserve entsprechen, wie man bei Kreditverhandlungen leicht erleben kann. Wer für seine Geschäftsideen, womöglich im immateriellen Dienstleistungsgewerbe, einen Kredit benötigt, muss sich entsprechend dingliche Absicherungen besorgen oder dinglich gesicherte Bürgschaften einbringen. Vielversprechende Ideen haben allein keine Chance. Das kann ein prohibitive Problem werden, wenn das nötige Geld für Investitionen in die nachhaltige, öffentliche Kommunikation zur Verbreitung und Fixierung seiner Leistungsideen (Marktkommunikation) benötigt wird. Es handelt sich eben um eine nicht-dingliche Investition.

(20) Bei der optimalen Faktorkombination geht es um die Zusammenfügung von Produktionsfaktoren wie Arbeitskraft, maschinelle Anlagen, Roh- und Energiestoffe zu einer effektiven Einheit unter Geltung des Kriteriums höchstmöglicher Wirtschaftlichkeit. Auf volkswirtschaftlicher Ebene spielen die Aggregate dieser Faktoren eine entsprechende Rolle, also Kapital (Summe aller Investitionen in produktives Vermögen), Arbeit (Summe aller einsetzbaren Arbeitskräfte) und Boden (sämtliche der Natur entnehmbaren Rohstoffe landwirtschaftlicher, forstwirtschaftlicher, bergbaulicher Art sowie die Nutzung von Grund und Boden als gewerblicher Standort).

(21) Falls es jemals gelingen sollte, auf sämtlichen nationalen (heute internationalen) Märkten gleichzeitig einen Gleichgewichtszustand herzustellen, hätte man das so genannte Pareto-Gleichgewicht verwirklicht, das absolute Gleichgewicht aller Märkte. Dieses Superideal als theoretisch möglich nachzuweisen ist dem Lausanner Nationalökonomen Vilfredo Pareto mit mathematischer Präzision Anfang des 20. Jahrhunderts gelungen. Die Märkte warten noch heute auf erste reale Annäherungen.

(22) Die Knappheit des Geldes ergibt sich daraus, dass der in einer Volkswirtschaft umlaufenden Geldmenge eine endliche dingliche Absicherung zugewiesen wird. Geld ist eine Art Generalhypothek auf das Volksvermögen. Dieses mag in Goldreserven, Devisenbeständen, einträglichen Beteiligungen, staatlichen Bürgschaften, der gesamte Produktionsmenge einer Periode usw. bestehen. Alle diese dinglichen Sicherungen stehen aber nur begrenzt zur Verfügung, weshalb die ausgegebene Geldmenge ebenfalls limitiert werden muss, will man nicht Geldentwertung riskieren.

(23) Diese Entwicklungen in der Wirtschaftswirklichkeit sind durchaus eine Bedrohung für die herkömmlichen Studiengänge der traditionellen Betriebswirtschaftslehre, denn die Nachfrage nach Kompetenzen vom Typ Künstler, Medienexperte, Regisseur, Bühnenbilder, Maskenbildner, Komponist und Dirigent drängt sich nach vorn. Was macht ein Betriebswirt, für den dies alles nur Theater ist?

Literatur

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