Hedtke: Editorial

Editorial: Globalisierung

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Reinhold Hedtke

Das Schlagwort Globalisierung nimmt im sozialwissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Diskurs eine prominente Stellung ein. Die sozialwissenschaftliche, wissenschaftsjournalistische und populäre Literatur zum Themenkomplex Globalisierung ist kaum noch zu überschauen. Zunehmend erobert das Thema Globalisierung auf theoretischer und praktischer Ebene auch den fachdidaktischen Diskurs. Konzeptionelle, theorieorientierte Arbeiten sind noch nicht sehr häufig und interdisziplinär arbeitende fachdidaktische Ansätze fehlen gar völlig.

Die vorliegenden Vorschläge schwanken zwischen den Extrempunkten von grenzenlosem Globalisierungsoptimismus, allgemeiner Akzeptanzbeschaffung und anbiedernder Anpassungsqualifikation einerseits, aufgeregtem Alarmismus, allgemeiner Abwehrhaltung und kritizistischer Aufklärung andererseits (vgl. dazu auch die Rezensionen von Reinhold Hedtke). Dabei scheint sich ein seltsamer Gegensatz zu entwickeln zwischen der Unübersichtlichkeit und Kontroversität der fachwissenschaftlichen Debatten zum Themenkomplex Globalisierung und der verbreiteten fachdidaktischen Selbstgewissheit über Formen, Ursachen und Folgen der Globalisierung in den jeweiligen globalisierungspolitischen "Lagern".

Auch ist es noch nicht gelungen, die gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen, kulturellen und historischen Aspekte von Globalisierung ebenso angemessen zu berücksichtigen wie die soziologischen, wirtschafts-, politik-, kultur- und geschichtswissenschaftlichen Analyse- und Erklärungsansätze differenziert miteinander in Beziehung zu setzen. Diese Ausgabe des Onlinejournals für Sozialwissenschaften und ihre Didaktik thematisiert diese Aufgabe. Dabei setzt sie bewusst und im Unterschied zu früheren Ausgaben den Schwerpunkt auf soziologische und geschichtswissenschaftliche Herangehensweisen.

Im Basisartikel "Globalisierung - in soziologischer Perspektive" arbeitet Rainer Trinczek die Grundlinien des Globalisierungsdiskurses in der Soziologie heraus, in dessen Mittelpunkt vor allem die Themenbereiche Ökonomie, Ökologie und Medien standen. Trinczek zeigt die große Spannweite exemplarisch an den Topoi des heimatlosen globalen Unternehmens, der Entstehung transnationaler Netzwerkstrukturen in der Politik und der Herausbildung einer sich global vereinheitlichenden Kultur. Dem Erklärungsmuster, Globalisierung sei ein naturwüchsiger Prozess, setzt Trinczek entgegen, dass Globalisierung auch die Folge politisch-strategischen Handelns sei; der undifferenzierten Diagnose Globalisierung stellt er die differenziertere Beobachtung einer Triadisierung zwischen Westeuropa, Nordamerika und Asien gegenüber.

Besonders wichtig erscheint mir Trinczeks Frage, ob die nationalstaatliche Perspektive der Soziologie heute noch aufrechterhalten werden kann. Denn diese Frage müssen sich auch die sozialwissenschaftlichen Fachdidaktiken stellen, deren Diskurse in Europa meist an den Staatsgrenzen enden. Dass die Fachdidaktiken als nationale Disziplinen noch weitgehend isoliert voneinander arbeiten, ist angesichts der europäischen und globalen Integrationsprozesse nicht mehr angemessen. Es gehört zu den Hauptzielen dieser Zeitschrift, das zu ändern.

Lutz Zündorf vergleicht in "Umstrittene Globalisierung. Staat und Welt als Bezugssysteme des Handelns im Prozess der Globalisierung" Typen staatszentrierter und globaler Bezugssysteme und betont zugleich deren Heterogenität und Dynamik. Er begreift Globalisierung als einen Prozess, in dem Denk- und Handlungsorientierungen von Staat (Rechtsstaat, Sozialstaat, Territorialstaat) auf Welt (Weltmarkt, Staatenwelt, Weltkulturen) umgestellt werden, und charakterisiert die wichtigsten kontroversen Positionen dazu. Zündorf zeigt, dass sich die vieldeutigen Bezugssysteme Staat und Welt überschneiden und verbinden. Er verfolgt die Umstellung der Bezugssysteme auf drei Ebenen: als welthistorische Prozesse der Raum-, Zeit- und Kommunikationsrevolution, als staatliche Umorientierung von militärischer Macht und Territorialität auf Handel sowie auf der Ebene der Individuen von lokalen/nationalen zu kosmopolitischen Grundhaltungen.

Susanne Popp argumentiert in "Ein 'global orientiertes Geschichtsbewusstsein" als zukünftige Herausforderung der Geschichtsdidaktik?" aus fachdidaktischer, aber auch geschichtswissenschaftlicher Sicht. Sie stellt fest, dass die Geschichtsdidaktik in einer gewissen Distanz zum Globalisierungsthema verharre, was nicht zuletzt an der traditionell nationalstaatlichen Funktion des Geschichtsunterrichts und dem Festhalten an einem nationalhistorischen Kerncurriculum liege. Demgegenüber plädiert sie für ein global orientiertes Geschichtsbewusstsein und fordert, dass sich die Geschichtsdidaktik mit welt- oder globalgeschichtlichen Konzepten befasse müsse. Sie stellt einige Ansätze vor, die versuchen, dies auf der curricularen Ebene umzusetzen.

Nach meiner Auffassung wäre es angesichts Veränderungen längst überfällig, dass auch die Politikdidaktik und die Wirtschaftsdidaktik eine kritische Revision ihres nationalen und nationalstaatlichen Bias in Angriff nehmen. Dazu müsste dieser allerdings zunächst einmal sorgfältig analysiert werden.

Mit ihrer "Sachanalyse Globalisierung" unterziehen Eberhard Jung und Ingo Juchler dieses Unterrichtsthema einer kompakten ökonomischen und politikwissenschaftlichen Untersuchung. Sie beschäftigen sich insbesondere mit den Auswirkungen der Globalisierung auf den "Standort Deutschland" und fragen nach den Möglichkeiten einer global governance. Ihr Beitrag mündet in einigen methodischen Vorschlägen für den Unterricht.

Im Rezensionsteil zum Themenschwerpunkt bespricht Reinhold Hedtke vier didaktisch orientierte Publikationen über Globalisierung aus ökonomischer, soziologischer, politologischer und fachdidaktischer Sicht.

Außerhalb des Schwerpunkts dieser Ausgabe liegt das Thema "Bildungstheoretische Kriterien der Lehrplananalyse", mit dem sich J. Henning Schluß auseinandersetzt. Er macht die Lehrplananalyse stark, und zeigt, wie die Unterscheidung von affirmativen und reflexiven Normierungen von Lernzielen sowie die Entwicklung von Relevanzkriterien für die politische Bildung fruchtbar gemacht werden können. Sein Ziel ist es, den Diskurs zwischen Bildungstheorie und Politikdidaktik wieder aufzunehmen.

Mit den Beiträgen von Peter Davies, Peter Filzmaier und Christian Sitte beginnt das Onlinejournal für Sozialwissenschaften und ihre Didaktik eine neue Rubrik, den Länderreport. Diese Rubrik wird den Leserinnen und Lesern nach und nach einen Überblick über Situation, Institutionen, Diskurse und Probleme der politischen und der ökonomischen Bildung in den Ländern Europas verschaffen. Die nächste Ausgabe des Onlinejournals (Dezember 2002) widmet sich ausschließlich diesem Thema.

Peter Davies beschäftigt sich in "Principals or Agents? Developing Citizenship through Business, Economics and Financial Education" mit der Frage, welche Leitkategorien für ein Curriculum geeignet sind, das bürgerschaftliche Kompetenzen durch ökonomische Bildung fördern will. Damit argumentiert er aus einer interdisziplinären Perspektive zwischen Politikdidaktik und Wirtschaftsdidaktik und beschreibt die analytische Leistungsfähigkeit des Auftraggeber-Agenten-Modells der Institutionenökonomik.

Peter Filzmaier gibt einen breiten Überblick über Geschichte, Diskurs und Leitbilder der politischen Bildung in Österreich, während sich Christian Sitte auf die besondere Gestaltung des Verhältnisses von ökonomischer und politischer Bildung in österreichischen Schulen konzentriert.

In seiner Rezension empfiehlt Holger Meeh einen Sammelband, dessen Beiträge sich aus politikwissenschaftlicher und politikdidaktischer Sicht theoretisch und praxisorientiert mit dem Verhältnis von Politikunterricht und Neuen Medien beschäftigen.

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