Welche ökonomische Bildung wollen wir?
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Andreas Fischer
Darüber, dass ökonomische Allgemeinbildung notwendig ist, herrscht breiter Konsens. Darüber, wie sie in den Schulen organisiert werden soll, gibt es eine aktuelle Debatte. Aber welche ökonomische Bildung es sein soll, ist in der fachdidaktischen Diskussion ungeklärt und - so scheint es - es wird mehr darüber geschwiegen als diskutiert. So werden an Lebenssituationen ausgerichtete Ansätze erörtert (Steinmann), denen der Vorwurf gemacht wird, dass ein bisschen Verbrauchererziehung und / oder Berufsorientierung noch keine ökonomische Bildung ausmache. Es existieren an Schlüsselproblemen orientierte Konzepte (Schweizer), an denen kritisiert wird, dass Schule für gesellschaftliches Krisenmanagement herhalten muss und die ökonomische Bildung sich damit übernimmt. Auf die Wirtschaftswissenschaft ausgerichtete Ansätze (Dauenhauer, Kruber, May) müssen sich gefallen lassen, dass sie sich nicht den komplexen Lebenssituationen der Lernenden widmen und kontroverse Erklärungsansätze und Gestaltungsmöglichkeiten vernachlässigen. Handlungsorientierten Ansätzen (Weitz) wird vorgeworfen, dass dem Spaß gegenüber den Inhalten ein zu hoher Stellenwert eingeräumt wird. Einige Konzepte versuchen zwar, handlungsorientierte Überlegungen mit wirtschaftswissenschaftlichen (Verhaltens-) Theorien zu verknüpfen (Kaminski, Krol), die gegenseitigen Abgrenzungen werden aber nicht überwunden.(siehe Beitrag Weber in dieser Ausgabe) Hinzu kommt, dass die wirtschaftsberufliche Bildung in den genannten Konzepten weitgehend vernachlässigt wird (vgl. Kaiser et al, 1995) und dass das Verhältnis zur politischen Bildung nach wie vor ungeklärt ist.
Ein umfassendes und in sich geschlossenes Konzept liegt noch nicht vor. Auf abstrakter Ebene scheint lediglich Einigkeit darin zu bestehen, dass es Ziel bzw. die Kernaufgabe einer wirtschaftsberuflichen bzw. ökonomischen Bildung sei, zunächst die ökonomische Analysekompetenz zu fördern, weiterhin ökonomisch ausgerichtete Einstellungen aufzubauen und schließlich - quasi als kritisch-reflexives Potential zu den beiden ersten Zielen - die moralische Verantwortung zu fördern (vgl. exemplarisch Beck, 1997).
Das folgende Themenheft des sowi-onlinejournal - Zeitschrift für Sozialwissenschaften und ihre Didaktik - widmet sich der Frage "Welche ökonomische Bildung wollen wir?". Damit soll nicht nur die Diskussion belebt werden, sondern gleichzeitig sollen die Beiträge Antworten auf vielfältige Fragen entwickeln:
- Was ist die grundlegende Idee einer ökonomischen Allgemeinbildung?
- Auf welche Fachwissenschaften und Subdisziplinen soll sich ökonomische Bildung beziehen?
- Wie soll sie mit dem Spannungsverhältnis von immer stärkerer disziplinärer Differenzierung (z. B. Mikro- und Makroökonomik, Spieltheorie, Betriebswirtschaftslehre, Marketingwissenschaft ...) und zugleich immer unschärferer disziplinärer Grenzen (z. B. Sociological Economics, Economic Sociology, Socio-Economics) umgehen?
- Wie verhält sie sich zur Frage der Einheit der Gesellschaftswissenschaften?
- Wie soll sie mit der Paradigmenvielfalt und den Paradigmenkonflikten in der Ökonomik i. w. S. umgehen (z. B. Neoklassik, Old Institutional Economics, New Institutional Economics, Evolutionäre Ökonomik, Ökologische Ökonomik, Sozioökonomik)?
- Was sind die wichtigsten ökonomischen Kategorien, Konzepte, Theorien und Methoden für eine allgemeine ökonomische Bildung?
- Wo liegen die bevorzugten erziehungswissenschaftlichen Ankerpunkte einer ökonomischen Allgemeinbildung?
- Was sind die genuinen und konstitutiven fachdidaktischen und fachmethodischen Leitprinzipien einer ökonomischen Allgemeinbildung (etwa im Unterschied z. B. zur politischen Bildung)?
- Braucht ökonomische Bildung ein Leitbild (oder mehrere Leitbilder) des Verhältnisses von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik? Wenn ja, welche(s) soll(en) es sein?
- Wie kann man ein spezifisch fachdidaktisches Leitbild der Lernenden und des ökonomisch allgemein gebildeten Subjekts beschreiben und begründen (z. B. homo oeconomicus, homo oeconomicus et politicus, homo culturalis, homo sustinens ...)?
- Welches sind die grundlegenden Leitziele einer ökonomischen Allgemeinbildung?
- Auf welches theoretische und empirische Wissen über ökonomisches Lernen und ökonomische Sozialisation kann eine Konzeption ökonomischer Allgemeinbildung zurückgreifen?
- Gibt es als typisch und verallgemeinerungsfähig identifizierbare ökonomische Probleme, Wahrnehmungsmuster, Handlungsmuster, Situationen, die die Basis fachdidaktischer Konstrukte bilden können?
- Nach welchen Kategorien und Ordnungsprinzipien soll das ökonomisch allgemeinbildende Curriculum strukturiert werden?
Um es vorweg zu nehmen: Unser Anliegen, die Diskussion aufzugreifen und voranzubringen, trifft - das zeigt die Resonanz auf die Leitfrage - ein breites Interesse. Aber: Der Weg hin zu einem relativ geschlossenen, plausiblen fachdidaktischen Konzept einer ökonomischen Bildung, das schlüssige Antworten auf die genannten Fragen liefern kann, ist weit. Natürlich ist kritisch zu überprüfen, ob es überhaupt sinnvoll und erstrebenswert ist, ein solches Konzept zu entwickeln. Doch diese Frage soll hier nicht vertieft werden. Vielmehr wird - quasi als Einstimmung auf die vorliegenden Ausführungen - auf die heterogenen, spannungsgeladenen und im Grundsätzlichen wie in Detailfragen bestehenden Widersprüchlichkeiten sowie auf brachliegende Aufgabenfelder hingewiesen. Dieses Spannungselement wollen wir bereits in der Anordnung der Beiträge andeuten (wohl wissend, dass das Durchblättern einer online-Zeitschrift nicht unbedingt der Intention und Logik der Herausgeber folgt).
Den systematischen Einstieg geben die Überlegungen von Birgit Weber. Sie versucht, die scheinbar unversöhnlichen Gegensätze einzelner fachdidaktischer Ansätze zu überbrücken. Da unsere Frage "Welche ökonomische Bildung wollen wir?" nicht nur scheinbar inhaltsneutrale Aspekte anspricht, sondern zugleich dazu auffordert, das paradigmatische Selbstverständnis darzulegen, bietet es sich an, die Ausführungen von Peter Ulrich als Ouvertüre einer kritischen Diskussion zu betrachten. Für ihn sollte eine Wirtschaftslehre zwei grundlegenden systematischen Anforderungen genügen: Zum einen sollte zwischen einer konventionellen Bereichslehre der Wirtschaft und einer Aspektlehre der ökonomischen (Rationalitäts-) Perspektive unterschieden werden. Zum andern gilt es innerhalb der Bereichslehre der Wirtschaft wiederum zwischen Wirtschaftssystem (Systemökonomie) und dem gesellschaftlichen Wirtschaftsleben (Sozialökonomie) zu unterscheiden. Ulrichs kurze programmatische Hinweise sollen reichen, unter fachdidaktischen Gesichtspunkten die von ihm zur Diskussion gestellte Systematik aufzuarbeiten. Die weiteren Beiträge greifen verschiedene Fragen wie etwa die nach dem ökonomischen Lernen in der Grundschule (Eva Gläser), der Bedeutung und dem Stellenwert der ökonomischen Bildung in der politischen Bildung (Dietmar Kahsnitz), der Bedeutung der Arbeit (Gerd Famulla) oder des Konsums (Karl Kollmann) in der ökonomischen Bildung auf. Während Hans Jürgen Schlösser das Verhältnis zwischen fachdidaktischem Selbstverständnis und den Wirtschaftswissenschaften etwas grundsätzlicher erörtert, macht Klaus-Peter Kruber deutlich, wie der Stand der Fachwissenschaft von fachdidaktischen Kategorien geleitet verarbeitet werden kann, so dass gleichzeitig die ökonomischen Perspektiven bewusst werden und fachübergreifend unterrichtet werden kann. Andreas Zoerner stellt nicht die Bezugswissenschaft in den Mittelpunkt seiner Ausführungen, sondern den gesellschaftlichen (Modernisierungs-) Prozess. Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklungen will er ökonomische Bildung nicht allein vom Gegenstandsbereich Ökonomie verstanden wissen, sondern zugleich als eigenständigen Denkansatz zur Analyse gesellschaftlicher Prozesse verwenden. Die vorliegende online-Ausgabe schließen wir mit einem Beitrag von Rolf Dubs, der sein mit persönlichen Kommentaren versehenes Verständnis einer Bildung des allgemeinen Wirtschafts- und Gesellschaftsverständnisses als Teil der Allgemeinbildung darlegt.
Der in den Beiträgen geführte Diskurs aus dem deutschsprachigen Raum (Deutschland, Schweiz und Österreich) macht deutlich, dass ein institutionell abgesicherter Wirtschaftslehreunterricht als notwendig und sinnvoll angesehen wird. Doch nach wie vor wird kontrovers diskutiert, wie dies organisatorisch umzusetzen ist (Stichwort: Fächerorientierung versus fachübergreifendes Prinzip) und welche Schwerpunkte zu setzen sind (hier: Arbeit und/oder Konsum und/oder Wirtschaftspolitik). Uneinigkeiten bestehen weiterhin in Detailfragen z.B. ob das Lernen in Lernfeldern unter fachdidaktischen Gesichtspunkten geeignet ist, eine ökonomische Bildung als Allgemeinbildung zu fördern. Die Antworten fallen - Wen wird das wundern - differenziert, heterogen und zum Teil kontrovers aus.
Alle Beiträge machen deutlich - und bestärken unser Ziel als Herausgeber -, dass der theoriegeleitete sozialwissenschaftliche Diskurs mit und zwischen den Fachdidaktiken zu pflegen und fortzusetzen ist. Wir danken den Autorinnen und Autoren herzlich für Ihre Mitarbeit.
Andreas Fischer
(c) 2001 sowi-online e.V., Bielefeld
Leading Editor of jsse 2-2001: Andreas Fischer
WWW-Presentation: Norbert Jacke
Processing: Lea Holtmann
Publishing date: 11.11.2001
URL: http://www.jsse.org/2001-2/einfuehrung_fischer.htm
Corrections: 01.08.2003
