Politisches Lernen mit alten und neuen Medien (Rezension)
Civic Education With Old and New Media (Review)
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Holger Meeh
Georg Weißeno (Hrsg.) (2002): Politikunterricht im Informationszeitalter. Medien und neue Lernumgebungen. [Civic Education in the Information Age. Media and New Environments of Learning]. (Politik und Bildung; 25). Schwalbach/Taunus: Wochenschau-Verlag. ISBN 3-87920-635-X, 328 S., 19,43 Euro.
Medien spielen in der Planung und Durchführung von Politikunterricht eine eminent wichtige Rolle. Umso erstaunlicher ist es, dass in der fachdidaktischen Literatur das Thema "Medien" bisher eher stiefmütterlich behandelt wurde. Der hier vorgestellte Band ist ein erster Schritt zur Schließung dieser bedauerlichen Lücke. Die 23 Beiträge sind im Rahmen des 7. Werkstattgesprächs zusammen getragen wurden, das die Bundeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis "Theorie und Praxis" der Deutschen Vereinigung für politische Bildung im November 2000 durchführte. Die Autoren haben sich dabei vorgenommen, grundsätzliche Fragen im Umgang mit Medien im Politikunterricht auf unterschiedlichen Ebenen zu klären, dabei Mediendidaktik, Medienerziehung und Mediennutzung politikdidaktisch zu verorten und mit Beispielen aus der Praxis zu illustrieren. Der so entstandene Sammelband gliedert sich in zwei Teile.
Im ersten Teil setzen sich die Autoren mit politikwissenschaftlichen und politikdidaktischen Aspekten des Themas auseinander. Georg Weißeno zeigt in seinem Beitrag auf, dass - entgegen üblicher Lehrpraxis - ein vorhandenes Medium niemals Ausgangspunkt bei der Planung von Politikunterricht sein kann und sich sein Einsatz nicht allein medienerzieherisch, bzw. -didaktisch begründen lässt. Vielmehr muß die Medienentscheidung in ein Netz politikdidaktischer, inhaltlicher und methodischer Überlegungen eingebunden sein, um nicht zu einem reinen Selbstzweck zu werden oder schlimmstenfalls kontraproduktiv zu wirken. Mit dem Zusammenhang von Bürgerleitbildern und dem unscharfen Begriff der Medienkompetenz setzt sich Peter Massing auseinander. Anhand unterschiedlicher Bürgerleitbilder entwickelt er ein Konzept politikorientierter Medienkompetenz und akzentuiert so den politikdidaktisch relevanten Kern dieses schillernden Begriffes. Mit politikwissenschaftlichen Fragestellungen in Bezug auf die Rolle des Internets setzen sich die Beiträge von Hans J. Kleinsteuber und Tanja Loitz, sowie Thomas Simon auseinander. Beide Aufsätze verdeutlichen, dass die digitalen Medien zwar über große Potentiale im Hinblick auf größere Bürgernähe und erweiterte Partizipationsmöglichkeiten verfügen, dass es aber bis zur Vision einer "elektronischen" Demokratie noch ein weiter Weg ist. Aus medienpädagogischer Perspektive fordert Gerhard Tulodziecki den verstärkten Einsatz der neuen Medien für politischen Unterricht der aus seiner Sicht zu einem medienpädagogischen Gesamtkonzept für die eigene Schule weiter zu entwickeln wäre. Mit der nicht immer unproblematischen Verbindung von Technik und Pädagogik setzt sich Peter Baumgartner am Beispiel webbasierter Lernumgebungen auseinander. Anhand zweier Fallstudien weist er nach, dass sich hinter vermeintlich inhaltsneutralen Web-Based-Training-Plattformen dezidierte pädagogisch-didaktische Leitbilder verbergen, die nicht für jede Art des Lernens gleich gut geeignet sind. Dass auch die längst etablierten Medien einmal neue Medien waren und die Pädagogik zu neuen Konzepten herausgefordert haben, stellt Tilmann Grammes in seinem Aufsatz an einigen exemplarischen Beispielen aus der Mediendidaktik dar. Für Wolfgang Sander verändern die digitalen Medien tradierte Lernkulturen tiefgreifend und verschärfen die latente Legitimitätskrise des öffentlichen Bildungswesen. Auch die politische Bildung muss sich dieser Veränderung stellen und schon im Bereich der Lehrerbildung mit entsprechenden Ausbildungsangeboten ansetzen. Den ersten Teil schließt der Beitrag von Kartin Kroll, indem sie sich mit dem Einsatz von digitalen Medien im Politikunterricht aus geschlechtsspezifischer Perspektive analysiert. Dabei kommt sie zum Ergebnis, dass eine allzu große Techniklastigkeit die Qualität von politischer Bildung mindern kann sowie Mädchen und junge Frauen fast unbemerkt von unterrichtlicher Kommunikation ausgeschlossen werden.
Im zweiten Teil des Bandes werden Praxiserfahrungen mit verschiedenen Medientypen dargestellt. Gotthard Breit und Frank Lesske stellen in ihrem Beitrag zu "Politikunterricht mit Zeitungstexten aus dem Internet" Vorschläge für eine Verbindung von traditionellen und neuen Medien vor und reflektieren diese im Hinblick auf Potentiale und Probleme. Ebenfalls mit dem Medium Zeitung setzt sich Hans-Werner Kuhn auseinander und beschreibt dabei ein methodisches Instrumentarium zur Textanalyse. Dagmar Richter weist in ihrem Beitrag auf die von der politischen Bildung vernachlässigte Kinder- und Jugendliteratur hin und entdeckt dort eine Fülle von politischen Themen. Mit dem herausragenden Medium Schulbuch und seiner Rolle als "Pädagogicum" und "Politicum" beschäftigt sich Joachim Detjen. Für das andere klassische Arbeitsmittel "Tafel" zeigt Kurt Lach, dass es für sie auch im Zeitalter der multimedialen Präsentationsformen immer noch zeitgemäße Funktionen und Anwendungsformen gibt. Dass politische Lernprozesse auch ohne die klassischen Printmedien möglich sind, verdeutlichen die Beiträge von Carla Schelle, Herbert Heinecke und Günther Gugel. Schelle geht der Frage nach, inwieweit Bilder Vorstellungen über Politik und Gesellschaft vermitteln und wie deren Analyse für die politische Bildung fruchtbar gemacht werden kann. Heinecke setzt sich mit dem Thema "Spielfilme im Politikunterricht" auseinander und beschreibt anhand einiger Fallbeispiele eindrucksvoll wie diese Lernprozesse bereichern können, wenn sie mit Hilfe von Konzepten der politischen Kulturforschung analysiert werden. Gugel zeigt am Beispiel der CD-ROM "Global Lernen" dass ein solches Multimedium bei didaktisch geschickter Gestaltung individuelles und kooperatives Lernen fördern kann. Dass Ergebnisse von Schülerwettbewerben selbst zu Medien werden können, beschreibt Friedhelm Zöllner anhand von Erfahrungen mit dem Schülerwettbewerb zur politischen Bildung. Das Unterrichtswerkzeug Computer und seine Möglichkeiten beschreibt Wolfgang Sander am Beispiel eines Projekts mit der inzwischen schon klassisch zu bezeichnenden Software "Grafstat". Welches große Potenzial zur schulübergreifenden Kooperation modernen Kommunikationsmöglichkeiten bieten, zeigen Michael Longerich und Manfred Wissel am Beispiel eines Videokonferenz-Projektes zwischen einer deutschen und einer dänische Schule, sowie Michael Jaletzke anhand eines schulübergreifenden Mindmapping-Projektes, welches mit Hilfe des Internets durchgeführt wurde. Auf weitere Einsatzmöglichkeiten des Internets für die politische Bildung und Produktionsbedingungen für eigene Online-Projekte gehen abschließend die Beiträge von Michael Kerber, sowie Karl-Ulrich Templ ein.
Dem Band ist die CD-ROM "Wegweiser durch das Internet für den Politikunterricht" beigefügt, der ein kommentiertes Verzeichnis wichtiger Webadressen, sowie Offline-Versionen ausgewählter Websites enthält. Dieser Wegweiser bietet dem Leser die Möglichkeit, sich über relevante Internetadressen ausführlich zu informieren und wichtige Ressourcen auf der CD-ROM zu durchstöbern. Erste Schritte in die unübersichtliche Welt des World Wide Webs werden somit erleichtert.
Alles in allem ist "Politikunterricht im Informationszeitalter" ein sehr gelungener Band der mit Gewinn zu lesen ist und eine Fülle von Denkanstössen und Anregungen enthält. Leider können in einem solchen Werk beileibe nicht alle Medientypen ausführlich behandelt werden. Dies wäre Aufgabe eines noch zu verfassenden Handbuches "Medien im Politikunterricht". Allerdings zeigen die meisten Beiträge auch, dass die Politikdidaktik trotz des aufkeimenden Interesses an medialen Alternativen immer noch sehr stark auf die Arbeit mit Texten fixiert ist. Dass dies bei allen guten Gründen hierfür nicht mehr ganz zeitgemäß ist, zeigt die einzige eklatante Schwäche des Bandes: Keiner der Beiträge setzt sich mit dem "Fernsehen" auseinander, dem Medium, dass für die politische Meinungsbildung breiter Bevölkerungsschichten die zentrale Rolle spielt. Dies ist eine bedauerliche und auch unverständliche Lücke, die den ansonsten positiven Gesamteindruck ein wenig trübt.
Keywords: Informationszeitalter, Medien, neue Medien, Mediendidaktik, Medienpädagogik, Lernkultur, Politikunterricht, politisches Lernen, CD-ROM, Videokonferenz, Bild, Film, Spielfilm, Zeitungstext, Kinderliteratur, Jugendliteratur, Internet, Bürgerleitbild, Schulbuch, Web-based-training
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Publishing date: 31.07.2002
