Globalisierung - in soziologischer Perspektive
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| Kapitel I | |
| Kapitel II | |
| Kapitel III | |
| Kapitel IV | |
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Rainer Trinczek
Es hat sich eingebürgert, sozialwissenschaftliche Veröffentlichungen zu "Globalisierung"mit dem Verweis auf die Offensichtlichkeit dieses Phänomens einzuleiten und dabei an alltagsweltliche Erfahrungen in modernen Gesellschaften zu Beginn des 21. Jahrhunderts anzuschließen: der Fernseher aus Taiwan, das Auto aus Japan, der Computer aus Südkorea, frische Schnittblumen, täglich aus Afrika eingeflogen, das Lammfleisch aus Neuseeland, und spätestens, wenn man im Internet "surft" und im Bruchteil einer Sekunde von einem Rechner in den USA zu einem in Australien springt, scheint "Globalisierung" zu einer, wenn schon nicht gerade handgreiflichen, so aber doch immerhin "virtuellen" Realität geworden zu sein. Jeder Provinzpolitiker glaubt zu wissen, daß die Probleme der ortsansässigen Industrie wesentlich der "Globalisierung" geschuldet sind. Und auch die Standortdebatte sowie die Diskussion um den sogenannten "Umbau des Sozialstaates" werden im argumentativen Schatten von Globalisierung geführt. Kurzum: Das Thema ist "in" - und dies zeigt sich nicht zuletzt an einer überaus rasch anwachsenden Menge an einschlägiger Literatur. Globalisierung ist damit zweifellos eines der wichtigsten sozialwissenschaftlichen "Catchwords" der letzten Dekade.
In diesem Beitrag kann natürlich keinesfalls ein halbwegs kompletter Überblick über die soziologische Globalisierungsdebatte gegeben werden. Daher werde ich folgendermaßen vorgehen: Ich werde zunächst eine knappe Begriffsbestimmung von Globalisierung vornehmen (I.), dann kurz auf die Geschichte der Globalisierung eingehen (II.), um danach einen stichpunktartigen Überblick über die wichtigsten Themenfelder zu geben, die in der Soziologie unter dem Stichwort "Globalisierung" bearbeitet werden (III.). Im weiteren Verlauf werde ich mich darauf konzentrieren, die beiden zentralen soziologischen Perspektiven auf Globalisierung am Beispiel eines Gegenstandsfeldes (und zwar "Wirtschaft") herauszuarbeiten - Perspektiven die (nicht zufällig) auf zwei Grundsatzpositionen sozialwissenschaftlicher Theoriekonstruktion verweisen. Es handelt sich dabei um die nachgerade klassischen Positionen, die man idealtypisierend als "objektivistische" bzw. als "konstruktivistische" Position bezeichnen könnte. (IV.) Schließlich wird in einem abschließenden Abschnitt darüber reflektiert, was Globalisierung für die Disziplin "Soziologie" bedeutet, die ja bekanntlich traditionell eine eher nationalstaatlich orientierte Disziplin war (V.) (1)
I.
Im Bereich der Sozialwissenschaften wird der Begriff "Globalisierung" in den 1980er Jahren erstmals aufgenommen, findet im Grunde aber erst in den 90er Jahren weite Verbreitung. Dabei ist insbesondere interessant, dass der Globalisierungsbegriff häufig in wissenschaftlichen Veröffentlichungen verwendet wird, als sei er selbsterklärend. Begriffliche Anstrengungen im Sinne von Klärungsversuchen, was denn soziologisch eigentlich gemeint sei, wenn die Rede von Globalisierung ist, finden sich eher selten. Insofern ist Ulrich Beck zuzustimmen, wenn er schreibt: "Globalisierung ist sicher das am meisten gebrauchte - mißbrauchte und am seltensten definierte, wahrscheinlich mißverständlichste, nebulöseste und politisch wirkungsvollste (Schlag- und Streit-)Wort der letzten, aber auch der kommenden Jahre" (Beck 1997, 42).
Gleichviel haben mehrere angesehene Sozialtheoretiker und Globalisierungsforscher versucht, den Begriff systematisch näher zu bestimmen; eine gewisse Prominenz haben dabei die definitorischen Anstrengungen von Robertson, Giddens, Lash/Urry, Harvey, Albrow und Beck erzielt. Ohne hier nun jeden dieser Versuche in seinen Abgrenzungen zu den jeweils anderen detailliert zu rekonstruieren (vgl. für einige dieser Ansätze Dürrschmidt 2002), lassen sich vier Aspekte festhalten, an denen sich die soziologische Globalisierungsdebatte in ihrem Mainstream begrifflich orientiert hat:
Globalisierung kann als zunehmende Interdependenz lokal verstreuter Aktivitäten auf der Erde verstanden werden. "Globalization can thus be defined as the intensification of worldwide social relations which link distant localities in such a way that local happenings are shaped by events occurring many miles away and vice versa. (...) Local transformation is as much part of globalisation as the lateral extension of social connections across time and space" (Giddens 1990, 64). Dies bedeutet, dass unter Globalisierung nicht nur die Ausdehnung translokaler Netzwerke verstanden werden muss, sondern man im Grunde gewahr sein muss, dass der weitere Kontext auch jeder fest lokal verankerten und zunächst scheinbar eindeutig lokal fokussierten sozialen Praktik zunehmend ein globaler ist. Auf diesen Aspekt verweisen insbesondere auch Lash/Urry (1994), wenn sie die Reflexivität in den Beziehungen zwischen lokalen Akteuren und globalen Strukturen und Prozessen betonen.
Globalisierung verändert die gesellschaftliche Bedeutung von Raum und Zeit - und damit von zwei zentralen Rahmenbedingungen menschlicher Existenz. Während Giddens im Globalisierungsprozess eine Zuspitzung der schon seit Beginn des Modernisierungsprozesses von Gesellschaften relevanten "time-space distanciation" ausmacht (Giddens 1990), spricht Harvey (1989) von einer "time-space compression", die sich in den letzten Jahrhunderten schubweise entfaltet hat und in der globalisierten Welt einen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. "Time-space compression" stellt dabei sowohl auf eine Verkürzung der Zeit wie auch auf ein "Schrumpfen" räumlicher Entfernungen ab - bis hin zu dem Punkt, dass die verkürzte Zeit den Raum vernichtet. Diesem Endpunkt scheint sich für Harvey die globalisierte Welt zunehmend anzunähern: Informationen werden heute zeitgleich weltweit zur Verfügung gestellt, Kultur- und Sportereignisse werden zu realtime globalen Ereignissen, Chats im Internet zum globalen Kommunikationsmedium - Personen können daran unabhängig von ihrer jeweiligen Lokalisierung partizipieren, als ob sie am selben Ort wohnen: Raum scheint also in der Tat eine zunehmend geringere Bedeutung zu spielen.
Globalisierung bedeutet auch, dass die bislang dominierende Vorstellung, die Welt sei in halbwegs geschlossene Räume unterteilt, zunehmend obsolet wird. "'Global' is above all a space reference, the product of the location of the earth in space, a material celebration of the natural environment on which human beings depend, the evocation of the concrete wholeness or completeness of the existence, embracing humanity rather than dividing it" (Albrow 1996, 83). Ulrich Beck hatte bereits in den 80er Jahren in seiner Analyse der "Risikogesellschaft" darauf verwiesen, dass moderne Gesellschaften in wachsendem Umfang Risiken generieren, die nicht mehr vorrangig lokale, regionale oder nationale, sondern globale Effekte zeitigen (Beck 1986). Diesen Gedanken verallgemeinert Beck später mit Blick auf Globalisierung, wenn er schreibt, die Vorstellung generell sei heute obsolet, "in geschlossenen und gegeneinander abgrenzbaren Räumen von Nationalstaaten und ihnen entsprechenden Nationalgesellschaften zu leben und zu handeln. Globalisierung meint das erfahrbare Grenzenloswerden alltäglichen Handelns" (Beck 1997, 44).
Globalisierung hat nicht nur eine objektiv-materielle Dimension, sondern auch eine subjektive. Robert Robertson, dem Malcolm Waters in seinem Überblicksbuch die Ehre angedeihen lässt, den Begriff "Globalisierung" als erster im Titel einer Veröffentlichung genutzt zu haben (Waters 1995, 2), verweist in seiner Definition denn auch die objektive und die subjektive Seite von "Globalisierung": "Globalization as a concept refers both to the compression of the world and the intensification of the consciousness of the world as a whole" (Robertson 1992, 8). Dies bedeutet, dass Globalisierung für ihn sowohl den Aspekt "objektiver" materieller Veränderungen umfasst wie auch des subjektiven Bewusstsein eben dieser Veränderungen, also den Aspekt der subjektiven Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit. Erste beides zusammen - der Wandel gesellschaftlicher Strukturen in Richtung auf Globalität wie auch der Reflex gesellschaftlicher Akteure hierauf - konstituieren für Robertson den Prozeß der Globalisierung.
Diese vier Aspekte - Entgrenzung sozialer Räume, Reflexivität von Lokalität und Globalität, Kompression von Zeit und Raum, Bewußtheit von Globalität - dürften den gemeinsamen Nenner des Begriffsspektrum zur Globalisierung bezeichnen, wie er sich in der soziologischen Debatte sukzessive herauskristallisiert hat. Dabei scheint es in der Debatte ebenfalls unstrittig, den Begriff der Globalisierung - in (wenn man will) ungebrochener ethnozentrischer Perspektive - zu verwenden, obwohl der so bezeichnete Prozess aktuell keinesfalls in allen seinen Dimensionen als 'global' bezeichnet werden kann. Vielmehr beschränkt sich Globalisierung wesentlich auf die entwickelten Gesellschaften, während beispielweise mit Afrika ein ganzer Kontinent weitgehend aus den aktuellen Veränderungsprozessen exkludiert ist.
II.
Obwohl die Globalisierungsdiskussion in der Soziologie ohne Zweifel ein Kind der 1990er Jahre ist, gilt es zu betonen, dass es bereits eine längere (wenn auch nicht besonders ausgeprägte) Tradition einer Auseinandersetzung mit der zunehmenden weltweiten Integration gesellschaftlicher Prozesse gibt. Dabei wurde inhaltlich lange Zeit vorrangig auf drei Themenfelder Bezug genommen wurde; es sind dies die Bereiche Ökonomie, Ökologie und Medien.
Ökonomie
Der zunehmenden Internationalität kapitalistischen Wirtschaftens wurde dabei sicherlich die größte Aufmerksamkeit zuteil. Es mag erlaubt sein, darauf zu verweisen, dass beispielsweise vor rund150 Jahren von K. Marx und F. Engels ein immanenter Zwang zur globalen Ausweitung des Kapitalismus ausgemacht wurde. So schreiben Marx und Engels im 1848 veröffentlichten "Manifest der kommunistischen Partei": "Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. (...) Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. (...) An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander" (Marx/Engels, 1848, S. 465f.).
In sozialhistorischer Perspektive sind die zunehmenden (wirtschaftlichen) Verflechtungsprozesse insbesondere auch von F. Braudel (etwa 1985/86), und insbesondere auch von I. Wallerstein ins einem Entwurf einer Weltsystemtheorie analysiert worden. Wallerstein war einer der ersten Sozialtheoretiker, der sich bewusst gegen die Analyse von Einzelgesellschaften entschieden hat, da er in seinen sozialhistorischen Studien den Nachweis führen konnte, dass sich mit der Durchsetzung des Kapitalismus gleichzeitig ein System internationaler Arbeitsteilung etabliert, in das sukzessiv alle Weltregionen einbezogen werden. Der Kapitalismus ist - hier kann Wallerstein umstandslos an Marx und Engels anschließen - auch für ihn strukturlogisch auf Globalisierung geeicht. Die erheblichen Disparitäten in den Lebensbedingungen weltweit sind dabei in dieser Perspektive weniger Ausdruck eine gewissen Rückständigkeit von weniger entwickelten Ländern, die sich erst im Prozess einer nachholenden Modernisierung einebnen werden, sondern sie sind vielmehr strukturell im Welt(ungleichheits)system verankert. Über Armut und Reichtum, über Zugehörigkeit zum Zentrum oder zur Peripherie entscheidet wesentlich die Stellung im System der globalen Arbeitsteilung (vgl. etwa Wallerstein 1983, 1992).
In den späten 60er und frühen 70er Jahren wurden Veränderungsprozesse in der internationalen Arbeitsteilung beobachtet, die aus heutiger Perspektive bereits eindeutig als Vorläufer der heutigen Globalisierungsprozesse zu bewerten sind, damals aber unter die These von der "neuen internationalen Arbeitsteilung" zusammengefasst wurden (Fröbel et al. 1977, 1986). In verschiedenen, insbesondere lohnintensiven Branchen konnte damals bereits ein Übergang zu Strategien des "world-wide sourcing" von Arbeitskräften und Produktionsstandorten beobachtet werden - ein Prozess, der auch heute noch zentralen Stellenwert in der Debatte um sogenannte "footloose enterprises" hat.
Ökologie
Die ökologische Debatte war von Beginn an eine global orientierte Debatte. Spätestens seit den 70er Jahren, als der Club of Rome in seiner berühmten Studie über die "Grenzen des Wachstums" (Meadows et al. 1972) auf den Sachverhalt der Begrenztheit und drohende Zerstörung der natürlichen Ressourcen der Erde aufmerksam gemacht hat, findet das Thema breite öffentliche Beachtung - freilich ohne eine breitere sozialwissenschaftliche Debatte anzustoßen, die sich mit den Folgen der offensichtlichen Globalität ökologischer Problemstellungen beschäftigt. Zwar aktualisiert Becks "Risikogesellschaft" (1986) dann noch einmal den Zusammenhang zwischen ökologischen Problemlagen und globaler Perspektive, nichtsdestoweniger ist zu konstatieren, dass sich die soziologische Globalisierungsdebatte der 90er Jahre nicht wesentlich an diesen Fragen entzündet hat, sondern ihren Anstoßpunkt wesentlich an Veränderungen im Weltwirtschaftssystem fand.
Medien
Eine ähnliche Einschätzung trifft auf frühe Analysen über globalen gesellschaftlichen Änderungen von neuen Massenkommunikationsmedien zu, wie sie insbesondere von McLuhan seit den späten 60er Jahren vorgelegt wurden (vgl. etwa McLuhan 1964). Marshall McLuhan betont damals bereits den globalisierenden Effekt der Implementation elektronischer Medien. Bereits die frühere Einführung von Schrift und Buchdruck habe zu einem Untergang der "oral culture" geführt und die Gebundenheit von Kommunikation an eine Situation physischer Kopräsenz gelöst; dadurch sei es zu einer beachtlichen Verbreiterung des sozialen Wirkkreises von Kommunikationen gekommen. Kommunikation werde nun im Zuge des Übergangs zu elektronischen Medien abermals revolutioniert, was insbesondere der Tatsache geschuldet ist, dass das zentrale Kriterium dieser neuen Medien ihre außerordentlich hohe Geschwindigkeit darstellt. Der damit verbundene Beschleunigungseffekt in Kommunikationsprozessen - zusammen mit der Beschleunigung von Transportprozessen (vor allem durch Düsenflugzeuge) - führen McLuhan zu der These, man sei aktuell mit gesellschaftlichen Veränderungen konfrontiert, die man als "Implosion" von Raum und Zeit bezeichnen könne. "Electric circuitry has overthrown the regime of 'time' and 'space' and pours upon us instantly and continuously the concerns of all other men. It has reconstituted dialogue on a global scale. Its message is Total Change, ending psychic, social, economic, and political parochialism. The old civic, state, and national groupings have become unworkable" (McLuhan/Fiore 1967, 16).
Zwar fehlt nur in wenigen sozialwissenschaftlichen Veröffentlichungen der Verweis auf McLuhans schon klassische Bezeichnung dieser neuen Welt als "global village" (McLuhan 1964, 93), aber McLuhan bleibt lange Zeit Solitär. Systematisch werden seine frühen Überlegungen erst später im Kontext der Debatte um kulturelle Globalisierung wieder aufgenommen.
III.
Die aktuelle soziologische Globalisierungsdebatte ist breit aufgestellt. Man kann - recht konventionell - zwischen Analysen ökonomischer, politischer und kultureller Aspekte von Globalisierung unterscheiden (so etwa auch Waters 1995, Axford 1995), wobei eine eindeutige Schwerpunktbildung im Bereich wirtschaftlicher Globalisierung nicht zu übersehen ist.
Angesichts der Vielfalt der einschlägigen Debatten und der begrenzten Seitenzahl dieses Beitrages kann es im folgenden nicht darum gehen, auf alle relevanten Diskussionskontexte im weiten Feld der Globalisierung einzugehen. Im folgenden sollen daher nur kurz drei Debatten angerissen werden, um die Spannweite des soziologischen Globalisierungsdiskurses aufscheinen zu lassen.
Ökonomie - das Aufkommen eines neuen Unternehmenstypus: Das "heimatlose" globale Unternehmen
Manche Ökonomen bzw. Sozialforscher verbinden die Globalisierung der Wirtschaft vorrangig mit dem Aufkommen eines neuen Unternehmenstypus; Globalisierungsprozesse würden zuvörderst vorangetrieben von sogenannten "Global players", oder transnationalen Unternehmens. Diese seien daher als die wesentlichen Akteure der neuen Phase kapitalistischer Modernisierung zu bezeichnen (vgl. etwa Ohmae 1987, 1990; Dunning 1993; Altvater/Mahnkopf 1996). Dabei geht um ein "footloose enterprise", das - idealtypisch zugespitzt - netzwerkähnlich organisiert Kostendifferentiale systematisch und differenziert global ausnutzt und bei der Allokation von Kapital ohne Rücksicht auf geographische Grenzen lediglich ökonomischen Kriterien folgt. "So wird es keine 'amerikanischen' (beziehungsweise britischen, französischen, japanischen oder deutschen) Unternehmen mehr geben, noch irgendein Fertigprodukt, das sich 'amerikanisch' (beziehungsweise britisch, französisch, japanisch oder deutsch) nennen kann" (Reich 1993, S.125), man müsse vielmehr von "made by the world" sprechen.
Dabei sind es wesentlich vier Entwicklungen, die das Aufkommen eines solchen neuen Unternehmenstyps begünstigt haben:
- Die Entwicklung und flächendeckende Diffusion neuer Informations- und Kommunikationstechnologie, insbesondere die Fusion von Computer und Telekommunikation. Dies stellt gewissermaßen die technische Voraussetzung der Globalisierung voraus, da auf diese Weise erstmals eine äußerst kostengünstige Weitergabe von Daten und Informationen auch in großem Umfang "real-time", also in Echtzeit, über den gesamten Globus hinweg ermöglicht wurde. Dies erlaubt neue Modi der "virtuellen" Präsenz auf Märkten (etwa Teilnahme am Börsengeschehen unabhängig vom eigenen räumlichen Standort) ebenso wie neue Formen weltweiter Interaktionsbeziehungen (z.B. via Videokonferenzen) und Kontrollstrukturen - vom managerial erwünschten datentechnisch abgebildeten Überblick über das aktuelle Geschehen in einem Betrieb her macht es kaum mehr einen Unterschied, ob dieser Betrieb räumlich direkt neben dem Büro des Managers loziert ist oder auf der anderen Seite des Globus. Dies hat Castells zu der These veranlaßt, die neuen I+K-Technologien würden Organisationen weitgehend von ihren räumlichen "constraints" emanzipieren (so Castells 1989).
- Die rapide gefallenen Kosten für den Transport von Gütern wie Informationen. Transportkosten werden aktuell als nahezu vernachlässigenswerte Größe in den Kostenkalkulationen der großen Konzernen gehandelt. Dies bedeutet, daß gegenwärtig nicht - wie früher mitunter der Fall - die Kostenvorteile einer Teileproduktion in einem Billiglohnland zu einem Gutteil durch die zwangsweise auftretenden Transportkosten wieder "aufgefressen" würden. Dies verschafft den global agierenden Unternehmen die notwendige Handlungsfreiheit, sowohl ihre "sourcing"-Strategien weltweit auszurichten wie auch systematisch globale Produktionsverbünde aufzubauen.
- Die Liberalisierung des Welthandels in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg und die Deregulierung der Finanzmärkte seit den 70er Jahren haben einen in dieser Form bislang einmaligen Wettbewerbsdruck erzeugt, dem Nationalökonomien und Einzelunternehmen gleichermaßen ausgesetzt sind. Gleichzeitig wurde dadurch aber auch ein Optionsraum für alternative Strategien eröffnet: So besteht etwa erst seit der rapiden Reduktion von Zöllen und anderen Handelnsbeschränkungen im Rahmen des GATT bzw. der WTO eine verbesserte Chance, sich "von außen" in ausländischen Märkten zu etablieren. Und gleichzeitig wurden erst durch die Deregulierung der Finanzmärkte die unterschiedlichen Kapitalverkehrskontrollen in den OECD-Staaten abgeschafft und damit die uneingeschränkte Option für Unternehmen geschaffen, Kapital ins Ausland transferieren zu dürfen.
- Der fordistische Produktzyklus, der wesentlich auf der Herstellung von standardisierten Massenkonsumgütern basierte, läuft in den entwickelten Industrienationen bekanntlich aus. Die in der Zwischenzeit ausgereiften Produkte sowie die erprobten und technologisch beherrschbaren Produktionsverfahren erlauben den vergleichsweise unproblematischen "Export" von ganzen Produktionsketten bzw. wesentliche Teilen dieser, die bislang - aus verschiedenen Gründen (Sicherung von Qualitätsstandards, Angewiesenheit auf die Expertise der qualifizierten Beschäftigten etc.) - weitgehend exklusiv den hochindustrialisierten Ländern vorbehalten waren.
In den einschlägigen Debatten wird freilich intensiv diskutiert, ob sich derartige globale Unternehmen tatsächlich durchsetzen werden. Während manche Forscher einen solchen Trend als gesichert ansehen (etwa Narr/Schubert 1994; Hirsch 1995), äußern andere (etwa Ruigrok/van Tulder 1995, Hirst/Thompson 1996, Doremus u.a. 1998) erhebliche Zweifel an der Angemessenheit der These von einem neuen, globalen Unternehmenstyp. Ließe sich aktuell noch eine gewisse Internationalisierung des Umsatzes und der Produktionsstandorte feststellen, so treffe dies weder für die Kapitalstrukturen noch für die Zusammensetzung des Managements und schon gar nicht für die Lokalisierung der Forschungs- und Entwicklungsressourcen zu; diese seien nach wie vor entschieden national geprägt. Insofern lassen sich bei den Internationalisierungsstrategien von Konzernen aus guten Gründen erhebliche Differenzierungen in unterschiedliche Strategievarianten ausmachen, die es insgesamt nahelegen, daß der Idealtyp "globales Unternehmen" auch zukünftig eher die Ausnahme denn die Regel darstellen dürfte.
Politik - zum Entstehen transnationaler (Netzwerk-)Strukturen
Politikwissenschaftliche Studien zu Globalisierung kreisen im weitesten Sinn - soweit ich dies überblicke - wesentlich um die Frage, welche Folgewirkungen die aktuellen Globalisierungsprozesse für die Funktionsfähigkeit des Nationalstaates zeitigen. Während manche die drohende Kapitulation des Nationalstaats vor dem international emanzipierten Kapital ausmachen (u.a. Narr/Schubert 1994), sehen andere die die Handlungschancen des politischen Systems angesichts der wachsenden Einbindung von Nationalstaaten in internationale Mehrebenensysteme keinesfalls nur einseitig minimiert (etwa Scharpf 1994, 1998, Moravcsik 1997); die Krise des Regierens könne möglicherweise durch ein "Regieren jenseits des Nationalstaates" (Zürn 1998), in einer "post-nationalen Demokratie" (Grande 1997) überwunden werden. Vielleicht entwickelt sich im weiteren Kontext von NGO's gar ein neues Modell globaler Zivilgesellschaft.
Soziologisch orientierte Analysen sind - disziplinär bedingt - weniger an Veränderungen staatlichen Strukturen interessiert, wohl aber an den gesellschaftlichen Bedingungen und Folgewirkungen einer Relativierung nationalstaatlicher Strukturen. Aufmerksamkeit hat in diesem Kontext insbesondere das Konzept des "Transnationalen" auf sich gezogen.
Leslie Sklair entfaltet in ihrer Studie "Sociology of the Global System" (1991) das Konzept eines wesentlich durch "transnationale Praktiken" zusammengehaltenen und gesteuerten Weltsystems; dabei wird zwischen ökonomischen, politischen und kulturellen Praktiken unterschieden. es sind eben nicht mehr Nationalstaaten, in einem nationalen Kontext verankerte Wirtschaftsunternehmen etc., die die relevanten Akteure im "global system" darstellen, sondern zunehmend globalisierte Akteure - seien es weltweit vernetzte oder organisierte NGO's, seien es "footloose enterprises", seien es international agierende Finanzmagnaten.
Manuell Castells entwickelt in seiner breit angelegten Studie zur "Network society" (1996) eine ähnlich gelagertes Bild wie Sklair. Wesentlich ermöglicht durch die breiten Implementation neuer Informations- und Kommunikationstechnologie würden sich jenseits nationalstaatlicher Begrenzungen netzwerkförmig "new industrial spaces" (mit "global cities" als gewissen Fokalpunkten) etablieren. Die sich so entwickelnden Netzwerkstrukturen würden denn auch zukünftig die relevanten Regulationsmodi definieren, was die Frage gesellschaftlicher Produktion, Distribution und Konsumtion betreffe.
Ludger Pries hat in seinen Arbeiten über Migrationsbewegungen von Mexikanern in die USA empirisch belegt, dass es sich bei diesen Migrationsbewegungen heute häufig weniger um eine einmaliges Auswandern handelt, sondern dass es eher um eine langfristiges Pendeln zwischen der Herkunfts- und der Aufnahmegesellschaft geht, wobei auf verschiedensten Ebenen permanente Kontakte aufrecht erhalten werden. Der räumliche Kontext, in dem sich diese Migranten in ihrer Alltagspraxis verankern, ist weder die "alte" mexikanische noch die "neue" amerikanische Gesellschaft, sondern ein Drittes - ein "transnationaler sozialer Raum", ein gleichsam aus der Lebenspraxis der Migranten emergierendes Phänomen jenseits nationalstaatlich definierter Gesellschaften (vgl. Pries 1996, 1998).
Gemeinsam ist diesen Ansätzen (die noch um verschiedene andere Beiträge ergänzt werden könnten (etwa Hannerz 1996), dass sie davon ausgehen, dass im Prozess der Globalisierung eine neue Form von Vergesellschaftung und Sozialität entsteht, was sich nicht mehr in Kategorien einer "Containertheorie" (Beck) national verfasster Gesellschaften adäquat abbilden lässt.
Kultur: Auf dem Weg zu einer global einheitlichen "McWorld"-Kultur?
Es ist wesentlich mit Verweis auf die zunehmende Konzentration und globale Ausrichtung heutiger Medienkonzerne immer wieder die Möglichkeit skizziert worden, dass es auf diese Weise zu einer Homogenisierung weltweiter Lebens- und Konsumstile, zu einer Einebnung lokal differenter Werteorientierungen und Einstellungen auf das westlich geprägte Muster komme, das eben von den globalen Mediengesellschaften dominant transportiert wird. Verstärkt werde dieser Homogenisierungsprozess noch im politischen System, in dem die westlichen Staaten den dominanten Werten, an denen sie (ja auch erst) seit rd. 200 Jahren orientieren (etwa Menschen- und Bürgerrechte) universelle Gültigkeit zuschreiben und sie gegen alternative politische Kulturen durchzusetzen versuchen. Der kulturelle Imperialismus des ökonomisch potenten Westens schien für viele Analytiker auf eine Welt-Einheitskultur amerikanischer Prägung hinauszulaufen.
Diese Ansicht war bereits früh von Robert Robertson kritisiert worden, der stets darauf beharrt hat, dass man auf der kulturellen Ebene eher von "glocalisation" statt von Globalisierung sprechen müsse (Robertson 1992). Globale Information werde - so auch Lash/Urry - immer vor lokal geprägten Kulturen rezipiert: "Global programmes, even like Dallas, are read differently in different countries and places (...). At the level of the audiences it is inconceivable that there could be a global culture" (Lash/Urry 1994, 308). Und auch Giddens' These von der Notwendigkeit des lokalen "reembedding" von zunächst "disembedded" sozialen Praktiken verweist in eine ähnliche Richtung (Giddens 1994).
Darüber hinaus wird die These einer global vereinheitlichten Kultur auch durch empirische Befunde relativiert, dass die ohne Zweifel existierenden Homogenisierungstendenzen stets auch lokalen Widerstand provoziert und kreiert haben, so dass kulturelle Globalisierung paradoxerweise stets auch begleitet war von einem Erstarken des Lokalen (u.a. neue Nationalismen, islamischer Radikalismus, aber auch Ethno-Junkfood etc.).
In diesem Zusammenhang hat auch S.N. Eisenstadt darauf verwiesen, dass die von ihm bereits früher vertretene These, es gebe nicht nur eine (westliche) Moderne, sondern man könne vielmehr die Entstehung anderer (nicht-westlicher) Formen moderner Gesellschaften beobachten, auch unter den Bedingungen von Globalisierung nichts an ihrer Gültigkeit verloren habe (Eisenstadt 2000); insofern sei trotz der aktuellen Globalisierungstendenzen keinesfalls von einer globalen kulturellen Nivellierung auf westliche Standards auszugehen.
Insgesamt scheint sich in der wissenschaftlichen Debatte hierzu aktuell eher die Position durchzusetzen, die zwar einerseits die fraglosen Tendenzen zur kulturellen Vereinheitlichung qua westlicher Medienmacht anerkennen, die andererseits aber sowohl auf die paradoxen Effekte dieser Homogenisierungstendenzen als auch auf klare Gegentendenzen verweisen - etwa in Form einer "indigenization" kultureller Praktiken (vgl. etwa Appadurai 1990) oder auch einer stärkeren Betonung des 'our way' im Umgang mit Globalisierung (vgl. u.a. Shell 2002).
IV.
Dass es nicht nur eine soziologische Perspektive auf gesellschaftliche Phänomene gibt, ist eine Binsenweisheit, die zum Basiswissen unserer Disziplin gehört. In der Einführungsliteratur hat sich eingebürgert, (zumindest) zwischen zwei grundlegenden Paradigmen zu unterscheiden, die - zugespitzt und grob vereinfacht - etwa folgendermaßen umrissen werden können:
- objektivistisch: auf die Erhebung von "Fakten" konzentriert, positivistisches Wissenschaftsverständnis, realistisches Wirklichkeitsverständnis - Suche nach Wahrheit, normatives Paradigma
- konstruktivistisch: auf die Rekonstruktion von Wirklichkeitskonstruktionen konzentriert, hermeneutisches Wissenschaftsverständnis, Betonung der Vielfalt von Wirklichkeiten, interpretatives Paradigma.
So holzschnittartig diese Gegenüberstellung sein mag, so klar verdeutlicht sie jedoch auch die Unterschiedlichkeit der beiden Perspektiven, mit denen in den letzten Jahren im Globalisierungskontext gearbeitet wurde. Weiter oben war darauf verwiesen worden, dass diese beiden Perspektiven mitunter sogar in Versuchen einer eindeutigen Definition von Globalisierung systematisch aufgenommen wurden. Dies war oben unter Bezug auf die Definition von Robertson geschehen, eine ganz ähnliche Verknüpfung nehmen aber auch verschiedene andere Autoren vor - so etwa M. Waters: "We can therefore define globalization as: A social process in which the constraints of geography on social and cultural arrangements recede and in which people become increasingly aware that they are receding" (1995, 3). Die Erforschung von Globalisierungsprozessen hat sich also nicht nur mit material-objektiven Veränderungen zu beschäftigen, sondern gleichzeitig auch mit der Frage inwieweit Globalisierung in den subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen gesellschaftlicher Akteure eine zentrale Rolle spielt und somit deren Handeln (mit-)anleitet. Diese doppelte Perspektive soll im folgenden am Beispiel ökonomischer Globalisierung verdeutlicht werden.
Globalisierung wirtschaftlichen Handelns - auf der Suche nach der Wirklichkeit
Der größte Teil der Literatur zu ökonomischer Globalisierung versucht entweder den Nachweis zu erbringen, dass Globalisierung in der Tat weit vorangeschritten ist bzw. weiterhin voranschreitet und damit eine erhebliche Zäsur in der Wirtschaftsgeschichte verbunden ist, oder es wird der Versuch unternommen, empirische Belege zu liefern, die für eine Entdramatisierung des aktuell prominenten Globalisierungs-"Talks" sprechen; auf jeden Fall befindet man sich auf der Suche nach der wissenschaftlichen Wahrheit zur Frage: Wieviel Globalisierung gibt es denn nun tatsächlich? Im folgenden sollen kurz drei (von zahlreichen) dieser "Wahrheits"-Debatten exemplarisch skizziert werden.
Die Globalisierung der Finanzmärkte
Geldmärkte sind traditionell internationaler organisiert als andere Märkte. Trotzdem ist es auf den Finanzmärkten ganz offensichtlich seit den 70er Jahren zu einer sich rasant beschleunigenden Globalisierung gekommen. (2) Das hohe Niveau internationaler Verflechtungen wird dabei insbesondere bei Auftreten von realen oder potentiellen Krisen deutlich, sei es beim drohenden Konkurs von Banken (wie etwa 1998 wiederholt in Japan oder bei dem bereits legendäre Barings-Fall), bei der absehbaren Insolvenz von sogenannten "Hedge-Fonds" oder auch bei regionalen Überschuldungskrisen (wie etwa in Südost-Asien oder aktuell Argentinien), die heutzutage stets eine globale Dimension haben.
Der Verweis auf die Unerbittlichkeit der globalen Finanzmärkte stellt heute eines der wesentlichen Standardargumente in der politischen und wirtschaftlichen Diskussion dar: So ist etwa aus den Zentralbanken gegenüber Forderungen "ihrer" Regierungen nach einer gewissen Lockerung der Geldpolitik regelmäßig zu hören, daß Länder, die sich nicht an eine strikte Geldmengenpolitik halten, dafür auf den Finanzmärkten gnadenlos mit verschobenen Zins- und Währungsrelationen abgestraft würden. Und auch Unternehmen begründen die von ihnen in den letzten Jahren verfolgte "Shareholder-Value"-Strategie vorrangig mit den gestiegenen Renditeerwartungen global agierender Kapitalgeber: Angesichts der zahlreichen Anlagemöglichkeiten müsse man als Unternehmen attraktiv für das internationale Kapital sein, und Attraktivität für potentielle Kapitalgeber sei zu übersetzen in "hohe und sichere Renditeerwartungen".
Dabei wird gegenwärtig häufig vergessen, daß der Globalisierungsschub auf den Finanzmärkten keineswegs ein naturwüchsiger Prozeß ist, sondern Resultat politisch-strategischen Handelns seit den 1970er Jahren im Kontext des Zusammenbruchs der Nachkriegsfinanzordnung von Bretton Woods war - einer Reform, die wesentlich unter angebotsorientiertem-monetaristischem Vorzeichen stattfand. Während sich die Finanzminister bei ihren Entscheidungen im Zuge des Umbaus des Weltwährungssystems auf die Prognosen ihrer Berater verließen, daß sich nach einer Freigabe der Wechselkurse die "angemessenen" Währungsrelationen gleichsam stillschweigend und ohne große Turbulenzen am Markt würden durchsetzen, ist in der Realität das genaue Gegenteil eingetreten: Denn mit dem Floaten der Währungen und der sukzessive vorangetriebenen Liberalisierung des Kapitalverkehrs ergab sich gleichzeitig auch die systematische Möglichkeit, auf den Finanzmärkten Währungsschwankungen zu Spekulationszwecken auszunutzen (vgl. Strange 1986). Wie allgemein bekannt ist, haben die Finanzmärkte in schier unglaublicher Größenordnung frei flottierendes Kapital attrahiert - und Spekulanten leben nun mal nicht von einem ruhigen Einpendeln auf den "fairen" Wert, sondern von (möglichst ausgeprägten) Kursausschlägen, da dies die ausnutzbaren Preisdifferentiale erhöht. Die Folge ist eine noch nie dagewesene Volatilität auf den Währungsmärkten (inkl. regelmäßiger veritabler Krisen einzelner Währungen) mit den entsprechenden negativen Folgen für die Unternehmen, die sich nun auch noch auf den Terminmärkten gegen allzu große Währungsschwankungen absichern müssen - und sich dabei offensichtlich mitunter auch zu riskanten Währungsspekulationen hinreißen lassen. (3)
Ermöglicht durch die weltweite Einführung von moderner computergestützter Informations- und Kommunikationstechnologie und die sukzessive Deregulierung der Finanzmärkte ist es im Finanzbereich in der Tat zu einem globalen Markt gekommen. Dabei darf freilich nicht übersehen werden, daß hierzu nicht zuletzt auch der spezifische Charakter der auf den Finanzmärkten gehandelten Produkte den Globalisierungsprozess nicht unerheblich erleichtert: Geld hat eben den entscheidenden Vorteil gegenüber anderen Gütern, daß es an keine spezifische Stofflichkeit gebunden ist, sondern virtuell in Zahlenform transformiert werden kann und deswegen "real time" weltweit problemlos verschoben werden kann.
Globale Finanzmärkte stehen im Zentrum des gesamten Globalisierungsgeschehens, weil ihnen gewissermaßen die Rolle des "Kontrolleurs" für "richtiges" ökonomisches Handeln im weltweiten Wettbewerb zugewiesen wird - und zwar sowohl für Unternehmen wie auch für Nationalstaaten. "Abweichendes Verhalten" werde unmittelbar sanktioniert, was die Akteure im ökonomischen Raum regelmäßig wieder auf den "Pfad ökonomischer Tugend" zurückzwinge. Dies stellt gewissermaßen auch den logischen Kern der (umstrittenen) modernen Konvergenzthese dar, derzufolge auf diese Weise bislang differente nationale "trajectories" eingeebnet würden auf ein Weltstandardmodell, das - etwas überspitzt formuliert - den Wünschen des internationalen Finanzkapitals entspreche.
Trotz der scheinbaren Offensichtlichkeit des außerordentlich hohen Globalisierungsniveaus der Finanzmärkte soll an dieser Stelle kurz auf einen Punkt hingewiesen werden, der möglicherweise das oben ausgeführte Argument, die Finanzmärkte seien auch zukünftig die "Katalysatoren des globalen Kapitalismus" (Die Gruppe von Lissabon 1997, S.54) ) in gewisser Hinsicht relativiert.
In den letzten Jahren werden verstärkt Stimmen laut, die sich dafür aussprechen, die in den 80er Jahren erst vollendete Liberalisierung der Finanzmärkte wieder ein Stückweit zurückzunehmen. Während entsprechende Vorschläge zunächst nur von einzelnen Experten formuliert und dann von den politisch relevanten Entscheidungsträgern regelmäßig ad acta gelegt wurden (4), werden derartige Positionen einer vorsichtigen Re-Regulierung der Devisen- und Finanzmärkte in letzter Zeit häufiger auch von den Entscheidungsträgern selbst ins Spiel gebracht. So war etwa bereits im Frühjahr 1998 von Joseph Stiglitz, damaliger Chefvolkswirt der Weltbank, zu hören: "Wir wissen nun, daß exzessive Finanzmarkt-Liberalisierung solche Ereignisse (i.e. einschneidende Krisen auf den Finanzmärkten; R.T.) wahrscheinlicher macht. Immer mehr Leute kommen zu der Erkenntnis, daß bestimmte Eingriffe in den Kapitalmarkt die Stabilität erhöhen. Vor acht Monaten wäre das noch als absonderliche ideologische Position abgetan worden" (Stiglitz 1998; neuerdings auch ausführlich hierzu in Stiglitz 2002). Möglicherweise haben hier in den letzten Jahren angesichts der abnehmenden Handlungsfähigkeit des politischen Systems in zentralen Politikfeldern (u.a. Finanz- und Steuerpolitik) gewisse Lernprozesse eingesetzt, die in der Bereitschaft resultieren, erst vor kurzem gewährte Freiheiten eventuell wieder (begrenzt) einzuschränken.
Globalisierung oder "nur" forcierte Triadisierung?
Die Globalisierungsthese impliziert die Auflösung regional begrenzter Bezüge in den Strategiehorizonten von Unternehmen zugunsten einer globalen Perspektive: Betriebe würden sich nicht mehr an traditionellen Verankerungen in bestimmten Räumen, nicht mehr an langjährig eingefahrenen Geschäftsbeziehungen in die eigenen Region und auch nicht mehr an den bislang favorisierten Internationalisierungspfaden orientieren, die in der Vergangenheit wesentlich auf drei Motive zurückzuführen waren: Entweder waren Internationalisierungsstrategien einfache Markterschließungsstrategien (insbesondere in Ländern mit Importbeschränkungen oder hohen "local content"-Anforderungen), oder sie erfolgten nach dem Muster "production follows trade", daß also Unternehmen Produktionsstätten in den Ländern eröffneten, die ihre wesentlichen Absatzmärkte darstellten - nicht zuletzt auch, um sich damit gegen Währungsschwankungen abzusichern. Das dritte Motiv früherer Internationalisierungsstrategien lag - vor allem in arbeits- und damit lohnintensiven Branchen (wie etwa der Textil- und Bekleidungsbranche; vgl. hierzu insbesondere Fröbel u.a. 1977) - in der schlichten Absicht der Kostenreduktion qua Einrichtung "verlängerter Werkbänke" in Billiglohnländern.
Global agierende Unternehmen würden - so die These - radikal mit diesen traditionellen Internationalisierungsstrategien brechen. Es könne zwar richtig sein, daß es gegenwärtig noch keinen wirklich "globalen Konzern" gebe, trotzdem würde der Trend eindeutig in Richtung auf eine Emanzipation der Unternehmen von ihren bisherigen (auch internationalen) Raumbezügen weisen.
Gegen diese Annahme verweisen die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler mit dem Triadisierungsargument auf die empirische Beobachtung, daß aktuell offensichtlich weniger eine wirklich globale Reorientierung von Unternehmen und Wirtschaftsstrukturen stattfinde als vielmehr eine Stärkung der eingespielten Auslandsbeziehungen innerhalb der und zwischen den großen regionalen Wirtschaftsblöcken (West-)Europa, (Nord-)Amerika und Asien. In diesem Kontext wird üblicherweise auf zwei Befunde verwiesen:
- In der Literatur werden zur Analyse des Grades weltwirtschaftlicher Verflechtungen regelmäßig zwei "harte" Indikatoren herangezogen: Die Entwicklung der internationalen Handelsströme sowie der Auslandsinvestitionen (FDI, foreign direct investment). Nun ist es zwar nach allen bekannten Wirtschaftsstatistiken offensichtlich richtig, daß sich der Welthandel beträchtlich intensiviert hat, zumindest wächst er dauerhaft schneller als das Weltsozialprodukt, und es ist wohl auch richtig, daß seit Mitte der 80er Jahre das FDI höhere Wachstumsraten als der Welthandel aufweist - was beides für eine zunehmende internationale Verflechtung der Weltwirtschaft spricht -, nur: Die Handels- und Investmentströme sind nach wie vor wesentlich auf die eingeübten Pfade innerhalb der Triade beschränkt (vgl. hierzu etwa Hirst/Thompson 1986, S.51ff.). So konzentrieren sich 1995 etwa 62% der bundesdeutschen Direktinvestitionen im Ausland auf Länder der Europäischen Union und weitere 22% auf die "übrigen" Industrienationen Nordamerikas und Asiens (Deutsche Bundesbank 1996). Und auch der Welthandel wird über 85% von Ländern der Triade bestritten (WTO 1995). Daher scheint es angemessener zu sein, von einer Intensivierung "traditioneller" internationaler Wirtschaftsbeziehungen zu sprechen als von einem dramatischen Globalisierungsschub. Dies gilt umso mehr, als es ganz offensichtlich auch zu ausgeprägten Exklusionstendenzen im Weltwirtschaftssystem kommt, was sich insbesondere an der abnehmenden weltwirtschaftlichen Integration von Afrika beobachten läßt. "In conclusion, what is often referred to as 'globalisation' is perhaps better described as 'Triadisation'" (Ruigrok/van Tulder 1995, S.151).
- Das Triadisierungsargument gewinnt nun zusätzlich an Gewicht, als auch die Entwicklungstrends weniger auf eine Aufweichung dieser triadischen Konstellation verweisen als vielmehr auf deren Verstärkung. So ist etwa eine zunehmende Binnenintegration der drei Blöcke zu erwarten bzw. bereits zu beobachten, die aktuell bekanntlich institutionell ausgestaltet (z.B. NAFTA) bzw. gestärkt werden (z.B. Europäische Union: Einführung des Euro etc.). Dabei ist nicht auszuschließen, daß dies mit gleichzeitigen Abschottungsversuchen gegenüber "außen" verbunden sein wird (zu diesen Tendenzen vgl. Nunnenkamp 1993, Senti 1994). Mittelfristig könnte dies darauf hinauslaufen, daß sich die Handels- wie Investitionstätigkeiten von Unternehmen immer stärker auf die Teilnehmerstaaten des eigenen Wirtschaftsblocks konzentrieren - mit der langfristigen Folge reduzierter Wirtschaftskontakte zwischen den drei Blöcken der Triade. So wickelten etwa 1996 die einzelnen Mitgliedsländer der EU bereits zwischen 56% (Großbritannien/Nordirland) und 78% (Portugal) ihres gesamten Handels innerhalb der EU ab - mit steigender Tendenz (vgl. Statistisches Bundesamt 1998).
Liberalisierung oder Repolitisierung der Weltwirtschaft?
Das Argument, die Weltwirtschaft befinde sich auf einem intakten Pfad zu weiterer globaler Liberalisierung, scheint manchen Sozialforschern auch deswegen überzogen, als offensichtlich bestimmte zentrale Teilbereiche des Wirtschaftssystems nur ansatzweise von Internationalisierungsprozessen tangiert werden bzw. es durchaus auch Versuche gibt, gegenläufige Entwicklungstrends in Richtung auf eine Reduktion bereits erreichter Internationalisierungsstandards in Gang zu setzen. Gleichsam den "Paradefall" für diese Argumente stellen die Arbeitsmärkte dar (vgl. hierzu u.a. Cohen 1987, Harris 1995): Hier ist es - trotz steigenden allgemeinen Migrationsdrucks - unter dem Eindruck zunehmender nationaler Beschäftigungsprobleme in den fortgeschrittenen Industrienationen nachgerade zu einer flächendeckenden Tendenz zur Schließung von (bislang zumeist auch nur begrenzt) offenen Grenzen für Arbeitsmigranten gekommen bzw. zur hochgradigen Regulierung von Migration und zu einer verschärften Implementation von klaren Einwanderungskriterien, die sich strikt am Bedarf der Aufnahmegesellschaft orientieren (vgl. etwa Stalker 2000).
Der soeben erwähnte Fall der politischen Regulierung der Arbeitsmärkte verweist darauf, daß es trotz aller Deregulierungs- und Liberalisierungspolitiken der vergangenen Dekaden und trotz aller öffentlichen Beschwörungen einer liberalen Weltwirtschaft immer wieder - und in den letzten Jahren verstärkt - zu politisch induzierten Eingriffen in das Weltwirtschaftssystem gekommen ist, die in ihrer Tendenz gerade auf eine Einschränkung freier Weltmärkte hinauslaufen. Dabei scheint sich gewissermaßen ein paradoxer Effekt einzustellen: Aufgrund der zunehmenden Verflechtung der Weltwirtschaft steigt die Möglichkeit - und damit üblicherweise auch: die Versuchung -, ganz unliberal aus (geo-)politischen Motiven in das Weltmarktgeschehen einzugreifen und die gestiegene ökonomische Abhängigkeit einzelner Nationalstaaten vom Weltmarkt als Pfand zu nutzen. Prominente Beispiele hierfür sind etwa die Versuche der UNO, ihre Ziele bzw. Resolutionen mit Hilfe von abgestuften Wirtschaftssanktionen und Handelsbeschränkungen durchzusetzen, wie dies aktuell etwa im Falle des Irak geschieht. Aber auch die USA nutzen immer wieder derartige Wirtschaftssanktionen, um ihre Interessen durchzusetzen oder "political correctness" zu erzwingen; verwiesen sei nur auf den gegen Kuba gerichteten Helms-Burton Act oder diverse Maßnahmen gegen Libyen und den Iran. Nach dem Terror-Anschlag vom 11. September 2001 hat sich diese Linie in den USA zusätzlich verfestigt.
Globalisierung als gesellschaftliches Konstrukt?
Die soeben diskutierten Fragen zielten ohne Zweifel auf Aussagen zum materialen Gehalt von Globalisierung. Dabei hinterläßt die knappe Durchsicht der einschlägigen Literatur ein differenziertes Bild der gegenwärtigen Veränderungsprozesse in der Weltwirtschaft, das sich ganz offensichtlich einer Reduktion auf "schlanke Thesen" entschieden widersetzt: Die aktuell beobachtbaren Tendenzen scheinen zumindest nicht linear in Richtung auf mehr Globalisierung zu weisen, gleichzeitig zweifelt jedoch auch kaum jemand daran, daß sich insgesamt der Grad der internationalen Verflechtung ökonomischer Prozesse in den letzten Dekaden erheblich erhöht hat. Die derzeitige Materiallage zur Globalisierungsthematik unter eine andere Unterschrift als "Neue Unübersichtlichkeit" zu subsumieren, fällt daher schwer.
Umso eigentümlicher muß die beachtliche Differenz zwischen dem gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Globalisierungsdebatte und dem immensen Stellenwert erscheinen, der der Globalisierungssemantik im aktuellen wirtschaftlichen und betrieblichen Geschehen zukommt (vgl. hierzu Schmidt 1998). Alle wissenschaftliche Aufklärung und Entmythologisierung scheinen nicht in der Lage zu sein, die Bedeutung von "Globalisierung" in der öffentlichen Sphäre spürbar zu relativieren: Trotz der "objektiven" Unübersichtlichkeit der Daten hat kaum ein Begriff im politischen Raum in den letzten Jahren eine ähnliche Karriere gemacht hat wie das berühmte "G-word".
Dieser Befund ist der Ausgangspunkt der konstruktivistischen Perspektive auf Globalisierung: Vertreter dieser Position sind der Ansicht, die oben mühsam herausgearbeiteten (Teil-)Befunde seien eher als Epiphänomene des Globalisierungsdiskurses zu betrachten und als solche schlicht von begrenzter Relevanz, denn: Mit der Suche nach dem "wirklichen" Niveau von Globalisierung befinde man sich im Grunde auf der falschen Fährte! Es gelte vielmehr das von W.I. Thomas formulierte Basistheorem des sozialen Konstruktivismus ernstzunehmen: "If men define situations as real, they are real in their consequences". In diesem Sinne sei es für die gesellschaftliche Wirksamkeit von Globalisierung eben nur begrenzt relevant, ob sich die Globalisierungsthese wissenschaftlich belegen lasse; es sei völlig hinreichend, wenn die relevanten gesellschaftlichen Akteure der Ansicht sind, wir befänden uns gegenwärtig in einer dramatischen weltwirtschaftlichen Umbruchsituation, denn ihr Handeln würde auf Grundlage dieser Situationsdeutung erfolgen.
Im bundesdeutschen Kontext ist diese Perspektive auf Globalisierung u.a. von Helmut Wiesenthal und - stärker empirisch untermauert - von einer Projektgruppe am Göttinger SOFI um Klaus Dörre lanciert worden. "Was und wie über Globalisierung geredet wird, bestimmt mit, wie und was "die Globalisierung" werden wird. Das Phänomen hat eine ausgeprägt konstruktivistisch-kognitive Dimension" (Wiesenthal 1996, S.2; Hervorheb. im Orig.). Für Wiesenthal ist es vorrangig der von den Unternehmen als erweitert wahrgenommene Optionsraum der Strategiebildung und damit der veränderte Entscheidungshorizont, der Globalisierung ausmacht. Dies bedeutet, daß nun plötzlich "die Konditionen, zu denen "lokal" gehandelt wird, nicht mehr ausschließlich von den lokalen, sondern von universalen globalen Bedingungen bestimmt sind" (ebd., S. 6). Die von den Akteuren "geglaubte" Option einer Globalisierungsstrategie kann dabei sehr viel entscheidender sein als die reale Nutzung derartiger Optionen.
In ganz ähnlicher Weise spricht K. Dörre von Globalisierung als "strategischer Option" (1997). Im Rahmen eines empirischen Forschungsvorhabens über die Folgen von betrieblichen Globalisierungsstrategien auf die industriellen Beziehungen in der Bundesrepublik sind Dörre und seine Göttinger Kollegen wiederholt auf Fälle gestoßen, in denen die Option auf eine Verlagerung von Teilen der Produktion ins Ausland innerbetriebliche Aushandlungsprozesse entscheidend beeinflusste. Ohne Zweifel gibt es aktuell in zahlreichen Branchen Beispiele tatsächlich erfolgerter Verlagerungen ins Ausland, die in der einschlägigen Wirtschaftspresse auch erhebliche Beachtung finden. Nicht zuletzt dadurch ist in der Öffentlichkeit der nachhaltige Eindruck entstanden, nahezu jedem Unternehmen stehe realistischerweise die Globalisierungsoption offen. Solche öffentlichkeitswirksam plazierten - realiter mitunter durchaus solitären - Beispiele scheinen nun aber zu genügen, um dem Management in innerbetrieblichen Verhandlungen mit der "Globalisierungskarte" gewissermaßen einen Joker in die Hand zu geben, der nur selten seine Wirksamkeit verfehlt. "Daher läßt sich das Ausspielen der Exit-Option bis zu einem gewissen Grad von den Realaktivitäten der Unternehmen abkoppeln. Als Druckmittel in Verhandlungsprozeduren gewinnt sie eine eigene Qualität" (Dörre 1997, S. 281).
Diese "inszenierte Globalisierungsoption" stellt ohne Zweifel eine zunehmend genutzte Bargaining-Strategie in innerbetrieblichen Verhandlungen dar. Der Verweis auf eine mögliche Verlagerung von Unternehmensfunktionen stellt dabei vor dem Hintergrund der breiten politischen Debatte um den gefährdeten Standort Deutschland in einer sich globalisierenden Ökonomie eine Drohung par excellence dar, die wirksam als Machtmittel eingesetzt werden kann. Entscheidend an der "Globalisierungskarte" ist, daß für den Verhandlungspartner kaum zu entscheiden ist, ob die angedrohte Maßnahme im Ernstfall auch tatsächlich durchgeführt werden soll, oder ob es sich um eine Scheindrohung handelt, deren mögliche Realisierung nie ernsthaft in Erwägung gezogen wird. Selten wagen Arbeitnehmervertreter in solchen Situationen die "Probe aufs Exempel" - in aller Regel lassen sie sich auf Verhandlungen zu sogenannten "Abkommen zur Sicherung von Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit" auf der Grundlage eines status quo minus ein.
Mit Blick auf "Globalisierung" kommt es als Folge solcher Standortsicherungsabkommen zu einem eigentümlichen Phänomen. Auf der einen Seite lassen sich bei den "harten Indikatoren" zur Messung von Globalisierungsprozessen kaum Veränderung aufweisen: Durch die Entscheidung für einen "modernisierten" einheimischen Standort, der nun als "fit" für den globalen Wettbewerb eingestuft wird, kommt es zu keiner Ausweitung der Auslandsinvestitionen (FDI); auch dürfte kein Anwachsen von Handelsströmen beobachtbar sein, weil kein globaler Produktionsverbund mit den entsprechenden internen Zulieferketten aufgebaut wird. Und doch ist Struktur und Ergebnis des innerbetrieblichen Bargaining-Prozesses ganz offensichtlich nur zu verstehen als Folge einer von den Verhandlungsparteien in hinreichendem Maße geteilten Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit namens "Globalisierung".
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Am Beispiel der ökonomischen Globalisierung dürfte unschwer die Differenz zwischen objektivistischer und konstruktivistischer Perspektive auf Globalisierung deutlich geworden sein. Sogar dann, wenn sich die Experten über eine angemessene Interpretation der "harten" Fakten aus internationalen Handels- und Investitionsstatistiken sowie über eine Bewertung der Informationen aus den Konzernzentralen der vermeintlichen oder realen "global players" und der politischen Agenturen einigen könnten - wovon sie jedoch weit entfernt zu sein scheinen -, bliebe es weiterhin offen, inwieweit und in welcher Weise sich die gesellschaftlichen Akteure bei ihren Wirklichkeitskonstruktionen und in ihrem Handeln von diesem "neuen" Wissen (oder epistemologisch sauberer: diesen wissenschaftlichen Wirklichkeitskonstruktionen) informieren lassen würden. Denn mitunter scheint auch eine kontrafaktisch imaginierte Globalisierung völlig hinreichend zu sein, gesellschaftliche Wirksamkeit zu entfalten, ohne daß eine solche Konstruktion sofort an der Wirklichkeit scheitern müßte. Im Ergebnis läuft dies darauf hinaus, daß sich aus der Beobachterperspektive von einer Art "Globalisierung ohne Globalisierung" sprechen ließe. (5)
V.
In einem Beitrag zur soziologischen Sicht auf Globalisierung darf abschließend nicht verschwiegen werden, dass die beobachtbaren Globalisierungsphänomene die Disziplin auch erheblich verunsichert und zur Reflexion ihrer eigenen Perspektiven auf Gesellschaft, ihrer Kategorien und eingeschliffenen Denkweise gezwungen haben. "Eine Soziologie, die 'Gesellschaft' fast immer als eine durch den Nationalstaat definierte Größe, eben als nationale Gesellschaft, betrachtet hat, stößt bei einem politisch schwach strukturierten Gebilde wie der 'Weltgesellschaft' auf konzeptuelle Schwierigkeiten" (Habermas 1998, 79).
Daher ist es nicht zufällig, wenn die soziologische Globalisierungsdebatte im Grunde seit ihrem Beginn von einer Debatte um eine Globalisierung der Soziologie begleitet ist. Insbesondere Martin Albrow hat die Debatte stark beeinflusst, auch wenn die Aufgabe aus seiner Perspektive bereits als erledigt angesehen werden kann; in seinem bekannten Vorwort eines Sonderheftes von "International Sociology" konstatiert er schlicht, dass die Soziologie seit Mitte der 1980er Jahre bereits als globale Disziplin anzusehen sei. Dabei bringt er wesentlich folgende drei Argumente in Anschlag: Zum einen werde die Disziplin nun von einer "worldwide community of scholars and scientists" vorangetrieben, zweitens sei ein wichtiger Fokus soziologischer Analysen "the inclusive process of social Change, globalization", und drittens glaubt er ausmachen zu können, die Soziologie sei "the educational role of raising international and global consciousness" verpflichtet (Albrow 1990, 3).
Dieser Behauptung einer bereits gelungenen Transformation der Soziologie in eine globalisierte Disziplin würden so wohl nur wenige Fachwissenschaftler zustimmen. Nach wie vor wird das soziologische Alltagsgeschäft geprägt vom Forschen in nationalen Kontexten: Veränderte Familienstrukturen, Selektivitäten im Bildungssystem, Armut und Reichtum, Sozialstrukturforschung etc. pp. - all dies wird nach wie vor nahezu ausschließlich mit Focus auf eine spezifische Nationalgesellschaft erforscht. Und sogar dann, wenn internationale Aspekte in der Forschung eine tragende Rolle spielen, geht es regelmäßig vor allem um international komparative Fragestellungen, die die Situation in verschiedenen Nationalgesellschaften miteinander vergleichen: Die Scheidungsraten in den OECD-Ländern, der Wandel von Systemen industrieller Beziehungen in der EU, Migrationspolitik in Australien, USA und Kanada ...
Scheinbar sind die nationalgesellschaftlich geprägten Kategorien und Forschungsansätze fester disziplinär verankert, als man das gerne wahrhaben würde, und ganz offensichtlich ist ein solch grundlegender Perspektivenwandel hin zu einer "globalen Disziplin" - trotz Wissens um die Fragwürdigkeit der einseitig nationalstaatlichen Fokussierung soziologischer Analysen in einer zunehmend globalisierten Welt - nur äußerst schwierig zu bewerkstelligen. Becks Einschätzung kann daher nur zugestimmt werden: "Die Axiomatik einer nationalstaatlich eingestellten Soziologie der Ersten Moderne ist in den Debatten der letzten Jahre kräftig erschüttert worden. Doch ist ihr programmierter Blick, insbesondere was die organisierte Forschungspraxis und die eingeschliffenen Kontroversen betrifft, nach wie vor dominant, gerade auch in Deutschland. (...) Die Verknüpfung zwischen Soziologie und Nationalstaat reicht so weit, daß das Bild "moderner" geordneter Einzelgesellschaften, das mit dem politischen Organisationsmodell Nationalstaat verbindlich wurde, durch den im besten Sinne fundamentalen Begriffslegungsanspruch sozialwissenschaftlicher Klassiker zum denknotwendigen Bild von Gesellschaft überhaupt verabsolutiert wurde" (Beck 1997, 52f.).
Das Lamento um das fehlende begriffliche und analytische Instrumentarium eine "globalen Soziologie" ist in der Zwischenzeit weit verbreitet - ebenso programmatische Äußerungen darüber, was alles gemacht werden müsste. Weit weniger häufig sind hingegen konstruktive Lösungsvorschläge darüber, in welche Richtung gedacht werden könnte; dies vermag kaum zu verwundern, denn die notwendigen Änderungen könnten durchaus radikaler Art sein. Ob und wie etwa die Soziologie, die als Gesellschaftswissenschaft das Spektrum der universitären Disziplinen betreten hatte, damit umgehen kann, sich von dem für die Disziplin bislang konstitutiven, nun aber als nationalgesellschaftlich "verseucht" wahrgenommenen Begriff der "Gesellschaft" zu verabschieden und statt dessen in terms von "sozialen Räumen" oder "sozialen Netzwerken" zu sprechen, muss dahin gestellt bleiben. Fraglos ist jedoch, dass die Soziologie sich zur Globalisierung ihres Gegenstandsbereiches verhalten muss; hierin liegt eine der wesentlichen Zukunftsaufgaben der Disziplin, will sie sich nicht auf längere Sicht mit dem Nationalstaat als nationalstaatlich orientierte Wissenschaft von der Bühne der Weltgesellschaft in die Bedeutungslosigkeit verabschieden.
Anmerkungen
(1) Wenn es im folgenden Beitrag um konkrete Beispiele aus dem Bereich "ökonomischer Globalisierung' geht, werde ich mich inhaltlich und textlich immer wieder an einschlägige frühere Veröffentlichungen von mir anlehnen (etwa Trinczek 1999).
(2) Zur Geschichte der internationalen Finanzmärkte vgl. u.a. Eichengreen 1996.
(3) In der einschlägigen Wirtschaftspresse sind immer wieder Berichte zu lesen, aus denen hervorgeht, daß das eine oder andere namhafte bundesdeutsche Unternehmen größere Verluste im dreistelligen Millionenbereich bei Währungstermingeschäften hinnehmen musste. Breitere Aufmerksamkeit erregte der Fall der Metallgesellschaft, die durch Fehlspekulationen im Terminhandel mit Rohöl an den Rande des Konkurs getrieben wurde.
(4) Vgl. etwa die bereits frühzeitig von J. Tobin (1978) vorgeschlagene 1%ige Transfer-Steuer auf Devisentransaktionen, von der angenommen wird, daß sie aufgrund des dadurch erhöhten Verlustrisikos wohl die rein spekulativen Finanztransaktionen in gewissem Umfang eindämmen könnte.
(5) Angesichts dieser Situation läge es möglicherweise auch näher, verstärkt Diskursanalysen in den verschiedenen gesellschaftlichen Thematisierungskontexten von Globalisierung (etwa Wirtschaft, Politik, Wissenschaft etc.) zu betrieben, als sich weiterhin auf die Suche nach neuen "wissenschaftlichen" Detailbefunden zu machen.
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